Im Vivantes-Krankenhaus in Neukölln protestieren 150 Beschäftigte gegen zunehmend schlechte Arbeitsbedingungen. VON BERND SKISCHALLY
2008 haben sie im Nahverkehr gestreikt, jetzt bei Vivantes in Neukölln. Foto: ap, Herbert Knosowski
Statt den Patienten ihr Mittagessen zu bringen, greift Kerstin B. zum Megaphon. Breitbeinig baut sie sich vor den GeschäftsführerInnen des Neuköllner Vivantes-Krankenhauses auf. "Ich will übernommen werden, weil ich Sicherheit brauche. Ich will nicht in die Arbeitslosigkeit abrutschen", ruft die 19-Jährige ihren Chefs entgegen. Die zucken die Schultern, schütteln den Kopf, zeigen mit den Daumen nach unten - und ernten grelle Pfiffe von Dutzenden Frauen und Männern mit Transparenten wie "Gute Pflege statt Gewinnmaximierung", die sie in der Eingangshalle des Klinikums hochhalten.
Ganz so mutig wie es scheint, ist die Frau am Megaphon aber nicht. Sie ist Auszubildende im Pflegebereich. Ihre vermeintlichen Chefs sind ebenfalls Azubis - mit Masken der Gesichter von Geschäftsführer Joachim Bovelet und dessen KollegInnen aus der Chefetage von Vivantes. Das Schauspiel ist Teil eines Warnstreiks. Mehr als 150 Beschäftige des Neuköllner Klinikums haben am Mittwoch ihre Arbeit nieder gelegt, um für bessere Arbeitsbedingungen zu demonstrieren. Ein Großteil der Streikenden arbeitet im Operationsbereich, weshalb gut 75 Prozent der an diesem Tag geplanten Operationen ausfällt, wie Verdi-Sprecher Stefan Thyroke schätzt.
Die Gewerkschaft Verdi hat den eintägigen Warnstreik in Neukölln vor dem Hintergrund der Tarifverhandlungen für Beschäftigte im öffentlichen Dienst bei Bund und Kommunen organisiert. Verhandelt wird in Potsdam - bislang ohne Ergebnisse. "Die Arbeitgeber brauchen wohl noch mehr Druck, um vernünftig zu werden", sagt Thyroke, als er in der Krankenhaus-Halle zu den Streikenden spricht. Für diese Woche plant Verdi keine weiteren Warnstreiks in Berlin. Wie es danach weiter geht, komme auf die Verhandlungen an.
Dass sich die Gewerkschaft für den Warnstreik das Vivantes-Krankenhaus in Britz ausgesucht hat, ist für Volker Gernhardt kaum verwunderlich. Der 57-Jährige ist Betriebsrat in der Klinik und hat miterlebt, wie sich dort die Arbeitsbedingungen in den vergangenen Jahren dramatisch verschlechtert haben. "Seit Vivantes das Haus 2001 übernommen hat, wird gespart, wo es nur geht. Was das Personal heute leisten muss, ist oft nicht mehr vertretbar", sagt er.
Dass sich auffallend viele Auszubildende am Warnstreik beteiligen, dürfte mit den neuesten Sparplänen von Vivantes, einem der größten privaten Krankenhausunternehmen Deutschlands, zusammenhängen. Übernommene Azubis sollen künftig über eine Leiharbeitsfirma eingestellt werden, zu schlechteren Bedingungen, erklären die Streikenden. "Bis zu 30 Prozent weniger würden die jungen Leute dann verdienen", rechnet Thyroke vor. Kerstin B. und die anderen Auszubildenen wollen sich das Outsourcing in eine Tochterfirma von Vivantes nicht gefallen lassen. Auf Buttons an ihren Jacken steht deshalb: "Wir wollen bei Mutti bleiben".
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