• 21.04.2010

"Platt war ein Blödheitsindikator"

PLATTDEUTSCH II Thorsten Börnsen sieht einen klaren Trend weg von den Rentnern hin zu den Jungen

Der größte Feind des Niederdeutschen sind die Plattdeutschen, die seit mehr als 200 Jahren einen wirklich tief sitzenden Minderwertigkeitskomplex von Generation zu Generation weitergeben. Platt war ein Blödheitsindikator. Wer platt schnackte, galt als kulturlos und antimodern.

Dieses Herunterblicken auf eigene Sprache wäre bei den Basken oder den Katalanen völlig unvorstellbar. Aber bei uns hat sich dieses Missverhältnis ins Kollektivbewusstsein eingebrannt: Platt ist was für zu Hause, Platt ist für die lustigen Momente, Platt redet Oma. Wirklich wichtige Dinge werden auf Hochdeutsch besprochen. Diese klare Trennung löst sich auf. Heute denke ich: Ich kann Plattdeutsch und die nicht.

Ich bin bilingual aufgewachsen. Meine Tante, mein Onkel und meine Großeltern haben kein Wort Hochdeutsch gesprochen. Aber meine Cousinen und Cousins habe ich in ihrem Erwachsenenleben nicht ein einziges Wort Platt sprechen hören. Es gibt Druck von außen, der einem sagt: Lass das nach, mach dich nicht zum Deppen! Meine Mutter spricht zwar fehlerfrei Hochdeutsch, aber sie hat zum Beispiel in der Sparkasse immer Platt geschnackt. Dafür hab ich mich früher geschämt.

Wer Plattdeutsch heute aufgreift, geht da viel unbelasteter ran. Diese Tendenz beobachte ich beispielsweise in den plattdeutschen Volkshochschulkursen. Die Leute von Mitte 20 bis Ende 30 kommen nicht in Massen, aber der Trend weg von Hausfrauen und Rentnern ist ganz eindeutig. Ich halte es für keinen Zufall, dass gerade in Hamburg nach Jahrzehnten wieder Unterricht auf Platt eingeführt wird. Der Unterricht an Primarschulen wird sicher nicht das Platt als lebendige Alltagssprache zurückbringen, aber es wird die Leute ermutigen, wieder mehr Platt zu sprechen.

Und ich halte es auch für keinen Zufall, dass die jungen Leute sich wieder für die Sprache interessieren. In Hamburg sprechen nur noch zehn Prozent der Menschen Plattdeutsch und die Entfremdung zum Plattdeutschen ist so groß, dass man die Sprache wieder unbelastet aufnehmen kann. Gerade bei den jungen Städtern gibt es eine Sehnsucht nach etwas Lokalem. Die, die es nicht so weit treiben, gucken Dittsche und die anderen lernen Plattdeutsch. Das muss man sich vorstellen! Da gibt es plötzlich junge Leute, die in Konzerte gehen, um sich plattdeutsche Musik anzuhören. Das gab es seit Jahrzehnten nicht mehr! Das Plattdeutsche kann das moderne Leben wieder ausdrücken.
PROTOKOLL: ILKA KREUTZTRÄGER



Thorsten Börnsen, 40

 Historiker, Autor, Gründer des Plattbüros, Stadtführer und unterrichtet Niederdeutsch.
Foto: privat