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  • 16.02.2009

1,7 Millionen Morde

AUS PHNOM PENH NICOLA GLASS

An den weiß gekalkten Wänden hängen Fotos von Folteropfern. Die Schwarz-Weiß-Bilder sind zwar arg vergilbt, und doch sind Angst und Schmerz auf den Gesichtern deutlich sichtbar. Was diese Menschen hier erleiden mussten, lässt auch der Anblick der schmalen Zellen erahnen, die ein paar Meter weiter in einem anderen Gebäude des ehemaligen Gefängnisses Tuol Sleng in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh stehen: Bettgestelle mit Handschellen, daneben Folterinstrumente. Tuol Sleng, auch als "Sicherheitsgefängnis 21" bekannt, ist heute ein Museum. Etwa 14.000 Kambodschaner durchlitten diese Hölle. Nur sieben haben sie überlebt.

Der Maler Vann Nath ist einer von ihnen. "Wir wollen, dass die Wahrheit ans Licht kommt", sagt der 63-Jährige, der unter der Herrschaft der Roten Khmer zwei Söhne verlor. "Wenn die Vergangenheit nicht bekannt wird, besteht die Gefahr, dass sie sich wiederholt."

30 Jahre nach der Entmachtung des Regimes von Pol Pot darf Vann Nath darauf hoffen, dass sein Wunsch Wirklichkeit wird. Am Dienstag beginnt der erste Prozess gegen einen Verantwortlichen des Massenmords.

Reue für die Opfer

Vor den Außerordentlichen Kammern der Gerichte Kambodschas, kurz ECCC, wie das UN-gestützte Tribunal offiziell heißt, verantworten muss sich der einstige Leiter von Tuol Sleng, Kaing Khek Iev alias Duch. Dem heute 66-Jährigen werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen vorgeworfen.

Der nach dem Ende des Khmer-Regimes zum Christentum konvertierte Duch war 1999 von Journalisten aufgespürt und später verhaftet worden. "Der Fall Duch ist insofern ziemlich einzigartig, da er seine Verbrechen gestanden und Reue für die Opfer und deren Familien gezeigt hat", sagt Richard J. Rogers, der stellvertretende Chefverteidiger des Tribunals.

Außer Duch sind vier weitere ehemalige Funktionäre der Roten Khmer angeklagt: Nuon Chea, der Chefideologe, Stellvertreter Pol Pots und "Bruder Nummer zwei", Khieu Samphan, der frühere Staatspräsident und "Bruder Nummer drei", Ieng Sary, einst Außenminister und dessen Frau, die frühere Sozialministerin Ieng Thirith. Sie hatten jahrelang unbehelligt in Freiheit gelebt. Von den Gräueltaten wollen sie nichts gewusst haben. Dabei wissen alle, zumindest alle älteren Kambodschaner, um ihre Rolle im Khmer-Regime. "Und doch stehen die Menschen dem ECCC und den UN reserviert gegenüber", sagt Youk Chhang, der Leiter des Dokumentationszentrums in Phnom Penh.

Die Skepsis der Bevölkerung ist begründet: Immer wieder hat sich die Einrichtung des Tribunals verzögert. Im Juni 2003 hatte sich die kambodschanische Regierung mit der UNO nach fünfjährigen zähen Verhandlungen darauf geeinigt, einen Gerichtshof einzurichten. Und es dauerte nochmals vier Jahre, bis die vier Funktionäre verhaftet wurden. Das Tribunal müsse Vertrauen bei der Bevölkerung schaffen, meint Youk Chhang. "Das aber wird schwer werden, sollte einer der greisen Angeklagten noch vor Prozessbeginn sterben."

Kritiker meinen, in den vielen engen Verbindungen zwischen dem herrschenden Staatsapparat und den ehemaligen Roten Khmer den Grund für die Verzögerung zu erkennen. Erst kürzlich, zum 30. Jahrestag des Sturzes von Pol Pot am 7. Januar, warf die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch der kambodschanischen Regierung vor, die Arbeit des UN-gestützten Gerichtshofes zu behindern. "Nach 30 Jahren ist für diese Verbrechen noch niemand vor Gericht gestellt, schuldig befunden oder verurteilt worden", sagt der Asien-Verantwortliche von Human Rights Watch, Brad Adams. "Das ist kein Zufall: Zuerst haben China und die USA alle Anstrengungen, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen, blockiert, und im vergangenen Jahrzehnt hat Hun Sen alles getan, um die Justiz zu behindern." Ministerpräsident Hun Sen, der Offizier der Roten Khmer war, ehe er 1977 zu den Vietnamesen überlief, hat sich einmal sogar öffentlich darüber mokiert, wer eigentlich wofür vor Gericht gestellt werden solle.

