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  • 26.07.2011

die wahrheit

THE RETURN OF THE IROKESENSCHNITT

VON JOACHIM SCHULZ

"Meine Vergangenheit hat mich eingeholt", hatte Raimund am Telefon gesagt - jetzt stand er mit ihr vor meiner Tür: Die Vergangenheit war ziemlich klein, hatte steinalte Springerstiefel und abgeschabte schwarze Klamotten an und trug den spektakulärsten Irokesenschnitt, den ich je sah.

"Oha - Raimund und der kleene Punker", sagte ich belustigt: "Kommt erst mal rein!" Ich ließ sie in den Flur, und der Irokesenknirps trat mir im Vorübergehen gegen's Schienbein. "Nenn ihn nicht ,klein' - das kann er nicht leiden", flüsterte Raimund mir zu, und ich ächzte: "Alles klar", ehe ich den beiden in die Küche hinterherhumpelte.

"Wollt ihr was trinken?", fragte ich. "Klar ey, 'n Bier!", rief der Knirps, aber Raimund schaltete sich sofort ein: "Nichts da, no beer! Du bist erst dreizehn!" - "O Mann, ey! Sei nicht so ätzend, Opa!", maulte der Winzpunk, und ich fand, dass Raimund sich diese despektierliche Anrede nicht bieten lassen musste. Raimund aber wiegte den Kopf und murmelte: "Na ja, weißt du. Ich habe vorhin am Telefon nicht umsonst davon gesprochen, dass mich meine Vergangenheit eingeholt hat."

Ich erfuhr, dass Raimund tatsächlich der Großvater des Knirpses war, der Fabian hieß, es aber vorzog, Matsche genannt zu werden. "Donnerschlag", stammelte ich, "ich wusste ja nicht mal, dass du Vater bist …" - "Ich auch nicht", sagte Raimund, und Matsche zog ein verknittertes Foto hervor, das ein grellbuntes Punkpärchen zeigte, dessen männliche Hälfte wahrhaftig Raimund war. "Oma und Opa 1980 im besetzten Haus in der Annastraße", sagte das Bürschchen: "Cooler geht's ja wohl nicht, oder?"

"Ich war ungefähr ein halbes Jahr mit Margit zusammen", erzählte mir Raimund, "danach habe ich unserem Provinzkaff den Rücken gekehrt und sie nie wiedergesehen. Heute Mittag stand Matsche plötzlich vor meiner Tür, erklärte mir, dass ich sein Opa sei, und sagte, dass er jetzt bei mir wohnen werde, weil er keinen Bock auf seine spießigen Eltern mehr habe." - "Opa wird nämlich wieder Punk", ergänzte Matsche: "Kuck dir das Foto an, es ist seine Bestimmung! Und jetzt gehen wir zum Karlsplatz, das soll der coolste Treff hier in der Stadt sein!" - "Ich dachte, du kommst mit", sagte Raimund bittend, und ich verdrehte seufzend die Augen und schnappte mir meine Jacke.

Am Karlsplatz hockte eine große Schar von sehr jungen Punks, die die Zeit damit verbrachten, Malzbier zu trinken und zu rülpsen. Matsche schloss sofort Freundschaft, und Raimund und ich setzten uns auf eine abseits stehende Bank und sahen den Knirpsen beim Rülpsen zu, während Raimund versuchte, Margits aktuelle Telefonnummer rauszukriegen. Wir blieben bis zum frühen Abend, und wer weiß, wie Raimunds Leben künftig verlaufen wäre, wenn Margit, als er sie endlich erreichte, ihm nicht gestanden hätte, dass sie nur deshalb immer wieder behauptet habe, er sei der Vater ihrer Tochter, weil sie sich bis heute in Grund und Boden dafür schäme, dass Matsches Mutter in Wahrheit bei einem schlimmen Fehltritt mit einem sterbensblöden Popper gezeugt worden sei.

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