Am 9. Januar 1950 wurde Rio Reiser geboren. Sein Vater kam aus dem Oderbruch. In dessen Heimatdorf wusste man lange nicht, dass man mit dem "König von Deutschland" verwandt ist. VON JAN STERNBERG
Reiser im Januar 1987 auf der Bühne in der Stadthalle in Offenbach Foto: dpa
Das Oderbruch-Dorf Alt Tucheband hat einen neuen König: Rio der Erste und Sissi die Zweite, wie er sich selbst genannt hat. Der neue Herrscher der 500-Einwohner-Siedlung ist zwar schon 14 Jahre tot, doch lange wusste Alt Tucheband nicht, in welcher Beziehung das Dorf zu Rio Reiser stand. Am 9. Januar vor 60 Jahren wurde der "Ton Steine Scherben"-Sänger und spätere Solostar als Ralph Christian Möbius in Berlin geboren. Die Familie seines Vaters Herbert Möbius aber stammt aus Alt Tucheband. Rechtzeitig zum runden Geburtstag haben sich einige Einwohner an den berühmtesten Enkel des Ortes erinnert.
So bekommt der König nun sein Geburtstagsständchen aus der Quetschkommode. In Trachtenhemden und mit Holzpantinen an den Füßen sitzen Hans Andreas, der sich als Musiker Hölschebure nennt, und sein Schüler Tony im Gasthof des Oderbruch-Dörfchens und spielen für Rio Reiser, der 1996 in Fresenhagen in Nordfriesland starb. Hier wie dort eine platte Landschaft am Rand der Republik, eine einfache, herbe Umgebung. Könnten Rio und Alt Tucheband zusammenpassen?
Rio Reiser wurde als Ralph Christian Möbius am 9. Januar 1950 in West-Berlin geboren. Er starb am 20. August 1996 in Fresenhagen (Nordfriesland). Die Familie zog oft um. Der Vater war Ingenieur und wechselte oft den Job.
Weil ihm sein bürgerlicher Name "zu sehr nach Arztroman klang", nannte Ralph sich Rio Reiser - wegen des Romans "Anton Reiser" des Romantikers Karl Philipp Moritz, aber auch, weil er sich durch die Kindheit mit den vielen Ortswechseln als Ruheloser, als Reisender, empfand.
Mit der Band Ton Steine Scherben trat Reiser erstmals 1970 auf. Mit Songs wie "Keine Macht für Niemand" gab die Band den Soundtrack zur Hausbesetzer-Szene der 1970er. 1975 wurde ihr die Vereinnahmung zu viel: Die Scherben zogen sich auf einen Bauernhof nach Fresenhagen zurück.
Seine Solokarriere ab 1984 machte Rio Reiser zum Star, der nun auch materiellen Erfolg hatte. Auf Einladung der FDJ trat er 1988 in der Ost-Berliner Werner-Seelenbinder-Halle auf. Das Konzert wurde im Fernsehen übertragen, allerdings gekürzt. Dem fiel unter anderem das Lied "Der Traum ist aus" zum Opfer, bei dem Tausende den Refrain "Dieses Land ist es nicht" mitbrüllten.
An die Probleme, die Rio wegen seiner Homosexualität bekam, erinnert das Schwule Museum Berlin ab Sonnabend mit einer Schau.
Kontakt zu den Initiatoren des Klangzimmers in Alt Tucheband unter (03 34 72) 5 06 22. jps
Im Oderbruch gibt man sich jetzt jedenfalls alle Mühe. Vor allem Hans Andreas, der Hölschebure. Seit einigen Jahren recherchiert der Lehrer über seinen Musikerkollegen Rio Reiser. Auch wenn er ganz andere Musik macht als der "König von Deutschland". "Wenn Musik eine Seele hat, ist sie immer gut", sagt er im Gasthof, "egal ob mit Holzschuhen und Quetsche oder barfuß, wie Rio immer auftrat, und mit Gitarre."
Von einer alten Dorfbewohnerin hatte der Hölschebure gehört, dass Herbert Möbius und sein jüngster Sohn Rio Anfang der 1990er in Alt Tucheband aufgekreuzt waren und enttäuscht wieder verschwanden. Weil sie nicht sehr freundlich empfangen wurden, glauben die einen; weil nichts mehr so aussah wie in der Erinnerung des Vaters, sagen die anderen.
Das war auch schwer: Alt Tucheband, zwischen Oder und Seelower Höhen gelegen, lag 1945 in der Hauptkampflinie der Schlacht um Berlin. Im Scheinwerferlicht des von Sowjetmarschall Schukow befohlenen nächtlichen Angriffs "wurden die Russen damals abgeknallt wie die Hasen", sagt Ortsvorsteher Dieter Pichi drastisch. Von Gutshaus, Kirche und Dorf blieb nichts übrig "in diesem Scheißkrieg". Auch nicht das Haus der Familie Möbius.
Dort kam Herbert Möbius als Sohn des Kammerdieners Paul und der Zofe Rosa am 3. Mai 1917 zur Welt. Rios Großvater Paul arbeitete auf dem Gutshof der Familie Schmelzer, die mit industriell betriebener Rübenzucht gutes Geld machte. Der Ort brummte, Gaststätten säumten die Dorfstraße, sogenannte Schnitterkasernen beherbergten die allsommerlich anreisenden Erntehelfer aus Polen.
