KOLUMNE VON DIETER BAUMANN
Die Universitätsstadt Tübingen ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Zum Beispiel ist da unser Oberbürgermeister Boris Palmer, ein Grüner. Verkauft den dicken Dienstwagen und stellt sich einen Hybridflitzer vors Rathaus. Mit dem Ding fährt er aber sehr selten, denn meistens steigt er auf sein Rad.

Dieter Baumann (42) ist mehrfacher Olympiasieger in verschiedenen Laufdisziplinen, arbeitet als Motivationstrainer und Autor. Er träumt davon, ein "Lebensläufer" zu sein, für den der Weg immer wichtiger bleibt als das Ziel. Foto: taz
Für uns als Bürger der Stadt kann das manchmal anstrengend sein, da so ein Vorbild auch Verpflichtung bedeutet. Seit ein paar Monaten beispielsweise habe ich einen Nebenjob: Ich koche in der Schulmensa meines Sohnes. Seit Jahrzehnten kochen dort Eltern für die Schüler. Bald werde ich es bis zu den Kochkünsten von einem Philipp Maußhardt gebracht haben, doch dies wird Thema einer anderen Kolumne sein. Zurück zum OB von Tübingen.
Als kleine Dienstleistung der Stadt sind für die fleißigen Eltern Parkplätze reserviert. Auf weißen Schildern steht dort groß und deutlich: "Kochmütter". Ja! Auf jedem Schild "Kochmütter". Nirgendwo konnte ich mein Auto abstellen. Nirgendwo ein Schild "Kochväter". Ein Skandal, wie ich finde. Wenn das nicht Chefsache ist, was dann? Deshalb sprach ich unseren Boris Palmer darauf an. "Lieber Dieter, ich gehe doch davon aus, dass du mit dem Fahrrad zum Kochen fährst", sprach unser Oberster Bürger und ließ mich stehen. Verstehen Sie nun, wie einzigartig Tübingen ist?
Ein anderes Beispiel: In der vergangenen Woche war Schokoladenmarkt in Tübingen. Die ganze Stadt war voll mit Schokolade. In den Medien wurde Tübingen sogar zur Schokoladenhauptstadt erklärt. Wobei sich die kleinen Buden und Stände auf die üblichen zwei Gassen verteilten. Marktplatz und Holzmarkt. Rittersport und Bahlsen hatten die größten Zelte. Es gab Schokoladenbier und Chili mit Schoko und das EnBw-Kundenbüro ließ von angeheuerten Studenten Trinkschokolade verkaufen. Eine gute Sache also.
Fünf Tage Schokoladeessen ist nicht unbedingt der Gesundheit förderlich, und damit wären wir bei der Einzigartigkeit von Tübingen: dem Laufen. Sehenden Auges stolpern wir von der Finanzkrise in die Rezession, mit großem Weitblick und zielsicher marschieren wir in die Klimakrise, da möchte ich mir als Bewegungsexperte nicht den Vorwurf gefallen lassen, ich hätte das Drama nicht erkannt. Eine Besucherin des Schokofestivals meinte, dass "Kalorien kleine versteckte Männchen sind, die über Nacht die Kleider enger nähen".
In der Tat, eine sehr putzige Darstellung, doch sie stimmt nicht. Bleiben wir beim Vergleich der kleinen Männchen, so ist es in der Schokolade eine über 1.000 Mann starke Armee. Sie werden nachts beim Schokofest auf dem Tübinger Holzmarkt oder auch anderswo in der Republik gegessen und vom Körper überhaupt nicht gebraucht. Aufgrund der Untätigkeit verwandeln sie sich zu klebrigen, dicken Fettlappenmonstern. Diese kriechen durch den Körper, verstopfen jede Blutbahn und am Ende beißen sie sich zeckenartig an den Hüftknochen fest. Das einzige wirksame Gegenmittel: Laufen.
Geradezu nachahmungswürdig organisiert die Stadt am Ende eines jeden Fressgelages einen großen Lauf. Zum sommerlichen Umbrisch-Provenzialischen Markt gibt es am letzten Tag den Tübinger Stadtlauf. Der ist allerdings nur 7,5 Kilometer lang. Die Stadtmarketing-Menschen haben erkannt: das reicht für die vielen Kalorien des Schokofestival nie und nimmer. Zwei Tafeln Rittersport haben immerhin mehr als 1.000 Kalorien und dafür muss man weit über eine Stunde Dauerlaufen. Das Gegenmittel deshalb: Am letzten Tag des Schokofestes gab es am vergangenen Sonntag den Nikolauslauf - einen Halbmarathon.
Heute nun beginnt der Weihnachtsmarkt in Tübingen. Tausende Bürger werden erwartet. Glühwein, Bratwurst und Lebkuchen stehen diesmal auf dem Speiseplan. Einzigartig in Deutschland: Mit dem Kauf der ersten Tasse Glühwein löst man sein Ticket zum Dauerlauf. Am Montag ist der Treffpunkt auf der Neckarbrücke. Dauerlauf mit Baumann zur Wurmlinger Kapelle. Um acht Uhr in der Früh. Zwölf Kilometer, der Fettmonster wegen. Wir sehen uns.
LAUFEN
Fragen zu Kalorien? kolumne@taz.de
Montag: Peter Unfried CHARTS
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... nicht mehr Hartz IV, so will es Ministerin von der Leyen. Der neue Name soll "von unten" kommen. taz.de macht schon mal ein paar Vorschläge.

Wie jetzt, mit 17 schon alles erreicht? Milliarden gemacht, Romane geschrieben und die Charts geknackt? Auf wen wir wirklich neidisch sind.

Ein Jahr Obama: Nicht nur die Weltpolitik ist seine Bühne. Jetzt gibt es tatsächlich ein Obama-Musical.

Wär doch schade, wir hätten sie nicht notiert...


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