"Heute Rockkonzert, Eintritt frei", steht mit Kreide auf dem Schild vor der Eckkneipe. Es ist gewissermaßen unsere Eckkneipe, an der Ecke unseres Wohnblocks. Seit wir hier wohnen, haben wir sie nie betreten. Heute aber doch. Neben dem Tresen blinken die Daddelautomaten. Ihr Gedudel wird übertönt vom Gitarrenlärm der Band, die im Nebenraum aufspielt. Wir hatten auf eine AC/DC-Coverband spekuliert, aber stattdessen gibt es Gitarrenrock mit deutschen Texten, in denen es um Wut und andere Gefühle geht. Mutmaßliche Besetzung der Band: der pubertäre Sohn der Wirtin und seine Freunde, unterstützt vom Musiklehrer am Schlagzeug.
Die blondierte Wirtin mustert uns. Der Kollege und ich bestellen zwei Bier vom Fass und setzen uns an den Tresen. Vor zwei Wochen war die Wirtin bei uns aufgeschlagen, als die Party fast zu Ende war. Der Kollege hatte mir das Mischpult überlassen. Ein sicheres Zeichen, dass das Ende nahte: Jetzt war die Musik auch egal. Die Wirtin hatte ihre Kneipe dichtgemacht und die letzten zwei Stammgäste einfach mitgebracht. "Stinker" und "Faktotum" wurden uns vorgestellt, setzten sich aufs Sofa, ließen die Köpfe nach hinten fallen und schliefen ein. Die Wirtin fühlte sich wohl, erzählte uns von der Jointkultur der Sechziger, ihrer Eckkneipe, die immer echte Kiezkneipe bleiben sollte, und dem Konzert in zwei Wochen. Kommt doch vorbei, Jungs, würde mich freuen, sagt sie damals. Jetzt stellt sie die Biere vor uns hin. Der Gast, der die Spielautomaten bedient, bekommt eine neue Flasche Sternburg Export. "Seid ihr neu im Kiez, Jungs, hab euch hier noch nie gesehen", fragt die Wirtin. "Nein", sagen der Kollege und ich gleichzeitig, stoßen an und trinken schweigend unser Bier.
STEFAN NICKELS
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