• 15.11.2009

Neue Morrissey-Biografie

Der Poet der Frisbeescheibe

Morrissey ist auf Deutschlandtour. Gefeiert wird der britische Popstar außerdem mit zwei Büchern: einer Biografie und einer wissenschaftlichen Arbeit. VON ULRICH RÜDENAUER

Der Meister mit dem Schellenkranz: Morrissey. Foto: ap

Das erste Treffen von Steven Patrick Morrissey mit seinem Biografen Len Brown findet Ende der Achtzigerjahre an einem einschlägigen Ort statt: im Zimmer 118 des Cadogan Hotels in London. Knapp hundert Jahre zuvor wurde an gleicher Stelle Oscar Wilde von zwei Polizisten in Zivil festgenommen. Für das viktorianische England hatte es der Dandy damals ein bisschen zu bunt getrieben und war des "schweren Vergehens" der Homosexualität für schuldig befunden worden.

Len Brown, in den Achtzigerjahren Redakteur beim New Musical Express, hätte sich also keinen symbolträchtigeren Ort aussuchen können, um Morrissey in ein Gespräch über die Wurzeln seines Schreibens und seines Künstlertums zu verwickeln: Morrisseys Vorliebe für Wilde, das Exzentrische und das Fin de Siècle sind landläufig bekannt.

Morrissey, der seine Schüchternheit in Interviews gern mit einem gewissen Snobismus überspielt, wird gleich zu Beginn der Teestunde sentimental: "Das Cadogan bedeutet mir bekanntlich sehr viel … hier zu sitzen und Oscars Fernseher anzuschauen und genau den Videorekorder, auf dem er sich ,Leather Boys' angesehen hat." Wer nicht recht weiß, was britischer Humor ist - beim Melancholiker Morrissey kann er in die Lehre gehen.

Fast 400 Seiten stark ist Len Browns biografische Annäherung an den Popstar; verschiedene Interviews dienen ihr als Primärquelle. In mehr oder minder regelmäßigen Abständen hat der bekennende Smiths-Fan Brown sein Idol zu seiner künstlerischen Entwicklung, Herkunft und Vorbildern befragt, aber auch immer wieder mit Produzenten und Menschen aus Morrisseys Umfeld gesprochen und so eine lebendige Geschichte des Musikers entstehen lassen.

Die Darstellung krankt zuweilen ein bisschen an der Sprache; der Klischeebaukasten des Rockjournalisten bietet auch im 21. Jahrhundert noch ziemlich viel Material, und in der Übersetzung ächzt es an der einen oder anderen Stelle, ganz abgesehen von dem etwas schlampigen Lektorat. Aber insgesamt liest man das Gespräch doch mit einigem Vergnügen, weil es tatsächlich um das Werk und die Entschlüsselung einer Künstlerrolle geht.

Es werden viele, auch subtile Bezüge von Morrisseys Musik und Texten zu Sängerinnen und britischen Fernsehshows der Sechzigerjahre aufgezeigt, zu seinem Geburtsort Manchester und natürlich zu den Glamrock-Bands der Siebziger. Der Autor müht sich zudem redlich, nicht in die Boulevardfalle zu tappen und etwa Morrisseys sexuelle Ambiguität in Eindeutigkeit überführen zu wollen - obwohl das Thema immer wieder gestreift wird.

Als Fan und Kritiker versucht Brown auch, Morrisseys Probleme mit den britischen Medien in den Neunzigern zu analysieren. Er befasst sich ausführlich mit den Rassismusvorwürfen, die gegen Morrissey erhoben wurden, und versucht diese zu entkräften, ohne sein Idol ganz reinzuwaschen von Unzulänglichkeiten im Umgang mit der Öffentlichkeit. "Im Gespräch mit Morrissey" ist alles in allem ein schöner Einführungskurs in Leben und Werk.

Wer ihn bestanden hat, darf guten Gewissens ins Hauptseminar zu Dr. Gavin Hopps wechseln. Es gibt ja den Irrglauben, man könne seriöse Studien zur Popmusik nur über Bob Dylan schreiben. Das widerlegt Hopps Close Reading der Lyrik und Persona Morrisseys. Gavin Hopps hat ebenfalls seinen Wilde gelesen, daneben aber auch Judith Butler und Jacques Derrida. Er ist zum Glück nicht zu sehr "in love with" Derridas komplexesten Begriffen - "The Pageant of his Bleeding Heart" ist eine erstaunlich lesbare akademische Arbeit. Und sie geht in einer Hinsicht weit über Browns Biografie hinaus: Referenzen im Werk werden nicht nur aufgeführt, sondern es wird auch gezeigt, was sie bedeuten.

