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  • 30.09.2008

Radikal nachdenklich

Der Islamprofessor Muhammad Sven Kalisch hat bis vor Kurzem Religionslehrer unterrichtet. Jetzt zweifelt er die Existenz des Propheten Mohammed an - und darf nicht mehr ausbilden. Warum?

VON SABINE AM ORDE

Muhammad Sven Kalisch sitzt an dem Besuchertisch in seinem Büro, einem kleinen, nüchternen Raum, den allein die vielen Bücher schmücken. Die Sekretärin bringt Tee für den Gast, für den Professor bringt sie nichts. Es ist Ramadan, Kalisch fastet. Draußen über dem Münsteraner Univiertel scheint die Septembersonne.

Kalisch spricht sanft und nachdenklich, drum herum redet er nicht. Der Kern des Problems, sagt er gleich zu Beginn des Besuchs, sei einfach zu benennen. "Zwischen den Verbänden und mir gibt es eine unterschiedliche Auffassung darüber, wie islamische Theologie betrieben werden soll." Für ihn ist eine historisch-kritische Methode "ein Muss". Aber die lehnten die muslimischen Verbände ab.

Der Konvertit Kalisch gehört der schiitischen Strömung der Zaiditen an, für die Rationalität und Glauben zusammengehören. In Deutschland ist das eine verschwindend kleine Minderheit. Bis vor zwei Wochen galt der 42-Jährige dennoch für die meisten Muslime als Hoffnungsträger. Seit 2004 hat er die erste Professur für "Religion des Islam" an einer deutschen Hochschule inne, er bildete Lehrer für den islamischen Religionsunterricht aus. Ein Fach also, das es hierzulande regulär noch gar nicht gibt. Das viele Muslime aber schon lange vehement einfordern.

Doch vor knapp zwei Wochen hat die Universität in Absprache mit dem nordrheinwestfälischen Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) Kalisch von der Lehrerausbildung abgezogen. Der Islamprofessor darf weiter forschen und lehren, doch Religionslehrer ausbilden darf er nicht mehr. "Ich hätte gern weitergemacht", sagt Kalisch, "aber gewehrt habe ich mich nicht." Für den Religionsunterricht ist das ein herber Rückschlag.

Zuvor hatten die vier großen muslimischen Dachverbände, die sich im Koordinierungsrat der Muslime (KRM) zusammengeschlossen und Kalisch von Beginn an kritisch beäugt haben, die Zusammenarbeit mit seinem "Centrum für religiöse Studien" aufgekündigt. Der Professor hat für die Verbände Unverzeihliches getan: Er bezweifelt, dass der Prophet Mohammed gelebt hat - und dass der Koran die Offenbarung Gottes ist.

Existierte der Prophet?

Kalisch streicht durch seinen dunklen Fünftagebart. "Ich war immer ein Häretiker", sagt der promovierte Jurist und erzählt, wie er nach seiner Habilitation im Fach Islamwissenschaft begann, sich in die historisch-kritische Methode zu vertiefen. Zunächst unterzog er das Alte Testament einer Prüfung. "Anfangs dachte ich, man könne einen historischen Kern bewahren." Doch die Zweifel wuchsen, je mehr er grub. In der Archäologie spreche so vieles gegen die Bibel, "dass man sie eigentlich nur als Mythos und nicht als Geschichte begreifen kann".

Dann nahm sich Kalisch seinen eigenen Glauben vor. Auch die Quellenlage zum Leben Mohammeds, stellte er fest, sei äußert dünn. Andere gläubige Muslime hätten es bei dieser Erkenntnis belassen. Doch Kalisch treibt die Suche nach der Wahrheit. Er forschte weiter. Und langsam reifte die Überzeugung in ihm, die jetzt für so viel Aufregung sorgt: "Man kann weder die Existenz noch die Nichtexistenz von Mohammed beweisen - aber ich tendiere zur Nichtexistenz."

