In Berlin randalierten junge Punks in der Universität für "mehr Bildung" - und demonstrierten damit, wie sehr diese Jugendbewegung inzwischen auf den Hund gekommen ist. VON TOBIAS RAPP
Waren früher mal rebellisch: Punks. Foto: dpa
Es sind bizarre Bilder, die da auf einen einstürzen, wenn man sich die Aufnahmen von den Schülerprotesten anschaut, die am Dienstag zur kurzfristigen Besetzung des Hauptgebäudes der Berliner Humboldt-Universität führten. Demonstranten mit Plakaten, auf denen "Bildung für alle" steht, die die Exponate einer Ausstellung zerreißen und anzünden, die an die Enteignung jüdischer Unternehmer in der Nazizeit erinnerte.
Die Empörung ist groß, zu Recht natürlich. Wobei davon auszugehen ist, dass die Randalierer einfach nicht so genau hinschauten - so bescheuert, dass sie das Weltjudentum hinter der Bildungsmisere vermuten würden und deshalb die Ausstellungstafeln zerbrachen, dürften nicht einmal Punks sein. Da wurde einfach plattgemacht, was gerade da war.
Viel irrer ist eigentlich etwas anderes: dass Punks mit Schildern rumlaufen, auf denen "Bildung für alle" steht. Aber es ist Zeichen dafür, um was für eine unrettbar in Dummheit und Nostalgie verliebte und in überkommene Protestgesten sowie Blindheit gegenüber der Gegenwart versunkene Jugendkultur es sich bei Punk handelt. Punks, die "Bildung für alle" fordern? Liebe Punks, wollt Ihr auch noch mehr Lehrer haben?
Vielleicht ist das wirklich nötig. Also: ein kleiner Nachhilfe-Unterricht in Sachen Punk. Nicht dass man sich sklavisch an die Urformen subkultureller Bewegungen klammern sollte - aber es ist wichtig, dass Punk in einer bestimmten sozialen und historischen Situation entstand. In England sind das die mittleren Siebziger, der gesellschaftliche Stillstand und das Scheitern einer sozialdemokratischen Regierung, die nicht in der Lage ist, ihre Versprechen auf soziale Teilhabe für breite Schichten der Bevölkerung einzulösen. Davon handelt "No Future" wie vom gefühlten Scheitern der sozialen Utopien der Sechzigerjahre im Allgemeinen. Punk ist die tiefe, schwarze und todesverliebte Romantik, die das aufklärerische und an das Gute glaubende Hippietum angreift. Das ist 1977. Ein großer Moment. Und 1979 ist es vorbei. Postpunk übernimmt die Liebe zum Do-it-Yourself und die Abneigung gegen das Establishment. Jahre der popkulturellen Blüte folgen.
Auch in Deutschland lebt Punk in den frühen Achtzigern vor allem von seinem antisozialdemokratischen Impuls. Aber auch in Deutschland wendet sich eine Band wie die Goldenen Zitronen in den späten Achtzigern von einer Szene ab, deren rebellische Posen für nichts mehr standen als Traditionspflege.
Daran hat sich seitdem nichts geändert. Noch der bildungsfernste Hiphopper hat besser verstanden, wie Gesellschaft heute funktioniert, als jeder Punk. Die Institutionen, an denen sich Punks immer weiter abarbeiten ("Schweinebullen", "Scheißstaat", "Deutschland") haben die hegemoniale Macht, die sie einst hatten, längst eingebüßt. Man könnte es gesellschaftliche Liberalisierung nennen oder Neoliberalismus. Aber Schule, Lehre und Fabrik brauchen und wollen heute keine Jugendlichen mehr in die Rolle von funktionierenden Arbeitsrobotern zwingen. Diese Zeiten sind vorbei. Du kannst mitmachen und du kannst es bleiben lassen. Mitmachen wird natürlich lieber gesehen, aber Bleibenlassen ist kein Verbrechen mehr.
Es ist dem Schweinesystem schlicht egal, was abgehängte Jugendliche treiben, ob sie grüne Haare beim Biertrinken haben oder Hosen, die in den Knien hängen. Deshalb ist die basale Geste des Hiphop, laut und vernehmlich "Ich!" zu rufen und "Nehmt mich wahr!", auch so viel schlauer als Punks mit ihrem steindummen Rebellengetue. Hiphop hat verstanden, dass die Gleichgültigkeit, mit der die Mehrheitsgesellschaft ihre Unterschicht behandelt, der Skandal ist. Die Weigerung, ihre Mitglieder als gleichberechtigte Bürger dieses Landes überhaupt wahrzunehmen. Punk suhlt sich immer noch in dem (mit dem pubertären Hormonschub selbstverständlich gut harmonierenden) nostalgischen Glauben, da wäre noch eine Autorität, die was will. Ist aber nicht.
Punk hat der Gegenwart nichts mehr mitzuteilen. Deshalb sind Punks, die mit "Bildung für alle"-Plakaten das Foyer der Humboldt-Universität kaputthauen, auch so lächerliche Clowns. Ein paar Hiphopper hätten tatsächlich etwas bedeutet.
Charlotte Knobloch geht, und erstmals wird kein Holocaust-Überlebender an der Spitze stehen. Die jüdische Stimme wird leiser werden.von PHILIPP GESSLER
... nicht mehr Hartz IV, so will es Ministerin von der Leyen. Der neue Name soll "von unten" kommen. taz.de macht schon mal ein paar Vorschläge.

Wie jetzt, mit 17 schon alles erreicht? Milliarden gemacht, Romane geschrieben und die Charts geknackt? Auf wen wir wirklich neidisch sind.

Ein Jahr Obama: Nicht nur die Weltpolitik ist seine Bühne. Jetzt gibt es tatsächlich ein Obama-Musical.

Wär doch schade, wir hätten sie nicht notiert...


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Leserkommentare (126)
30.10.2009, 01:16 | marcus k. noche:
wie soll ich sagen: da hat sich jemand öffentlich nicht entblödet auszubreiten, ...
04.06.2009, 19:11 | Jule das Freak:
Was Teile der Szene aus dem ursprünglichen Punk gemacht haben ist wirklich traur...
29.04.2009, 14:10 | Armin Rockstroh:
1. Das auf der Demo waren keine Punks. Vielleicht warens ja sogar Hip Hopper, w...
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