Die Familie Möbius aber zog es in den 1920er-Jahren in die Großstadt, wobei die Oma sich auch in Berlin nicht von ihren Hühnern trennen konnte. "Ein bisschen sah sie hinterher selber aus wie ein Huhn", sagt lachend Gert Möbius, Rios älterer Bruder, während er durch die verschneiten Straßen von Alt Tucheband geht, begleitet von Hans Andreas und Dieter Pichi.
Umschwirrt von einem Fernsehteam, soll sich Gert Möbius erinnern. 1993 war er das letzte Mal hier, für eine Fernsehdokumentation über die Schauplätze des Zweiten Weltkriegs. "Damals habe ich einen alten Mann getroffen, der beim Namen Möbius sofort zu erzählen anfing. Der wollte mich gar nicht mehr gehen lassen." Gert Möbius, angereist aus Berlin, empfangen wie ein Staatsgast, ist ehrlich interessiert: "Gehen hier viele weg?" fragt er, und seine Begleiter nicken.
Gekommen ist das ganze Dorf zur Feierstunde in der Landgaststätte Kolschefski, dem letzten verbliebenen Gasthof, direkt neben der geschlossenen kleinen Kaufhalle. Ganz hinten, an die Tür gedrängt, stehen die Teenager Anna aus Aachen und Thomas aus Alt Tucheband. Warum sie heute wohl hier sind? Annas Augen leuchten, kurz schaut sie verliebt zu Thomas herüber, dann sagt sie: "Weil Rio unser Lied geschrieben hat: ,Für immer und dich'."
Für immer und dich - gerade tönt Rios doppelbödiges Liebeslied aus den Lautsprechern, gewünscht hat es sich Hans Andreas. Es ist auch sein Rio-Lieblingslied. "Ich wusste ja gar nicht, wie vielseitig Rio war", sagt er, "er hat Kinderlieder geschrieben, Musicals, hat geschauspielert." Doch auch der Hölschebure mag nicht den ganzen Rio: "Die Scherben-Songs, ,Macht kaputt, was euch kaputt macht', damit kann ich nichts anfangen." Der rebellische Rio Reiser, er scheint auf dem Weg ins Dorf ein bisschen vergessen worden zu sein.
Und so kann sich auch die regionale Polit-Prominenz in des Königs Glanz sonnen: Landrat Gernot Schmidt (SPD), Kreistagsvorsitzender Wolfgang Heinze (Linke), CDU-Bundestagsabgeordneter Hans-Georg von der Marwitz. Sie hören Dieter Pichi zu, der davon spricht, dass Rio Reiser "unangepasste und vor allem deutsche Rockmusik" gemacht hat - das Oderbruch feiert den späten Rio. Einen der wenigen wirklichen deutschen Rockstars überhaupt.
Fast der Einzige, der mit Rios revolutionärer Phase etwas anfangen kann, ist Guntram Glatzer, Hauptamtsleiter des Amtes Golzow. Vielleicht liegt es daran, dass seine Tochter in Kreuzberg wohnt. "Für sie ist Rio Kult, und sie wäre gerne heute gekommen", sagt er. Doch nicht nur die Hausbesetzer, auch die Oderbruch-Bauern seien immer schon besonders rebellisch gewesen, meint Glatzer. "Sie waren stur und haben es der Obrigkeit nicht leicht gemacht." Zurzeit richtet sich die stille, sture Rebellion gegen den Energiekonzern Vattenfall, der unter den Böden des Oderbruchs CO2 aus seinen Braunkohlekraftwerken einlagern will. Vielleicht könnten Rios Lieder beim Protest helfen.
Musikalisch verewigt werden soll er jedenfalls in Alt Tucheband. Hans Andreas will ein Klangzimmer einrichten, ein akustisches Heimatmuseum. Im alten Wasserwerk soll der "König von Deutschland" neben anderen Klängen des Oderbruchs wie der traditionellen Quetschkommode hör- und erlebbar werden, für Jugendliche vor allem. Drüben in Golzow, auf der anderen Seite der Bundesstraße 1, haben sie das Film-Museum der "Kinder von Golzow", bald soll Alt Tucheband kontern können.
Gert Möbius, der das Rio-Reiser-Archiv hütet, mag die Idee. Er hat Andreas Material zur Verfügung gestellt, ihn in Rios Tagebuch schauen lassen und CDs gespendet. Rios Geburtstag wird er aber in Fresenhagen feiern. Bevor er sich auf den Weg macht, sagt er: "Wäre die Teilung nicht gewesen, hätte er sich mit den Scherben womöglich nicht nach Nordfriesland, sondern hierher zurückgezogen."
Charlotte Knobloch geht, und erstmals wird kein Holocaust-Überlebender an der Spitze stehen. Die jüdische Stimme wird leiser werden.von PHILIPP GESSLER
... nicht mehr Hartz IV, so will es Ministerin von der Leyen. Der neue Name soll "von unten" kommen. taz.de macht schon mal ein paar Vorschläge.

Wie jetzt, mit 17 schon alles erreicht? Milliarden gemacht, Romane geschrieben und die Charts geknackt? Auf wen wir wirklich neidisch sind.

Ein Jahr Obama: Nicht nur die Weltpolitik ist seine Bühne. Jetzt gibt es tatsächlich ein Obama-Musical.

Wär doch schade, wir hätten sie nicht notiert...


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Leserkommentare (1)
03.02.2010, 14:42 | Egon Bunne:
Gruss aus Mainz, Egon