Die verzweifelten Hoeneß-Brüder

KOLUMNE VON JOACHIM LOTTMANN

JOACHIM LOTTMANN ÜBER MARX 2.0

DER FALL HERTHA BSC: VON DER BEDEUTUNGSLOSIGKEIT IN DIE BEDEUTUNGSLOSIGKEIT

Die verzweifelten Hoeneß-Brüder

Sportjournalist zu sein in Deutschland ist eine schöne Sache zurzeit. Erst mit Robert Enke auf allen Kanälen, dann mit dem "größten Sportbetrug aller Zeiten" (Welt), also den manipulierten Wetten in Fernost. Und das Langweilerthema Doping, immer mit dem heiligen Ernst einer scheinbaren Neuigkeit vorgetragen, bringt jeden Schreiberling zuverlässig in der Zeitungshierarchie nach oben.

Gerade hat es der Sportredakteur des Spiegels damit bis zum Kulturchef gebracht. Und sein Nachfolger durfte gleich mal den völlig nichtssagenden, gänzlich uncharismatischen Torwart Enke zur Lichtgestalt und zur Titelgeschichte hochschreiben. In der Fußballberichterstattung, der Königsklasse des Sportjournalismus, profilieren sich kritische Kollegen mit knallharten Fragen im sogenannten Spielerinterview: "Ist es wahr, dass Sie intern die Mannschaft kritisiert haben?" Mutige Antwort: "Nun, über Interna rede ich nicht, aber wir müssen die Antwort auf dem Platz geben."

Absoluter Höhepunkt an Zivilcourage ist die Forderung, Spieler müssten Charakter zeigen und Moral. Womit nicht das gemeint ist, was Knigge oder Kant darunter verstanden hätten. Sondern sinnloses Laufen kurz vor Ende eines bereits entschiedenen Spiels.

Wenn aber wirklich einmal etwas Schreckliches passiert, wie jetzt der von Menschen gemachte Untergang des Hauptstadtclubs Hertha BSC Berlin, liest man nichts darüber. Jedenfalls nichts über die Ursachen. Also, was ist geschehen?

Dieter Hoeneß, ein mächtiger Patriarch und Manager, Typ Gründervater, hatte den Verein einst aus der Bedeutungslosigkeit der unteren Ligen ganz nach oben bis zur Champions League geführt. In diesem Jahr nun, Hertha stand auf Platz eins, wurde der Koloss nach 15 Jahren mitten in der Saison gestürzt. Von Trainer und mit ihm befreundeten Vereinsoberen samt Medienanhang. In nur wenigen Wochen wurde das Lebenswerk von Hoeneß zerschlagen, der Volksheld Mirko Pantelic gedemütigt und kaltgestellt (weil er beliebter war als der geltungssüchtige, aber nur zweitklassige Trainer); die besten Spieler wurden verkauft, mit dem Geld Flaschen, Pardon, schlechte Fußballer verpflichtet. Die Mannschaft stürzte ab wie ein abgeschossenes Flugzeug und zerschellte auf dem letzten Platz der Bundesliga. Das war schon vor acht Wochen.

Seitdem liest man die immer gleichen Aufrufe zur Arbeit: Die Mannschaft müsse "mehr arbeiten, um aus dem Tal der Tränen" herauszukommen. Woche für Woche, Niederlage für Niederlage dieselbe Diagnose, dieselbe Therapie: mehr arbeiten. "Es nützt ja nichts, wir müssen jetzt alle mehr arbeiten, um wieder Anschluss zu finden." Der Trainer redete vom Mehr-Arbeiten, und sein Nachfolger genauso. Und alle fürs Desaster Verantwortlichen stimmten ein in die Melodie: "Was soll ich sagen? Arbeiten, arbeiten, arbeiten!"

Ja, was sollen sie sagen? Der Verein ist zerstört, könnten sie zugeben, und: Wir haben ihn zerstört. Wir treten zurück und geben Dieter Hoeneß sein Amt wieder. Und wenn sie es nicht sagen, könnten es, MÜSSTEN es die Journalisten tun. Aber das sind sie eben nicht, Journalisten. Sondern befreundete Medienleute. Und wenn sie unbedingt welche sein wollen, schreiben sie eben wieder die üblichen Texte, äh, die schonungslose "investigative Enthüllungsstory" über Doping. Menschen nehmen Tabletten, furchtbar. Erkenntniswert gleich null.

Bis zum Ende der Saison - das ist bis nächsten Sommer! - wird unsere Intelligenz mit hundert weiteren Spielerinterviews à la "Wir müssen mehr arbeiten!" beleidigt werden (wie gestern zu lesen nach dem fruchtlosen 1:1 gegen Mitabsteiger Stuttgart). Während die armen Hoeneßbrüder vor lauter Gram keinen Schlaf mehr finden. Denn auch der andere, sein Bruder Uli Hoeneß, räumt gerade seinen Schreibtisch und sieht seinen Verein, Bayern München, in den Fluten des Missmanagements versinken … JOACHIM LOTTMANN

Hinweis:
MARX 2.0
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