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  • 12.12.2013

Eine weltweite Volkskrankheit

G-8-GIPFEL Auf ihrem Treffen in London beschließen die führenden Industriestaaten, bei der Erforschung von Demenzerkrankungen wie Alzheimer stärker zu kooperieren

VON HEIKE HAARHOFF

BERLIN taz | Weltweit leben 35,6 Millionen Menschen mit Demenz, die meisten in Industrienationen mit alternden Bevölkerungen. "Und jährlich", das gab die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation WHO, Margaret Chan, am Mittwoch in London bekannt, "kommen 7,7 Millionen neue Fälle hinzu" - sofern kein Durchbruch in Prävention und Therapie gelinge.

2050 würden also vermutlich 115 Millionen Menschen weltweit an der Krankheit leiden, die zum vollständigen Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit und absoluter Pflegebedürftigkeit führt. 115 Millionen Menschen - das entspricht etwa der heutigen Einwohnerzahl Mexikos.

Diese alarmierenden Zahlen sind der Grund, warum Gesundheitsexperten und Politiker der acht wichtigsten Industriestaaten der Welt am Mittwoch in London zu einem G-8-Gipfel zusammenkamen, der erstmals und ausschließlich dem Thema Demenz gewidmet war. Gedächtnisverlust, so die Botschaft des Treffens, ist eine globale Volkskrankheit, deren Bekämpfung eine höhere, internationalere und vor allem interdisziplinäre Priorität eingeräumt werden muss. Insbesondere müssten die internationale Zusammenarbeit, der Daten- und Wissenschaftsaustausch bei der Erforschung von Demenz verbessert werden.

Bislang sind die Ursachen für die Entstehung von Demenzerkrankungen nicht bekannt. Eine Heilung gibt es nicht, und die medikamentösen Linderungsmöglichkeiten sind "limitiert", wie es der Vizegeneralsekretär der OECD, Yves Leterme, diplomatisch formulierte. Klar ist nur: Die Ablagerungen im Gehirn, klumpige Ansammlungen, Plaques genannt, bestehen aus krankhaften Proteinen. Diese zerstören allmählich die Nervenzellen, die die Menschen zum Denken, Erinnern, Sprechen und zur Orientierung brauchen.

Der britische Gesundheitsminister Jeremy Hunt sagte, die G-8-Staaten hätten sich bereits 2005 erfolgreich einem riesigen gesellschaftlichen wie medizinischen Problemfeld verschrieben - der Bekämpfung der Immunschwächekrankheit Aids. Eine ähnliche Signalwirkung solle die Demenz-Konferenz entfalten. London hatte bereits im Vorfeld des Gipfels eine Verdopplung der Ausgaben für die Demenzforschung auf 146 Millionen Euro bis 2022 zugesagt. Die durch die Krankheit verursachten Kosten schätzten Fachleute allein für das Jahr 2010 weltweit auf über 600 Milliarden US-Dollar.

In Deutschland, wo derzeit 1,4 Millionen Menschen an Demenz leiden, ist die Krankheit der Hauptkostentreiber in der Pflegeversicherung. SPD und Union wollen den gesetzlichen Beitragssatz auch deswegen in den kommenden vier Jahren um 0,5 Prozentpunkte erhöhen, das entspricht jährlichen Zusatzeinnahmen von etwa 5 Milliarden Euro. Die Stiftung Patientenschutz kritisierte, bei Demenz gebe es kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Ein Gipfel, auf dem Prognosen ausgetauscht würden, nütze den Betroffenen nicht.

Zwar können Demenzen schon vor dem 50. Lebensjahr auftreten, ihre Häufigkeit nimmt mit dem Alter aber erheblich zu. Die Risikofaktoren, die Demenzen begünstigen, werden derzeit untersucht, auch am Zentrum zur Erforschung des Demografischen Wandels an der Universität Rostock. "Es sind sehr wahrscheinlich dieselben wie für Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes, erhöhte Cholesterinwerte, Rauchen, Bewegungsmangel in der Mitte des Lebens", sagte die Zentrumsdirektorin Gabriele Doblhammer-Reiter der taz. Beim Thema Demenz müsse es in Zukunft viel stärker um Prävention gehen als bisher.