Das taz Print-Archiv

Hier können Sie in alten taz-Ausgaben blättern:

 

  • 11.04.2009

Modische Maßeinheit aus Japan

Die traditionellen japanischen Tatami-Matten aus Reisstroh und Schilf erfreuen sich auch in Deutschland großer Beliebtheit. Kein Wunder, sind sie doch vielseitig einsetzbar. Zum Beispiel als Alternative zum herkömmlichen Parkett- oder Teppichboden

VON MICHAEL DREISIGACKER

Wer als Europäer in Japan eine Wohnung sucht, wird auf eine ihm unbekannte Maßeinheit stoßen: Tatami. In dem asiatischen Land werden noch heute Wohn- und Zimmerflächen in dieser Größe angegeben. Ein deutscher Student könnte mit einem zwölf Tatami großem Zimmer durchaus zufrieden sein - das entspricht etwa 20 Quadratmetern. Ihren Ursprung hat diese Bemessung in der traditionellen japanischen Wohnkultur. Ganze Zimmer werden dort mit den standardisierten Tatami-Matten aus Reisstroh ausgelegt.

Ursprünglich nur Sitzunterlage für die edlen Hintern der japanischen Oberklasse, schmücken die naturbelassenen Tatami heute auch viele deutsche Wohn- und Schlafzimmer. Die Matten sind hierzulande als Bettunterlage oder modisches Accessoire beliebt. Wenn es ein ganzer Raum sein soll, können auch Sondermaße neben dem Standard von 90 mal 180 Zentimetern angefertigt werden. Im Optimalfall stehen die atmungsaktiven Matten dabei auf einer Holzkonstruktion, so dass sie von unten belüftet werden können. Das Reisstroh scheint sich als Alternative zu herkömmlichen Bodenbelägen durchzusetzen. "Wir haben seit Jahren einen guten und konstanten Absatz", sagt Petra Reimers vom Möbelhaus Futonia in Hamburg.

Die Kunden schwören auf die Belastbarkeit und den Lauf-Komfort, den man idealerweise barfuß erlebe, so Reimers. Sind sie keiner zu hohen Feuchtigkeit ausgesetzt, können die Tatami mehrere Jahrzehnte alt werden. Eine gelb-bräunliche Färbung zeugt von einer langen Geschichte, neue Tatami schimmern grasgrün. Die meist 5,5 Zentimeter dicken Matten sind schalldämmend. Wer Stille sucht, etwa für die Meditation, greift deshalb gerne auf Tatami zurück. Auch im Sport kommen sie zum Einsatz: Judokämpfer, die häufig zu Boden gehen, haben dank Tatami seltener Rückenschmerzen.

Je dicker, desto reicher: Als die ersten Tatami um 800 hergestellt wurden, konnte man den sozialen Status des Besitzers an der Höhe der Matte ablesen. Auch die Farbe des an der Seite eingenähten Baumwollbandes verriet etwas über das Budget des Eigentümers. In edlen Häusern trugen sie oft Damast-Muster. Erst um 1400, in der japanischen Muromachi-Epoche, wurden Tatami fürs breite Volk zugänglich. Sie dienten nun als Schlafunterlagen, die tagsüber verstaut wurden und so zusätzlichen Platz im Raum schafften. Für die Nachtruhe legte man Futon darüber, eine Baumwolldecke, die zusammen mit der weichen Reisstrohmatte ein bequemes Bett ergab. Schließlich wurden ganze Räume mit Tatami ausgelegt.

Auch wenn Parkett und Laminat längst Einzug in japanische Wohnungen gefunden haben, versuchen sich viele Japaner mit einem Tatami-Raum ein Stück Tradition zu bewahren. Die Anordnung der Matten hat bis heute rituelle und religiöse Hintergründe. Beim Teetrinken etwa trifft man sich auf vier im Quadrat angelegten Tatami, die in der Mitte eine Fläche zum Feuermachen bilden. Auch die Sitzordnung ist bei diesem Zeremoniell vorgegeben. Die Matte neben dem Eingang gehört dem Gastgeber.

Die ökologische Tatami-Herstellung ist äußerst aufwändig. Unter hohem Druck wird das getrocknete Reisstroh von einer Höhe von 20-30 Zentimeter auf die Standarddicke von 5,5 Zentimeter gepresst. Anschließend werden der harten Platte bei 90 Grad die Reste der Feuchtigkeit entzogen. Über diesen Kern aus Reisstroh legen die Hersteller eine eng gewebte Matte aus Igusa-Gras (ein Schilfgras), die dann mit einem Baumwollband an den Kanten der Reisstrohplatte vernäht wird.

Die Vertriebe beziehen ihre Ware hauptsächlich aus China oder Taiwan. Die Handwerkskunst direkt aus Japan zu importieren, sei mittlerweile viel zu teuer, sagen die deutschen Händler einstimmig. In Hamburg muss man für eine Qualitätsmatte im Standardmaß etwa 140 Euro auf den Tisch legen. Wem das zu viel ist, der kann sich den Komfort auch an die Füße schnallen: mit einem Paar Tatami-Sandalen.

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!