Das taz Print-Archiv

Hier können Sie in alten taz-Ausgaben blättern:

 

  • 03.02.2009

die wahrheit

karneval der bürgermeister von JENNI ZYLKA

Kaum schaut man sich um, ist schon wieder Zeit für Afroperücken. Und da ich in Berlin, der Hauptstadt des Karnevals, lebe, bin ich nach Monaten des Nachdenkens über das Motto meiner diesjährigen Verkleidungsparty nun endlich zu einem Resultat gekommen. Der Faschingsabend 2009 wird unter dem Motto "Ferien in Osnabrück" stehen, und ich kann kaum erwarten, was meine Freunde und Freundinnen sich so alles Wildes ausdenken, um mich zu überraschen. Verkleiden kann schon lustig sein: Als der Freund einer Freundin neulich ausschließlich seinem besten Kumpel von seiner Kostümparty erzählte, kam der Kumpel als Einziger verkleidet, und zwar als Cowboy.

Mir sind Kostümpartys, egal ob sich einer oder alle zum Affen machen, ja schon darum lieber als Geburtstagsreinfeierpartys, weil immerhin niemand um null Uhr "Happy Birthday" singt und danach "Whu whu whu whu whu!" ruft, ich kann dieses selbstbeweihräuchernde "Whu whu whu whu whu!" nicht leiden, und wenn ich das nächste Mal in einer "Whu whu whu whu whu!"-Runde stehe, köpfe ich die gesammelten Rufer mit einem Lichtschwert, das schwöre ich hiermit auf Pfandbriefe und Kommunalobligationen.

Das Einzige, was ähnlich nervt wie "Whu whu whu whu whu!" ist das sich wie ein Geschwür vermehrende "Hallo?!" als Hinweis darauf, dass jemand Unsinn gemacht hat, dicht gefolgt von dem gedehnten "Okay", bei dem die zweite Silbe wieder nach oben geht, anstatt, wie bei einer verständigen Zustimmung, nach unten. "Hallo?!" und "Okay" haben hier Hausverbot, um mit einem großen, billigen Möbeldiscount zu sprechen, der sich nur eine billige Werbeagentur leisten konnte, und das Lichtschwert reicht weiß Gott auch noch für "Hallo?!"- und "Okay"-Sager.

Ein weiteres topaktuelles Kostüm konnte ich neulich im Flugzeug von München nach Berlin bestaunen; als ich mich kurz vor meinem durch Flugangst bedingten Nervenkollaps zu meinem wie ein Hades-bewachender Höllenhund hustenden Sitznachbarn umdrehte, um mich durch eine mitleidige Bemerkung à la "Na, das klingt aber nicht gut …" etwas von der Todesfurcht abzulenken, erkannte ich in dem Schnäuzerträger den Oberbürgermeister von München oder eben jemanden, der entweder professionell als Ude-Doppelgänger arbeitet oder gerade auf dem Weg zu einer Karnevalsparty mit dem Motto "Deutsche Bürgermeister" war. Der echte Herr Ude kann es nicht gewesen sein, denn das bronchienkranke Double steckte nach dem Flug die bereits dreieinhalb Wochen alte Cosmopolitan ein, und man sollte doch annehmen, dass Herr Ude keine Zeit hat für Psychotests wie "Welcher Intelligenztyp sind Sie?", schließlich ist auch in München Finanzkrise.

Mir war die anbiedernde Frage nach dem Befinden angesichts all der Problematiken, die ein OB täglich verhandeln muss, auch wenn er nur als OB verkleidet ist, jedenfalls dann zu dumm, und so konzentrierte ich mich wieder auf die Turbulenzen und das damit verbundene Schwitzen meinerseits. In Tegel wurde der falsche Herr Ude von einem ebenfalls täuschend echten Fahrer abgeholt. Und ich schwöre, hinter der dunkel getönten Heckscheibe saß ein Mann mit Wowereit-Maske und Tröte im Mund.

die wahrheit auf taz.de

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!