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  • 24.12.2011

Lebensmittelexpertin mit Gschmäckle

SICHERHEIT Gibt es bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit Interessenkonflikte?

BERLIN taz | Kann eine Frau, die jahrelang einen Lobbyverband der Nahrungsmittelindustrie beraten hat, bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) glaubwürdig unabhängig arbeiten? Diese nur scheinbar rhetorische Frage beantwortet die Efsa mit einem klaren Ja. "Wenn Sie immer alle Experten ausschließen, die irgendwann einmal für die Industrie gearbeitet haben, werden Sie nicht viele Experten haben", sagte Efsa-Chefin Catherine Geslain Lanelle der taz.

Konkret geht es um die Toxikologin Ursula Gundert-Remy, die seit diesem Jahr für die Efsa Zusatzstoffe in Lebensmitteln wie Getränken, Fast Food oder Süßigkeiten beurteilt. Mit anderen ExpertInnen soll sie bis Juli 2012 unter anderem den Süßstoff Aspartam neu bewerten.

Fehlende Transparenz

Nach mehrfachen Anfragen gab sie im Gespräch mit der taz zu, zuvor das International Life Science Institute (Ilsi) maßgeblich unterstützt zu haben, das von Firmen wie McDonald's, Coca-Cola und Red-Bull - und Ajinomoto, dem führenden Hersteller von Aspartam, getragen wird. Auch die Ilsi-Pressestelle bestätigte, dass Gundert-Remy von 2005 bis 2009 wissenschaftliche Beraterin gewesen ist. Bei der Efsa gab sie diesen Kontakt jedoch offenbar nicht offiziell an. Die EU-Kommission folgt bei der Zulassung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln meist den Stellungnahmen der im italienischen Parma ansässigen Efsa.

"Es ist für mich nicht glaubwürdig, dass Frau Gundert-Remy diese Arbeit ohne jede Aufwandsentschädigung oder andere Begünstigungen gemacht hat. Die fachliche Abgrenzung zu Ihrer Tätigkeit bei der Efsa ist nicht nachvollziehbar", sagte Gentechnikexperte Christoph Then vom Projekt scouting biotechnology, das unabhängige Risikoforschung unterstützt, der taz.

Kein Einzelfall

Ein Efsa-Sprecher wies den Vorwurf zurück, Gundert-Remy könne in einem Interessenkonflikt stehen oder bei ihren Einschätzungen parteiisch agieren. Die Zusammenarbeit mit dem Ilsi sei ehrenamtlich und ohne Entlohnung gewesen.

Schon in der Vergangenheit waren immer wieder Mitglieder der Behörde in die Kritik geraten, weil sie die Industrie beraten haben oder nach einer Tätigkeit bei der Efsa zu Unternehmen wechselten (taz berichtete). Unter der Hand ist aus der Behörde zu hören, dass etwa jeder vierte Mitarbeiter mit dem Ilsi zusammengearbeitet habe. Der Europäische Bürgerbeauftragte Nikofros Diamandouros hatte die Efsa aufgefordert, ihre Regeln für Mitarbeiter zu überarbeiten, um mögliche Interessenkonflikte zu vermeiden. Laut taz-Informationen war Gundert-Remy im Juni dieses Jahres auf einem Workshop der Ilsi. Der Kontakt ist also noch nicht beendet. CHRISTIAN GEHRKE

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