Späte Genugtuung

Dass es jetzt dazu kommt, ist für viele Opfer eine späte Genugtuung. Sie hatten die politischen und juristischen Querelen schweigend und zunehmend desillusioniert angesehen. Sie sehnten den Tag herbei, an dem die Prozesse endlich beginnen würden. Fast jeder hat traumatische Verluste erlitten. So viele ihrer Verwandten, Freunde, Bekannten wurden ermordet. Vielen steigen immer noch Tränen in die Augen, wenn sie an das Grauen zurückdenken. "Sie wollen, dass die Prozesse endlich stattfinden, weil sie immer noch Schmerz und Zorn in sich haben über das, was damals passiert ist", sagt die Sozialarbeiterin Heng Srey. "Nur dann werden die Menschen das Gefühl haben, dass ihnen endlich Gerechtigkeit widerfährt."

Vor allem für die junge Generation wäre es gut, mehr über den Massenmord zu erfahren, sagen die Älteren. Die Jüngeren könnten sich die Gräuel von damals kaum vorstellen. "Wie denn auch", meint die Aktivistin und Anwältin Theary Seng. Sie hat im Pol-Pot-Regime ihre Eltern verloren. "In der Schule hat die jüngere Generation nichts darüber erfahren", erzählt die 37-Jährige. "Und auch sonst wurde darüber geschwiegen." Wenn überhaupt, hätten Eltern ihre Leiden für disziplinarische Zwecke gegenüber ihren Kindern eingesetzt: "Esst euer Essen auf, ich hatte keines, als ich klein war." Kambodscha sei eine gebrochene Gesellschaft, "die Vergangenheit ist immer noch bei uns", sagt Seng. Zumindest ein Teil der jüngeren Generation möchte mit ebendieser Vergangenheit offenbar abschließen. Wer kann, lernt Englisch, schaut sich nach Jobs in der Wirtschaft oder im Tourismus um. Kein Wunder in einem Land, in dem ein Lehrer auf dem Dorf umgerechnet 30 US-Dollar im Monat verdient. Kambodscha gilt nach wie vor als einer der ärmsten Staaten Asiens.

Bürgerkrieg und Genozid haben eine ganze Generation von Ärzten, Lehrern und Juristen ausgelöscht. Auch jetzt kommt es immer wieder vor, dass Kritiker eingeschüchtert oder gar ermordet werden. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist tief, Alltagssorgen fressen die Menschen auf. "Lasst das mit dem Tribunal doch einfach ruhen", sagt ein junger Mann, der zur Arbeit eilt. "Man sollte lieber dafür sorgen, dass die Wirtschaft angekurbelt wird, dass mehr Touristen kommen und auch die Armen mehr vom Leben haben." Vielleicht ändert sich diese Einstellung noch, wenn die Prozesse im Fernsehen ausgestrahlt werden. Das jedenfalls haben Mitglieder des Tribunals angekündigt.

Der Prozess gegen Duch gilt als Test - vor allem für die marode kambodschanische Justiz. Vielen reicht es allerdings nicht, dass sich nur fünf ehemalige Funktionäre juristisch verantworten müssen. Zwar finde er es richtig, "von der Spitze aus zu starten", sagt der Leiter des Dokumentationszentrums, Youk Chhang. Aber das bedeute nicht, dass jeder, der geringere Verbrechen begangen habe, auf freiem Fuß bleiben solle.

Das Tribunal könne für Gerechtigkeit sorgen, "aber es kann keine Wunden heilen", meint Aktivistin Theary Seng. "Wenn wir all unsere Erwartungen von Heilung, Frieden und Versöhnung auf einen Gerichtsprozess konzentrieren, werden wir enttäuscht werden." Seng wurde in den Verfahren als erste Nebenklägerin zugelassen und will in einer Sammelklage auch andere Hinterbliebene vertreten. "Trotzdem ist dieses Tribunal notwendig, denn es stößt neue Diskussionen an."

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