Das historische Interesse hat Kalisch auch zum Islam geführt. Angefangen, so erzählt er, habe alles mit einer Hänselei unter Grundschülern. "Schlitzauge", sagten seine Klassenkameraden damals zu ihm. Da erst fiel ihm auf, dass seine Augen etwas schmaler waren ihre. Die Augen hatte er von seiner Mutter geerbt. Aber woher kommen deren "Schlitzaugen"?

Der Junge begann zu lesen: über Tataren, über Mongolen, über Turkvölker. Zum 13. Geburtstag wünschte er sich ein Türkischlehrbuch und paukte täglich eine Stunde lang. Er freundete sich mit türkischen Jugendlichen an, über sie lernte er den Islam kennen. Mit 15 sprach er vor zwei Freunden das Glaubensbekenntnis, setzte Mohammad vor Sven - und seitdem ist er Muslim. Sein Vater, ein Hamburger Protestant, war davon nicht begeistert.

Das hat ihn damals schon nicht gestört. "Ich bin ein Einzelgänger" sagt er, "in meinen Büchern hatte ich stets gute Freunde." Auch jetzt habe er keine Angst davor, "ein einsamer Hochschullehrer" zu sein.

In der Tat steht Kalisch mit seinen Aussagen in der Wissenschaft ziemlich allein da. Die renommierte Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer verteidigt ihn dennoch: "Als Wissenschaftler muss man das sagen dürfen", sagte Krämer im Deutschlandradio. "Alle kritischen Islamwissenschaftler wissen, dass wir keine unzweifelhaft aus der vermuteten Lebenszeit Mohammeds stammenden Originalquellen haben." Das Problem: Kalisch hat keine Professur als Islamwissenschaftler, er sollte Religionslehrer ausbilden.

"Wenn es den Propheten nicht gegeben hat, dann gibt es den Koran nicht - und was bleibt dann übrig vom Islam?", fragt Ali Kizilkaya, der frühere Sprecher des KRM. "Ein Muslim glaubt an den Propheten, und das sollen die Lehrer unseren Kindern auch beibringen." Der KRM hat sich deshalb aus dem Beirat des Centrums zurückgezogen und rät muslimischen Studierenden davon ab, sich für den Münsteraner Studiengang einzuschreiben.

"Dass ich für meine Aussagen viel Prügel beziehen werde, war mir klar", sagt Kalisch. "Aber dass das Ministerium so schnell einknickt, das hätte ich nicht gedacht." In Düsseldorf will man von Einknicken nichts wissen. "Wir wollen den Islamkundeunterricht voranbringen und sind an einer pragmatischen Lösung interessiert", sagt FDP-Minister Pinkwart. "Es hilft doch wenig, wenn wir Hochschulabsolventen haben, bei denen die Verbände den Eltern sagen: Schickt eure Kinder nicht in deren Unterricht." Am Centrum solle noch im Wintersemester die zweite Professur für Religionsdidaktik besetzt werden, die dann die Lehrerausbildung übernehmen soll. "Auch auf Bitten der Universität tauschen wir uns nach der Berufungsentscheidung mit den islamischen Verbänden aus, um eine möglichst hohe Akzeptanz zu erreichen." Kalisch könne weiter forschen und lehren, so Pinkwart. "Die Freiheit der Wissenschaft gilt."

Was darf Wissenschaft?

Doch so einfach ist es mit dieser Freiheit bei der Theologie nicht. Zwar ist der Staat im Falle der Muslime noch zu nichts verpflichtet, doch mit den christlichen Kirchen, an denen sich der Umgang mit den Muslimen trotz aller Zurückhaltung letztlich orientiert, gibt es Verträge. Wenn ein Professor an eine katholische Fakultät berufen wird, braucht er das Einverständnis des Bischofs, das "Nihil obstat" (Es steht nichts dagegen). Fällt der Professor später in Ungnade, kann ihm der Bischof die Lehrbefugnis wieder entziehen. Auch beim Religionsunterricht reden die Kirchen kräftig mit: Der Staat, so will es das Grundgesetz, muss den Unterricht gewährleisten, Inhalt und Lehrer bestimmen die Religionsgemeinschaften aber mit. Der KRM arbeitet daran, als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden.

