Das Leben der Armen hat die deutsche Literatur seit jeher wenig interessiert. Reformen und Abstiegsängste lassen nun neue Genres entstehen. VON ANSGAR WARNER
Kann nur gut schreiben wer auch arm ist? Foto: dpa
Der bundesdeutschen Mittelstandsgesellschaft geht es ein bisschen so wie der DDR im Sommer 1989. Täglich kommen ihr Menschen abhanden. Die Richtung hat sich allerdings geändert: nicht mehr nach Westen, sondern nach unten, meistens jedenfalls. Wie es diesen Menschen so geht, kann man im offiziellen "Armuts- und Reichtumsbericht" der Bundesregierung nachschlagen. Mag man es investigativer, greift man zum Zeit-Magazin: "Günter Wallraff ist zurück", lautete dort im vergangenen Sommer eine riesige Schlagzeile, gefolgt von einer Undercover-Reportage über prekäre Arbeitsverhältnisse in der Callcenter-Branche. Vielversprechend scheint auch die Lektüre von Autoren wie Clemens Meyer, dessen Texte zur "Literatur der neuen sozialen Härte" ausgerufen wurden. Aktuelle Kinofilme bewirbt man sogar als "Hartz-IV-Komödie". Die gefühlte deutsche Wirklichkeit hat sich spürbar verändert - der soziale Abstieg kann nun nicht nur jeden treffen, man verlässt sich schon fast darauf.
Mit einem Sammelband zu "Ökonomien der Armut" trägt nun auch die Germanistik zum "social turn" der medialen Öffentlichkeit bei. Die Herausgeberin Elke Brüns will damit "das Soziale als Bezugssystem der Literatur und Kulturwissenschaften" wieder auf die Agenda setzen. Das ergibt nicht nur aufmerksamkeitsökonomisch Sinn. Es gab zwar Versuche, eine Sozialgeschichte der Literatur zu etablieren. Nur eine Literaturgeschichte der Armut gibt es noch nicht. Daran sind die Schriftstellerinnen und Schriftsteller nicht ganz unschuldig. Zwar bot die bürgerliche Gesellschaft schon dem Philosophen Hegel zufolge ein immerwährendes "Schauspiel ebenso der Ausschweifung, wie des Elends". Doch im Roman, der viel gepriesenen "bürgerlichen Epopöe", sangen die Deutschen der Antithese zum Reichtum lieber kein Heldenlied.
In Frankreich dagegen führten im 19. Jahrhundert Autoren wie Eugène Sue die Leser in Fortsetzungsromanen wie "Les Mystères de Paris" mit geradezu fotografischer Detailtreue durch die Slums des Industriezeitalters. Diesseits des Rheins verstand man unter dem Begriff "Realismus" etwas ganz anderes. Theodor Fontane fasste darunter im Jahr 1853 gerade nicht "das nackte Wiedergeben alltäglichen Lebens, am wenigsten seines Elends und seiner Schattenseiten". Trotzdem spukte der "Pauperismus" genauso in den Köpfen herum wie der "Socialismus". Wie Tilman Fischer in seinem Beitrag über die "englischen Gespenster" zeigt, waren es vor allem Reisebeschreibungen aus London oder Manchester, die dem deutschen Publikum den Zusammenhang zwischen Industrialisierung und Massenverelendung nahebrachten. "Neben den, durch gigantische Speculationen erworbenen Reichthümern, stößt man auf das gräßlichste Elend. Und in welchem Verhältniß! Tausende in bitterer Armut Schmachtende auf einen Reichen!", hieß es dort etwa. Deutschland kannte eine solche Dynamik damals noch nicht. Für Autorinnen und Autoren wie Flora Tristan, Fanny Lewald oder Georg Weerth wurde so der Aufenthalt im Mutterland von Dampfmaschine und Eisenbahn "zu einer Zeitreise in die eigene erhoffte oder befürchtete Zukunft".
An Einsicht in ökonomische Strukturen mangelte es den deutschen Schriftstellern jedenfalls keinesfalls. Goethe etwa, so zeigt Justus Fetscher in seinem Beitrag für den Sammelband, habe über kaum etwas anderes so intensiv nachgedacht wie über das Geld. Freilich war der Dichter und Denker zeitweise als weimarischer Kammerrat der Finanzminister des sächsischen Kleinstaats. Die Klassikerproduktion wurde durch das im Berufsalltag auf das Genie einstürzende Elend nicht unerheblich verlangsamt. In einem Brief beklagt sich Goethe, über der "Iphigenie auf Tauris" sitzend: "Hier will das Drama gar nicht fort, es ist verflucht, der König von Tauris soll reden, als wenn kein Strumpfwürker in Apolda hungerte." Goethe war gut, doch wenn er dem Volk etwas zu verschenken hatte, dann höchstens eines: Poesie. Beim Reimen huldigte der sonst so kühle Rechner einer ästhetischen Bubble-Economy, die unter dem Eindruck nationalökonomischer Diskurse des späten 18. Jahrhunderts stand. In der berühmten "Mummenschanz-Szene" der Faust-Tragödie geht es um die Einführung von Papiergeld, Scheingeld, das durch nichts gedeckt ist als durch die Illusionen der Stake-Holder. Die Altersweisheiten des erfolgreichen Schriftsteller-Entrepreneurs ähneln nicht ganz zufällig dem Aktien-Einmaleins von Börsenguru André Kostolany: "Man muss Geld genug haben, seine Erfahrungen bezahlen zu können, jedes Bonmot hat mich eine Börse voll Geld gekostet."
