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  • 20.11.2008

Der Leninist an der Leine

Sollen ihn CDU und FDP ruhig als "Ewiggestrigen" und "Kommunisten" beschimpfen. Für Manfred Sohn ist die "Vergesellschaftung der Finanzsphäre" topaktuell. Mehr Sparkassen in kommunaler Hand statt raffgieriger Privatbanken, fordert der Chef der Linksfraktion im niedersächsischen Landtag - und bringt damit die Bürgerlichen auf die Palme. Mal wieder. Aufruhr gibt es auch um eine "flapsige Bemerkung", wie Sohn zugibt. "Unsere beste Zeit war international die", hatte der 53-Jährige in einem Aufsatz geschrieben, "als Wladimir seine ,Neue Ökonomische Politik' (NÖP) durchkämpfte, und national, als Walter sein ,Neues Ökonomisches System' (NÖS) in Ansätzen realisieren konnte."

Kein Wunder, dass Sohn, der blitzgescheite Linke aus dem Landtag an der Leine, per Du mit Lenin und Ulbricht ist. Immerhin war der promovierte Politologe nicht nur Mitglied in FDP und SPD. Sohn war auch im Spartakusbund und satte 20 Jahre in der DKP; im Vorstand der Kommunisten-Partei sogar für marxistische Bildung und die Kontakte zur US-amerikanischen, britischen und japanischen KP zuständig.

Das kann und will er nicht abschütteln. Seine Partei sah Sohn in einem später "Binnenaufsatz" genannten Papier als "Partisaneneinheit", der Wahlkampf sei für die Linke im Flächenland Niedersachsen "wie das Betreten feindlichen Terrains" gewesen, die Wahlen, bei denen die Partei im Januar aus dem Nichts 7,1 Prozent einfuhr, bezeichnete Sohn als "bürgerliche Veranstaltung".

Noch vor drei Jahren schrieb er, die DDR sei "der beste Staat auf deutschem Boden" gewesen, "den es bisher gab." Die Linkspartei werde den "ersten Sozialismus […] studieren, bewundern und verbessern". Heute spricht Sohn von der DDR als "Unrechtsstaat". 2004 hatte der einstige Betriebsrat eines hannoverschen Versicherungskonzerns die Aufgabe seiner Linkspartei so beschrieben: "Unser Ziel ist der Kommunismus, in dem unsere Urenkel morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht treiben und nach dem Essen kritisieren können." Ihm gehe es darum, "Truppen zu sammeln, die 2017 oder 2049 die Entscheidungsschlacht schlagen und gewinnen können."

Mit diesen Positionen eckt Sohn an. Als er darauf aufmerksam machte, dass die Tibeter für Tumulte in Lhasa zumindest mitverantwortlich seien, kam es zu tumultartigen Szenen im Landtag.

Provokation als PR-Instrument? Intern grummeln Widersacher schon über "fatale Außenwirkungen" von Sohns verbalen Eskapaden. Doch bei den Vorstandswahlen der Landes-Linken holte Sohn trotz aller Kritik das beste aller Ergebnisse. KAI SCHÖNEBERG



Manfred Sohn (53), verheiratet und Vater dreier Kinder, ist Fraktionschef der Linkspartei im niedersächsischen Landtag. Als alter DKPist findet er die DDR bis heute gar nicht übel. FOTO: NIGEL TREBLIN/DDP

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