Hopps, der als "Dozent am Institute for Theology, Imagination and the Arts" der schottischen St.-Andrews-Universität lehrt, wählt freilich einen ganz anderen Ansatz als Brown: Er geht als Kultur- und Literaturwissenschaftler von den Songs aus und betrachtet Morrissey als "lebendes Zeichen" - als frei flottierendes Identitätsbündel, das freilich nie ganz zu entziffern ist.

Morrisseys Songtexte misst Hopps an kanonisierten Autoren wie Samuel Beckett, John Betjeman, Philip Larkin oder Oscar Wilde - und versucht damit seine These zu untermauern, der 50-Jährige sei "unzweifelhaft der literarischste Sänger in der Geschichte britischer Popmusik". Larkin hat einmal gesagt, Lyrik könne "alles schlucken" - und Hopps sieht Morrissey in diesem Sinne als "Poeten des Unpoetischen". Morrisseys Texte handeln gern von Frisbeescheiben oder Ellbogenlederflicken. Der Popsänger verbindet diese Alltagsdinge mit poetischen Bildern. Hopps rückt seinem Gegenstand allerdings auch mit Plattitüden wie der des "postmodern Kunstwerks" auf den Vers, im Großen und Ganzen aber sind dem Autor spannende Lesarten des Künstlers gelungen.

Hopps nimmt Texte, Performance und Stimme in ihrer wechselseitigen Beeinflussung ernst und etabliert Morrissey als leibhaftiges Oxymoron, das durch eine ansonsten auf vorhandene Rollenmuster bauende Musikszene geistert: "Die widersprüchliche Persona […] verknüpft das Glamouröse und Linkische, das Maskuline und Feminine, das Erotische und das Asexuelle, ,Irish Blood' und ,English Heart', abgehobenen Ästhetizismus und einfallsreiche Anteilnahme sowie […] eine Tendenz einerseits zu Introspektion, andererseits zu Kunstfertigkeit, Leichtigkeit, Komik und Spielerischem."

Hopps analysiert Morrisseys Stimme als "wandering voice", die sich auf den komplexen harmonischen Strukturen, die der Smiths-Gitarrist Johnny Marr schafft, frei bewegt und so eine größere Themenpalette singbar macht als sonst in der Popmusik üblich.

Morrissey wird bei Hopps zum aufgeklärten Romantiker, der mit den Zeichen des Pop nicht nur zu spielen versteht, sondern diese wiederum zitiert. So mache sich der Sänger über den Impuls der Auflehnung und des Nichtdazugehörenwollens, dem Morrissey wie kaum ein anderer folgt, als überkommenen Gestus des Pop zugleich lustig.

Ähnlich ist es mit der Zurschaustellung seiner "Coyness": Morrissey schaffe eine "Kunst der Schüchternheit", jongliere also als Lyriker und Performer mit einem starken Topos, was uns aber - laut Hopps - nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass hinter diesem Spiel wirkliche Schüchternheit steckt.

Bei Morrissey muss selbst das ausgestellte Leiden an den Zeitgenossen und dem eigenen schwachen Ich als "meta suffering" interpretiert werden. So streift Hopps immer nah am lyrischen Material die diversen Themen der Songs - vom Katholizismus bis zur Homosexualität, von der "Kunst der Schwäche" bis zur "Treue zum Scheitern".

Das Lernziel der Quellenstudien wird schließlich vollauf erreicht: Dass Morrissey ein "disturbing artist" sei, ahnte man zwar schon, aber Hopps scheut keine hermeneutische Mühe, es uns zu beweisen.


Len Brown: "Im Gespräch mit

Morrissey". Aus dem Englischen von Henning Dedekind und Karin Lembke.

Hannibal, Höfen 2009, 422 Seiten, 29,90 €

Gavin Hopps: "Morrissey. The Pageant of his Bleeding Heart". Continuum Books, New York 2009, 302 Seiten, 16,95 €

Tourtermine: 16. 11. Berlin, 17. 11. Hamburg, 19. 11. Düsseldorf, 20. 11. München