Doch Kunst entsteht oft auch unter prekären Bedingungen, das zeigt nicht zuletzt ein armer Schlucker, dem Goethe auf seinen Wanderungen durch Italien begegnete - Karl Philipp Moritz. Einer jener Zufälle, die dem "vom Schicksal verwahrlosten und beschädigten" Freund des Dichterfürsten schließlich doch noch ermöglichen sollten, den autobiografischen Roman "Anton Reiser" zu beenden. Dem dort beschriebenen Wechselspiel zwischen Elend und Wohlstand geht die Herausgeberin Elke Brüns nach. Heinrich Heine schrieb nicht ohne Ironie, Anton Reiser erzähle "die Geschichte einiger Hundert Taler, die der Verfasser nicht hatte". Tatsächlich handele es sich bei diesem Roman, so Brüns, um eine für die Zeit beispiellose Verbindung zwischen Ökonomie und Subjekt, die "materiellen Mangel vor allem als psychische Verelendung und Deformation" beschreibe. Fast wirkt es wie eine Relativitätstheorie des Sozialen, denn die Armut als "literarische Störerfahrung" gibt Anton Reiser eine ganz spezifische Weltsicht: "Hätten ihn seine Verhältnisse in der Welt glücklich und zufrieden gemacht, so würde er allenthalben Zweck und Ordnung gesehen haben, jetzt aber schien ihm alles Widerspruch, Unordnung und Verwirrung." Das wertet Brüns zugleich als Kritik am Ideal des ökonomisch kalkulierenden Menschen, auch bekannt als Homo oeconomicus: Das Erleben sozialer Willkür zerstört alles Vertrauen in das Marktgeschehen.
Prekäre Existenzen gab es unter den Autoren des 20. Jahrhunderts ebenso. Jan Süselbeck widmet sich in einem "Versuch über das Thema Armut im Werk Arno Schmidts" dem kauzigen Vielschreiber aus der Lüneburger Heide, der das Nachkriegselend nicht nur in Romanen, sondern auch im Alltagsleben bis in die späten Fünfzigerjahre hinüber rettete. Wie weit sich Schmidts sozialer Status vom Bevölkerungsdurchschnitt unterschied, sei allerdings gar nicht klar. Im Übrigen kaprizierte sich der Einzelgänger ausgerechnet darauf, getreu der bürgerlich-altbackenen Tradition des Originalgenies vom literarischen Schreiben allein leben zu können. Gut bezahlte Auftragsarbeiten für Zeitungen und Rundfunk wertete er dagegen als "Brotarbeiten" ab. Schmidt gehörte andererseits zu den Neurotikern, die neben Alkohol, Koffein und Tabletten die panische Angst vor dem Bankrott ganz einfach brauchten, um sich zum Schreiben zu zwingen. Seine Forderung nach einem Grundeinkommen für Literaten ("ein monatliches Fixum von 500 Mark, je Frau und Kind weitere 200") kann man somit nicht unbedingt für bare Münze nehmen. In seinem Zukunftsroman "Gelehrtenrepublik" führte der Bargfelder Sonderling anhand eines Hightech-Kulturreservats vor Augen, wohin ein Rundum-sorglos-Konzept den Schriftsteller führen kann: in die totale Schaffenskrise.
Wie weit offen zur Schau gestellte Armut mittlerweile zum Instrument des Selbst-Marketings geworden ist, demonstriert am Ende des Bands ein Erfahrungsbericht von Stefan Weigl. Der freie Autor beschreibt sein Hörspielprojekt "Stripped": "Ein Mensch zieht sich vor den Ohren der Öffentlichkeit aus, in dem er seine Kontoauszüge vorträgt. Hosen runter: ein Leben in Kontoauszügen." Der Sozialstriptease des ehemaligen Werbetexters hat sich gelohnt: Die Filmstiftung NRW finanzierte die Produktion. Inzwischen scheint Weigl Opfer des eigenen Erfolgs geworden zu sein. Seine Hörspiele sind zur heißen Ware geworden. Grund genug, das Ende der "Literatur der neuen sozialen Härte" zu verkünden. Allein das Erscheinen einer literaturwissenschaftlichen Studie zum Thema "Ökonomien der Armut" sei ein sicheres Indiz dafür, dass dieses Thema "durchgenudelt ist und nur noch dazu taugt, symbolisches Kapital in Form von Magister- und Doktorarbeiten anzuhäufen", schreibt Weigl.
Doch wissenschaftliche Konjunkturen gehorchen zum Glück anderen Gesetzen als die mediale Nudelmaschine. Der Historiker Paul Nolte vermeinte noch vor einigen Jahren beobachten zu können, den Intellektuellen sei das "Denken in Kategorien der Gesellschaft" gänzlich abhanden gekommen. Sie wendeten sich "der Welt der Symbole und Imaginationen zu, nicht mehr der harschen materiellen Realität". Man kann jedoch durchaus das eine tun, ohne das andere zu lassen. Der Sammelband zu den "Ökonomien der Armut" ist insofern Indiz für ein neues, kulturwissenschaftlich motiviertes Interesse am Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital im Bereich der kulturellen Produktion, vom Unterschichtenfernsehen bis zur Wagner-Oper. Denn auch das, was man mit Helmut Kohl "Armut auf hohem Niveau" nennen könnte, ist Teil der Wirklichkeit.
Elke Brüns (Hg.): "Ökonomien der Armut. Soziale Verhältnisse in der Literatur". Fink Verlag, München 2008, 231 Seiten, 29,90 €
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