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  • 25.06.2009

Es reicht schon lange

IRAN Die Wut auf das iranische Regime ist nicht überraschend. Frauen und Jugendliche haben den Moment zum offenen Protest herbeigesehnt

Am 13. Juni gingen Tausende von Iranern auf die Straßen, die Welt hielt für einen Moment den Atem an. Als dann in den folgenden Tagen die größten Massendemonstrationen seit dem Sturz des Schah-Regimes stattfanden, war die Welt erstaunt. Niemand hatte mit dieser Protestwelle der iranischen Bevölkerung gerechnet. Niemand? Doch. Denn Widerstand der iranischen Gesellschaft gegen das herrschende Mullah-Regime gibt es schon seit längerem. Nur bislang gut versteckt. Es war eine Frage des historischen Moments, wann dieser Widerstand offen ausbrechen kann.

Die iranische Gesellschaft hat in den vergangenen Dekaden eine Transformation erlebt, die einzigartig ist. Im Verlauf der letzten 30 Jahre hat sich die Bevölkerung verdoppelt. Die Ursache dafür ist ein jahrelanges Verbot von Verhütungsmitteln in der Islamischen Republik, verbunden mit der ideologischen Vorgabe von Chomeini: "Der Islam braucht Soldaten." Dieses enorme Bevölkerungswachstum hat zur Folge, dass die iranische Gesellschaft eine der jüngsten weltweit ist. Die Islamische Republik hatte aber die Rechnung in vielerlei Hinsicht ohne ihre Staatsbürger gemacht.

Demografie und Demokratie

Nicht nur die Geburtenpolitik sondern auch das Alphabetisierungsprogramm und die gesamte Bildungspolitik haben sich nämlich zum großen Nachteil für das System der Islamischen Republik ausgewirkt. Ursprünglich waren die Alphabetisierungsmaßnahmen durch kostenlose Abendschulen dazu gedacht, die Menschen ideologisch auf die Linie dieser Diktatur zu bringen. Doch gescheitert sind diese Maßnahmen am intellektuellen Widerstand der iranischen Bevölkerung.

Die "Islamisierung" der Universitäten bewirkte, dass den weiblichen Studenten zu einer ganzen Reihe von Studienfächern der Zugang verwehrt wurde. Die Begründung lautete damals, Frauen seien angeblich zu emotional für die meisten naturwissenschaftlichen Fächer. Mit demselben Argument wurde Frauen verboten, als Richterinnen tätig zu sein. Es ist daher erstaunlich und bemerkenswert, dass die weibliche Bevölkerung trotz all dieser Verbote nicht resigniert hat und heute der Anteil der Studentinnen mit 65 Prozent an den Universitäten dominiert. Doch der Anteil der Frauen am Arbeitsmarkt beträgt nur 12 Prozent. Angesichts dieser Diskrepanz ist leicht vorstellbar, welche Frustration sich unter den gut ausgebildeten iranischen Frauen angestaut hat. Die Massenarbeitslosigkeit betrifft aber nicht nur die Frauen - mit einer Quote von schätzungsweise 50 Prozent ist praktisch jeder zweite Iraner arbeitslos. Dabei ist der Iran weder ein Entwicklungs- noch ein Schwellenland. Der Grund dafür ist die gegenseitige Abhängigkeit von Demografie und Demokratie. Soziologische Studien belegen, dass in besonders jungen Gesellschaften, in denen es keine demokratischen Verhältnisse gibt, oft Massenarbeitslosigkeit herrscht. Wenn also junge Teheraner Medizin-Absolventen, um irgendwie über die Runden zu kommen, an der Straßenecke Pistazien verkaufen müssen, werden sie über kurz oder lang am bestehenden System zweifeln.

Subversive Schönheits-OPs

Ein weiterer Moment ist der raffinierte Widerstand der jungen Generation. Die Zwangsverschleierung haben Frauen und Mädchen der jüngeren Generation subversiv umgekehrt: Sie legen besonders bunte oder durchsichtige Schals und Tücher um ihre Haare.

Chauvinisten, die das nur sexy finden, haben nicht begriffen, dass diese Art der Verhüllung mit eng anliegenden Mänteln und durchsichtigen Kopftüchern eine der bedeutendsten Formen des Widerstands im Iran ist und vom Selbstbewusstsein einer jungen weiblichen Generation zeugt.

Die Gesetzgebung im Iran hingegen ist gegenüber Frauen weiter diskriminierend und behandelt sie als Menschen zweiter Klasse. Damit bleibt sie weit hinter dem Selbstbewusstsein und hinter den Kämpfen der Frauen zurück, die in den letzten 30 Jahren geführt wurden.

Aus diesem Grund formierte sich in den vergangenen Jahren die "Kampagne für eine Million Unterschriften", in der Menschenrechtsaktivisten mit zivilgesellschaftlichen Mitteln auf die gesetzlichen Missstände gegenüber den iranischen Frauen aufmerksam zu machen versuchten und mit einer Unterschriftensammlung Veränderungen hin zur Gleichstellung der Frauen bewirken wollten. Und wie hat das islamistische Regime darauf reagiert? In seiner paranoiden Angst nur mit Gewalt: Aktivisten wurden verhaftet und Büros der Organisation geschlossen. Die Regierung von Ahmadinedschad antwortete mit einem Gesetzentwurf, der die Polygamie wieder legalisiert hätte: etwas, das im Iran seit mehr als vier Jahrzehnten praktisch unmöglich ist und gesellschaftlich als hochgradig verwerflich angesehen wird.

Es ist also ganz und gar nicht verwunderlich, dass es besonders die Frauen sind, die in diesen Tagen auf den Straßen Teherans und anderen Großstädten demonstrieren. Und dabei geht es nicht nur um den Wahlbetrug, sondern auch um die allgemeine Unzufriedenheit mit dem herrschenden System und den fatalen politischen Folgen, die es vor allem für die Frauen hat. Es geht um Freiheit: im Politischen und im Privaten. Und es geht um die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für eine junge Generation, die keine Perspektive mehr für sich sieht.

Wer nun solche Phänomene wie die hohe Anzahl an Schönheitsoperationen im Iran als oberflächlich und amerikanisiert belächelt hat, sollte spätestens jetzt begreifen, dass dies Elemente waren und sind, die nicht mit dem herrschenden Regime konform gehen und damit eine Form von Widerstand darstellen - ein Vorläufer dessen, was man nun auf den Straßen Irans beobachten kann. Denn wer in einem diktatorischen System auf der Suche nach körperlicher Perfektion ist, realisiert irgendwann, dass trotz perfekter Nase das System immer noch unperfekt ist, und begibt sich zum Protestmarsch auf die Straße.

Für viele mag diese Protestwelle im Iran und die große Anzahl von beteiligten Frauen daran überraschend gekommen sein. Wer allerdings die iranische Gesellschaft genauer betrachtet hat, wusste, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich die junge iranische Generation gegen eine rückständige Diktatur auflehnt. SABA FARZAN

Wenn Medizin-Absolventen, um zu überleben, Pistazien verkaufen müssen, werden sie über kurz oder lang am System zweifeln



Saba Farzan

 schreibt als freie Autorin vor allem über den Iran und die USA. Sie wurde in Teheran geboren, wuchs in Deutschland auf und studierte Theaterwissenschaft, Amerikanistik und Soziologie in Bayreuth. Forschungsaufenthalte in New York und an der Yale University.

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