"Ich bin grundsätzlich gegen das ,Nihil obstat' ", sagt Kalisch, "Wissenschaft ist Wissenschaft." Der Islamprofessor kennt natürlich die Geschichten von Hans Küng, Uta Ranke-Heinemann und Eugen Drewermann, und dennoch: "Bei den christlichen Kirchen ist viel mehr möglich als bei uns." Mit der Entscheidung gegen ihn habe sich der Staat in eine Sackgasse manövriert: "Die Muslime brauchen kritische Forschung, um in der Moderne anzukommen - und das sollte auch im Interesse des Staates sein." Mit dem Religionsunterricht habe man die Kinder aus den Koranschulen herausholen wollen. "Und jetzt holt man die Koranschulen in die staatlichen Schulen herein." Der umstrittene Professor glaubt, dass die Mehrheit der Muslime das genauso sieht. Das Problem: Die liberalen Muslime in Deutschland sind nicht organisiert, der Staat ist deshalb auf die konservativen Verbände als Ansprechpartner angewiesen. Diese vertreten nach Schätzungen zwar nur 15 Prozent der Muslime, sprechen aber - nach eigenen Angaben - für 80 Prozent der Moscheegemeinden.

Als ein zweiter Fall Gerd Lüdemann will Kalisch dennoch nicht angesehen werden. Der evangelische Theologe bestritt die Auferstehung Jesu und musste daraufhin die Ausbildung von Pastoren aufgeben. "Es gibt einen wichtigen Unterschied", sagt Kalisch. "Lüdemann sagte, ich bin kein Christ mehr. Aber ich bin immer noch Muslim."

Natürlich sorgt es Kalisch, dass er für manche Traditionalisten nicht mehr als solcher gilt. Auf den Glaubensabfall steht in der konservativen Scharia-Auslegung die Todesstrafe. "Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber für meine Familie will ich noch ein bisschen da sein." Aufmerksam verfolgt Kalisch die Berichterstattung im Internet und in einigen türkischen Zeitungen wie in Zaman, in der er plötzlich nicht mehr als Muhammad, sondern nur noch als Sven Kalisch bezeichnet wird. Der Subtext ist klar: Der Professor gilt nicht mehr als Muslim. "Vielleicht wird ja doch darauf spekuliert, dass irgendein Depp das in die Hand nimmt", sagt er. Morddrohungen bekommen hat Kalisch noch nicht. Doch er steht in regem Austausch mit dem Staatsschutz.

Trotz aller historisch-kritischen Zweifel ist es der Islam, der Kalischs Leben prägt. Was aber macht für ihn das Muslim-Sein aus? "Der Islam ist für mich die spirituelle Tradition, aus der ich komme", sagt er. Jeder müsse selbst entscheiden, was er aus dieser Tradition übernimmt. "Ich esse kein Schweinefleisch, trinke keinen Alkohol und halte den Ramadan ein." Und seine Frau, die pakistanische Wurzeln hat und kein Kopftuch trägt, halte es auch so. Sie wollen die islamische Tradition als Angebot an ihre Kindern weitergeben, ein Mädchen und ein Junge, elf und neun Jahre alt. "Was sie annehmen, entscheiden sie selbst."



ZUR PERSON

Religion: 1966 wird Sven Kalisch in Hamburg geboren, seine Eltern sind Protestanten. Mit 15 konvertiert er zum Islam und nennt sich Muhammad. Er gehört der schiitischen Strömung der Zaiditen an. Arbeit: Seit 2004 hat Kalisch die erste Professur für "Religion des Islam" an deutschen Hochschulen inne, in Münster soll er islamische Religionslehrer ausbilden. Als Jurist promovierte er über die "islamische Rechtsmethodik", 2002 habilierte er sich als Islamwissenschaftler. Thesen: Kalisch bezweifelt, dass es den Propheten Mohammed gab und dass der Koran die Offenbarung Gottes ist.