Das taz Print-Archiv

Hier können Sie in alten taz-Ausgaben blättern:

 

  • 06.02.2009

Die Ökonomie der Natur

Darwin gilt als der Kronzeuge der neoliberalen Ideologie: Nur der Stärkere überlebt. Dabei liefert seine Auffassung von der Natur die besten Argumente gegen Marktradikale

Was kann man von Charles Darwin angesichts der aktuellen Krise der neoliberalen Marktideologie lernen? Was die konkreten wirtschaftlichen Verfahrensweisen angeht: nichts. Darwin selbst schreibt in einem Brief an Karl Marx, in dem er sich für die Zusendung der zweiten Auflage des "Kapitals" bedankt, dass er von Ökonomie leider zu wenig verstehe, um dessen Analyse angemessen würdigen zu können.

Ideologisch hingegen lohnt die Beschäftigung mit Darwins Naturverständnis. Gerade jetzt. Anders nämlich als weithin angenommen, lässt sich mit Darwin gegen die neoliberale Ideologie argumentieren. Und das, obwohl immer da, wo der Kapitalismus hemmungslos seine Arbeit tut und Konkurrenzverhältnisse auf den buchstäblichen Kampf ums Dasein zuschraubt, Neoliberale mit Darwin als Kronzeugen aufwarten. Ihre Bezugnahme aber ist einer Verwechslung geschuldet. So setzen sie gerne die gesellschaftlichen Verhältnisse des Laisser-faire-Kapitalismus, die zu Lebzeiten Darwins vorherrschten, schlicht mit seiner Theorie in eins.

Ein aktuelles Beispiel für dieses folgenreiche Missverständnis bietet die Biologin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Vollhard. Frau Nüsslein-Vollhard glaubte in ihrem Zeit-Beitrag zum Darwin-Jahr mitteilen zu müssen, dass "die Natur in gewisser Weise kapitalistisch funktioniert". Das ist einfach zu widerlegen - und zwar mit Darwins Methode von der "Feststellung der Varietäten".

Man nehme eine bestimmte, nach dem Zufallsprinzip ausgesuchte Menge von Menschen aus sagen wir Frankfurt am Main. Diese untersuche man in Hinblick auf die Variabilität bei Alter, Körpergröße und Einkommen. Bei keinem der untersuchten Parameter werden die Hoch- und Tiefwerte so weit auseinanderliegen wie beim Einkommen. Das aber hat mit Natur nicht das Geringste zu tun - im Unterschied etwa zum Alter. Die monströse Ungleichheit in den menschlichen Gesellschaften ist allein eine Folge des kapitalistischen Bezahlsystems und nicht der Natur und ihren notwendigen Ungleichheiten.

Um Differenz in ihrer fundamentalen Wirkung auf das Zusammenleben in der bürgerlichen Gesellschaft richtig beurteilen zu können, müsste man allerdings zuerst das eigene Denken entsakralisieren. Und das bedeutet, Einkommensunterschiede nicht als gott- oder naturgegeben anzusehen, sondern als von Menschen gemacht. Genau das kann man von Darwin lernen. Denn Darwin ist bis heute der konsequenteste Entsakralisierer der Natur - und damit auch der menschlichen Gemeinschaft. So verneinte er überzeugend jede Stabilitätsvorstellung, jeden Fortschrittsgedanken und jede Logik der Zielsetzung als grundlegend für das Naturgeschehen. Stattdessen zeigte er, wie die Natur sich entwickelt und verändert. Andauernd und unaufhörlich, aber sie entwickelt sich nicht höher und sie pendelt sich nicht in einem Gleichgewicht ein. Sie macht, was sie will - beziehungsweise, was ihre Teilnehmer unter den gegebenen äußeren Bedingungen vermögen. Nicht mehr und nicht weniger. Niemand, so die Überzeugung Darwins, lenkt das Naturgeschehen und keiner kann es souverän überblicken. Eine "unsichtbare Hand", die alles lenkt, existiert nicht.

"Genau das behauptet doch der Neoliberalismus auch vom Markt!", ruft jetzt ein Foucault-Anhänger leicht angespannt dazwischen. "Stimmt", ließe sich antworten. Der Liberalismus und der Neoliberalismus glauben nicht an einen Souverän, der das Marktgeschehen verstehen und damit kontrollieren und planbar machen könnte. Das kann der sogenannte Markt nur ganz allein.

