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  • 20.04.2011

Der Kampf des Kapitalisten

FUSSBALL Martin Kind, Präsident von Hannover 96, findet auch eine Komplettübernahme von Vereinen durch Investoren gut. Deshalb will er die 50+1-Regelung zu Fall bringen

AUS HANNOVER CHRISTIAN OTTO

Sein aufstrebender Sportverein, den Martin Kind Stück für Stück in eine moderne Fußballfirma umgewandelt hat, wird heute Abend mit erstaunlichen Nachrichten beglückt. Es erfüllt den Präsidenten, Macher und Geldgeber von Hannover 96 mit Genugtuung, dass er auf der Mitgliederversammlung des Vereins von einer finanziellen Gesundung sprechen kann. Einem Verlust in Höhe von rund 6 Millionen Euro aus dem vergangenen Geschäftsjahr folgt in der aktuellen 96-Buchführung immerhin ein Gewinn im sechsstelligen Bereich.

Zahlen wie diese klingen erfreulich, sie sind aber auch ein weiterer Beleg dafür, dass Hannover 96 im Konzert des ganz großen Fußballs finanziell nicht wettbewerbsfähig ist. Deshalb wird Kind seine Klage gegen die so genannte 50+1-Regelung mit aller Konsequenz verfolgen. "Wir ziehen das durch", sagt der 66-Jährige, der fest entschlossen ist, sein Recht auch vor einem ordentlichen Gericht zu erstreiten. Nach der 50+1-Regel ist es Kapitalanlegern bislang nicht möglich, die Stimmenmehrheit in von Fußballvereinen gegründeten Kapitalgesellschaften zu übernehmen.

Auch der jüngste Höhenflug des Tabellenvierten Hannover 96, der Träumereien von einem Start in der Champions League möglich macht, bestärkt Kind in seiner Auffassung. Mit einem Etat von gerade einmal 50 Millionen Euro hat ein niedersächsischer Klub auf der ganz großen Bühne des bezahlten Fußballs wenig bis gar nichts zu suchen. Und eben dieses Ungleichgewicht der finanziellen Kräfte bestärkt Kind darin, dass Investoren die Geschäfte der deutschen Profiklubs nicht nur mit bezahlen, sondern auch mitbestimmen dürfen sollten. Die Tücke der 50+1-Regelung, zum Schutz der in Kapitalgesellschaften umgewandelten Vereine eingeführt, sind die von Konzernen dominierten Klubs VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen. Kind bemängelt, dass im deutschen Fußball zwei solch augenfällige Ausnahmen genehmigt worden sind, und will gleiches Recht für alle. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sträuben sich, die anderen Vereine zeigen Kind die kalte Schulter. Doch alle ahnen, dass dieser zähe Mann mit logischen Argumenten sein Ziel erreichen könnte. Bis zum Sommer bleibt allen Beteiligten noch Zeit, ein gemeinsames Konsensmodell zu entwickeln.

Kind hat ein Schiedsgerichtsverfahren angestrebt, das die Statuen der DFL sowie des DFB vorschreiben, und hofft im Juli auf eine für ihn positive Entscheidung. Gibt es kein Einlenken, wird Kind vor ordentlichen Gerichten um seinen Sieg streiten. Dass in seinem Büro in Großburgwedel bei Hannover immer häufiger das Telefon klingelt, weil sich Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und andere Vereine nach dem Stand der Dinge in einem äußerst komplizierten Verfahren erkundigen, wertet Kind als ein Aufwachen bei der Konkurrenz. Was Kind für Hannover 96 möchte, ist gar kein Scheich oder russischer Gas-Milliardär, sondern die Chance, regionale Unternehmen am Aufrüsten seiner Fußballfirma zu beteiligen. Einem zahlungswilligen Investor ein Entscheidungsrecht vorzuenthalten, hält Kind für nicht zeitgemäß und illusorisch.

Dass der Vorreiter für das Kippen der 50+1-Regelung keine Verbündeten sucht, dürfte an seiner zuweilen eigenwilligen Art, aber auch an seiner Rechtsposition liegen. Experten räumen dem Chef einer weltweit erfolgreichen Hörgerätehersteller-Kette nach einem Scheitern auf verbandsrechtlicher Ebene beste Chancen auf einen Sieg vor dem Europäischen Gerichtshof ein. Ende 2009 hatte sich auf einer Mitgliederversammlung der DFL kein einziger Erst- oder Zweitligist gefunden, der Kind bei seinem Ansinnen unterstützen wollte. Trotzdem sieht sich der fußballbegeisterte Unternehmer auf dem richtigen Weg. Schließlich streite er nicht nur für seinen eigenen Klub, sondern für alle Bundesligisten. Die Unterkapitalisierung eines Vereins wie Hannover 96 und von so manchem Mitbewerber in der Tabelle hält Kind für einen gefährlichen Tatbestand und legt deshalb allen Beteiligten nahe, sich zumindest mit einem Kompromiss anzufreunden. "Es gibt unzählige Optionen. Und kein Verein muss diesen Weg gehen. Aber ich kämpfe darum, dass er geebnet wird", sagt Kind. Zwei Rechtsanwaltskanzleien sind in seinem Auftrag damit beschäftigt, den großen Wurf vor Gericht vorzubereiten.

"Wir ziehen das durch"

ZUR NOT WILL MARTIN KIND BIS VOR DEN EUROPÄISCHEN GERICHTSHOF ZIEHEN

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