Das taz Print-Archiv

Hier können Sie in alten taz-Ausgaben blättern:

 

  • 14.02.2009

Eines der größten Probleme der Republik

Wie ein stark einsturzgefährdetes Haus: Strahlenschützer sorgen sich um den Zustand des Pannen-Atomendlagers Asse II. Die Arbeitsgruppe Optionenvergleich legt ihren Zwischenbericht über die Schließung vor. Noch stehen alle Optionen offen

VON KAI SCHÖNEBERG

Feuchte Wände, es regnet durch, es gibt keine eindeutigen Pläne. "Wir haben ein Haus übernommen, das schwer einsturzgefährdet ist", sagt Wolfram König. Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz versuchte den 150 Bürgern, die am Donnerstag Abend in Schöppenstedt mehr über die Lage im Pannen-Endlager Asse II wissen wollten, ziemlich reinen Wein einzuschenken. Das BfS, das seit Jahresbeginn für den Betrieb der Asse zuständig ist, hat sich einen Problemfall ins Haus geholt. Selbst die Strahlenschutzexperten der Behörde sind offenbar vom Zustand des Bergwerks überrascht. Die Asse sei "eines der größten Umweltprobleme der Bundesrepublik", sagte König. Das einstige Salzbergwerk sei "nie als Endlager geeignet" gewesen, "die Nachweise für eine Eignung lagen nie vor."

Eine akute Gefahr gehe derzeit nicht von der Asse nicht aus, versicherte König. Dennoch gebe es derzeit ständig neue Erkenntnisse durch "Unterlagen und Befragungen der Mitarbeiter". Überraschungen hält das BfS nicht für ausgeschlossen. "Die Probleme sind nicht vollständig dokumentiert, wir müssen nacharbeiten", erklärte König. Es werde derzeit auch diskutiert, ob es sinnvoll sei, in die geschlossenen Kammern mit Atommüll zu gehen, um den Inhalt zu prüfen. Das fordern viele Umweltschützer seit langem. Die SPD im niedersächsischen Landtag sprach sich für eine Aktualisierung des Statusberichts der Asse aus, um vor "bösen Überraschungen" sicher zu sein. Er war im September vorgelegt worden.

Langzeitsicherheit, Strahlenschutz für Mitarbeiter und Bevölkerung und die Beteiligung der Öffentlichkeit sind laut König derzeit die wichtigsten Aufgaben seiner Behörde. Das BfS hat die Verantwortung für das einstige Versuchsendlager Asse übernommen, nachdem dem Altbetreiber Helmholtz Zentrum München (HZM), der rechtswidrige Umgang mit cäsiumverseuchten Laugen nachgewiesen worden war. Hatte das HZM bislang eine Schließung der Asse durch eine Flutung mit einer Magnesiumchloridlösung favorisiert, werden derzeit mehrere Möglichkeiten diskutiert.

Die Arbeitsgruppe Optionenvergleich legte am Freitag einen Zwischenbericht über die Schließung vor. Ob die 126.000 Fässer mit leicht und mittelstark strahlendem Atommüll in der Asse bleiben, ob sie in tiefere Schichten umgelagert oder sogar herausgeholt werden sollen, ist laut Bundesumweltministerium noch nicht entschieden. Vor einem endgültigen Stilllegungskonzept müssten noch Fragen geklärt werden. So weit werde es nicht vor 2009 sein. Nur eine Variante haben die Fachleute verworfen: Sie halten es nicht für sinnvoll, allein die 1.600 Fässer mit mittelstark wärmeentwickelndem Atomschrott herauszuholen. Die Halbwertszeit dieses Mülls liegt bei nur rund 30 Jahren.

Die Rückholung der schwach radioaktiven Abfälle - der größte Teil des Mülls - sei zwar mit Problemen für die Mitarbeiter verbunden und technisch noch nicht erprobt, könne aber auch eine Möglichkeit sein. Das Bundesamt für Strahlenschutz werde noch mehrere Gutachten in Auftrag geben. Auch die Flutung des Bergwerks, vom HZM favorisiert und von Atomkritikern gefürchtet, ist noch nicht vom Tisch. Möglicherweise bleibe diese Option "ultima ratio", teilte das Ministerium mit.

Das BfS hat inzwischen mehrere Überwachungsbereiche in dem Bergwerk eingerichtet, um die Gefahren für Besucher und Mitarbeiter einzudämmen. Außerdem tragen nun alle Besucher ein Personendosimeter zur Messung der Strahlung. Über Tage ist eine neue Sonde installiert worden, deren Messergebnisse ständig im Internet abrufbar sein sollen.

wirtschaft & umwelt SEITE 8



Leukämie durch die Asse?

Das Bundesamt für Strahlenschutz will mit einem Gutachten klären lassen, ob es einen Zusammenhang der Leukämieerkrankung und der Beschäftigung des heute 46-jährigen Eckbert Duranowitsch in der Asse gibt. Duranowitsch glaubt, wegen mangelhafter Sicherheitsmaßnahmen Leukämie bekommen zu haben. Er hatte von 1987 bis 1990 in der damals als Forschungsbergwerk bezeichneten Schachtanlage gearbeitet. Der gelernte Maschinenschlosser war mehr als drei Jahre für die Instrumente verantwortlich, mit denen die Gebirgsmechanik gemessen wurde. Duranowitsch kann sich nicht erinnern, jemals Schutzkleidung oder Dosimeter getragen zu haben. Dabei war er auch in den zwölf Atommüll-Kammern tätig und kam sogar mit Lauge in Berührung. Nur eine jährliche Strahlenschutzuntersuchung habe es gegeben, sagt Duranowitsch. Außerdem wurde dem Maschinenschlosser gesagt, die Asse sei absolut sicher.  TAZ

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!