Dieser Theorie liegt eine zutiefst sakrale Überzeugung zugrunde. Über oder im Markt nämlich schwebt bei den Denkern der liberalen Ökonomie stets jene "unsichtbare Hand", die das Marktgeschehen irgendwie im Griff hat. Zwar kann man sie nicht sehen und verstehen, aber mit ihr rechnen muss man schon, sonst wird alles noch schlimmer. Auch der Ökonom und Chefideologe des Neoliberalismus Friedrich von Hayek ist dieser Ansicht. Hayek aber verspricht nie, es würde besser werden, ließe man den Markt nur walten. Stattdessen sagt er: Versucht man ihn zu regulieren, gerät er aus dem Lot - und alles wird schlechter.

Die "unsichtbare Hand" ist eine Denk- und Begriffsfigur, die in den Schriften von Adam Smith, des Begründers des Liberalismus, in etwa dieselbe Wichtigkeit besitzt wie die Idee der "Ökonomie der Natur" bei Darwin. Insofern lohnt es sich anzusehen, was Letzterer darunter versteht und wie er dieser Denkfigur den Heiligenschein nimmt.

Die "Ökonomie der Natur" hat nicht Darwin erfunden, sie ist eine Vorstellung des 18. Jahrhunderts. Es war schon damals aufgefallen, dass zum Beispiel Hasen viel mehr Nachkommen zeugen als später an erwachsenen Tieren vorhanden ist. Der Überschuss an Nachkommen, so nahm man an, sei so eine Art Umweltsteuer, die Hasen an Adler, Füchse oder Wölfe zahlen, damit auch sie leben können. Genauso erklärte man sich das Artensterben: Gingen irgendwo Tiere oder Pflanzen zugrunde, dann entstünden an anderer Stelle neue Formen. Die Gesamtsumme bliebe sich stets gleich.

Mit dieser Vorstellung hat Darwin gründlich aufgeräumt, indem er nachwies, dass der vorausgesetzte Gleichgewichtszustand der Natur nicht existiert. Die Natur entwickele sich prinzipiell irregulär und unberechenbar. Die überschüssige Nachkommenzahl sehr vieler Lebewesen ist folglich keine Umweltsteuer an andere Lebewesen, sondern ein Prinzip der in alle Richtungen wuchernden Natur. Wenn die Bedingungen es erlauben, können auch alle Nachkommen zur Reife heranwachsen. Zwar sehen sich die Lebewesen in der Regel Bedingungen gegenüber, die ihre grenzenlose Ausbreitung verhindern. Das können Klimaverhältnisse, Nahrungsangebote, Fressfeinde oder einfach nur ein allzu begrenzter Platz zum Leben sein. Entscheidend für Darwins Auffassung der Ökonomie der Natur ist aber, dass die das Leben begrenzenden oder fördernden Bedingungen, die er in ihrer Gesamtheit unter den Terminus "natürliche Selektion" fasst, den Organismen äußerlich sind. Sie müssen mit den gegebenen Verhältnissen leben und sich bei Androhung des Untergangs anpassen. Deshalb hat Leben für Darwin auch nichts mit Leistung zu tun. Alles, was lebt, ist schon weil es lebt, angepasst. Was von der natürlichen Selektion für untauglich befunden wird, kommt erst gar nicht zur Welt.

Wenn aber die Tatsache, dass ein Organismus lebt, ausreicht, um seine Existenz zu legitimieren, dann lässt sich mit Darwin keineswegs begründen, dass es dem natürlichen Gleichgewicht diene, wenn Lebewesen vorzeitig sterben. Im Gegenteil: Darwins Naturverständnis legt eine ganz andere und dem Neoliberalismus gegenläufige Moral nahe: Naturgemäß wäre es, die Lebensbedingungen so zu verändern, dass alle Lebewesen ihren Platz und ihre Entwicklungsmöglichkeit finden.

So gesehen ist die Formel vom Kampf ums Dasein wahrscheinlich die in ihrer Wirkung schrecklichste Fehlformulierung Darwins. Denn er meinte sie als Metapher und nicht als Maxime für den Wettkampf auf dem liberalen Markt. Von Darwin zu lernen bedeutet demnach: Der Neoliberalismus ist eine durch und durch künstliche Angelegenheit. Mit Prozessen in der Natur hat er nichts gemein.
CORD RIECHELMANN

Der Kampf ums Dasein ist wahrscheinlich die schrecklichste Fehlformulierung Darwins Darwin denkt die Natur anders als Neoliberale vermuten: Wer geboren wird, hat per se ein Recht auf Leben

Fotohinweis:
Cord Riechelmann, 49, studierte Biologie und Philosophie. Er ist freier Autor. 2003 erschien "Bestiarium", 2004 "Wilde Tiere in der Großstadt" und soeben das dreiteilige Hörbuch "Die Stimmen der Tiere Europas, Asiens und Afrikas".

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!