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  • 20.03.2009

"Alle Prognosen zur Wirtschaftsentwicklung sind zu optimistisch"

Die Europäische Zentralbank muss die Geldpresse anwerfen, sagt Heiner Flassbeck, Chefökonom der UN-Welthandels- und Entwicklungskonferenz. Inflation drohe trotzdem nicht

taz: Herr Flassbeck, die USA werfen jetzt die Geldpresse an, indem die US-Notenbank Fed Staatsanleihen aufkauft. Ist das eine Verzweiflungstat?

Heiner Flassbeck: Wir sind in einer extrem dramatischen Lage - und das hat die Fed begriffen. Der Staat muss Geld ins System pumpen, weil alle anderen Akteure überschuldet sind. Sonst droht die gefährlichste Spirale nach unten, die die Ökonomie kennt: die Schuldendeflation.

Das ist ein sehr technischer Begriff. Was bedeutet er ins Alltagsdeutsch übersetzt?

Erst haben Banken und Fonds mit fremden Geld darauf spekuliert, dass Aktien, Währungen, Rohstoffe und Häuser ständig teurer werden. Diese Kasino-Wette ist zusammengebrochen - und nun müssen die Schulden so schnell wie möglich wieder abgebaut werden. Also versucht jeder, die eigenen Kosten senken und Wertpapiere oder andere Vermögensteile abzustoßen. Weil das aber alle machen, sinken die Preise immer weiter und die Krise verschärft sich.

Und das bedeutet?

Immer mehr Beschäftigte werden entlassen, immer mehr Betriebe schließen. Es gibt keine Selbstheilung des Systems. Die Marktwirtschaft ist instabil. Diese alte Botschaft des Keynesianismus ist so aktuell wie nie. Es ist wie im Sumpf: Wenn man versackt und mit den Beinen strampelt, dann geht man noch schneller unter. Gerettet werden kann man nur von außen und das bedeutet: vom Staat.

Soll die Europäische Zentralbank also auch anfangen, Geld zu drucken und Staatsanleihen aufkaufen?

Ihr wird am Ende gar nichts anderes übrig bleiben. Die Krise verschärft sich derart, dass es nicht ausreichen wird, die Leitzinsen auf null zu senken.

Wollen Sie nicht auch mal wetten: Wann wird die EZB ihren Widerstand aufgeben?

Ich wette da nicht mit. Aber lange kann es nicht dauern. Sie müssen sich doch nur die Auftragseingänge bei der Industrie ansehen, um zu erkennen, dass alle Prognosen zur Wirtschaftsentwicklung zu optimistisch sind.

Sie nennen es optimistisch, wenn jetzt im Durchschnitt prognostiziert wird, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr um minus 4 Prozent schrumpft?

Die Auftragseingänge liegen jetzt sogar niedriger als im Jahr 2000. Vom letzten Aufschwung ist also alles weg.

Die US-Notenbank kauft Staatspapiere für rund 300 Milliarden Dollar. Sollte die EZB auch ähnliche Summen investieren?

Ja, denn die US-Wirtschaft ist ähnlich groß wie die europäische. Aber wie man die EZB kennt, werden ihre Maßnahmen wieder zu klein ausfallen.

Ist denn die Sorge von Finanzminister Peer Steinbrück nicht berechtigt, dass eine Inflation drohen könnte, wenn man zu viel Geld druckt?

Die Industrie ist nur noch zu 70 Prozent ausgelastet. Da fällt doch keine Inflation vom Himmel! Stattdessen ist das Gegenteil zu beobachten. Überall werden Rabatte gegeben, die Löhne geraten unter Druck und die Preissteigerung nähert sich der Null.

Trotzdem: Wird der Dollar nicht zur instabilen Weichwährung, wenn immer mehr Geld im Umlauf ist?

Dollar und Euro werden stark bleiben, denn für die Anleger gibt es keine Alternativen. Man kann das Geld ja nicht auf dem Mars oder der Venus investieren. Im Zweifel bleibt nur der Staat. So bekommt Japan immer noch viel Geld, obwohl die Zinsen dort seit Jahren fast bei null sind und die Staatsverschuldung Rekordniveau erreicht hat.

Was ist also Ihr Tipp für den ratlosen Kleinsparer?

Er sollte ruhig Staatsanleihen kaufen. Da hat er eine reale Rendite von 2 bis 2,5 Prozent. Mehr kann man gar nicht bekommen, wie die Finanzkrise ja jetzt zeigt: Höhere Renditen sind Zockerei.

Anfang April treffen sich die G-20-Staaten zum Weltfinanzgipfel. Was erwarten Sie?

Keiner der kritischen Punkte steht auf der Tagesordnung - denn es geht nur um bessere Überwachung der Finanzmärkte. Dabei müssten die Banken drastisch schrumpfen. Ein großer Teil des Investmentbanking wird schlicht nicht gebraucht und ist nur gefährlich. Es ist wirklich irre: Bei Opel sind sich alle einig, dass der Konzern einen Strukturwandel vollziehen muss, um effizienter und ökologischer zu werden. Aber bei den Banken redet niemand von einem Strukturwandel.

INTERVIEW: ULRIKE HERRMANN



HEINER FLASSBECK, 58, ist Chefökonom der Unctad. Deren neuester Report erschien am Donnerstag: "The Global Economic Crisis: Systemic Failures and Multilateral Remedies". Flassbeck kommt zum taz-Kongress am 18./19. April in Berlin. Infos unter: taz.de/30jahre