VON EIKEN BRUHN
Am Mittwoch wird sie die Nazis wohl mal wieder aus dem Saal werfen lassen müssen, befürchtet Sabine Herold. An dem Abend stellt die Rechtsextremismus-Expertin der Deutschen Gewerkschaftsjugend in Bremen eine DVD vor, die Jugendlichen Ideen und Informationen zur Auseinandersetzung mit Neonazis geben will. Ein Punkt unter vielen: Was tun, wenn Nazis eine Veranstaltung oder ein Treffen besuchen? Das ist, sagt Herold, eine der Strategien, mit denen die Nazis versuchen, die öffentliche Debatte über ihre Ideologie und Ziele zu stören, beziehungsweise in ihrem Interesse zu lenken.
Auf der DVD befindet sich für solche Fälle eine Muster-Benutzungsordnung, die eine bestimmte Personengruppe - in diesem Fall RassistInnen - vom Besuch einer Jugendfreizeiteinrichtung ausschließt. Für den Mittwochabend hat Herold ihre Einladung mit einem Zusatz versehen: "Gemäß Paragraph 6 des Versammlungsgesetzes müssen Neonazis und ihre Freunde draußen bleiben!"
Dass es auch in Bremen eine gut organisierte und vernetzte Nazi-Szene gibt, ist vielen erst jetzt bewusst geworden, als im Februar gleich mehrere linke Einrichtungen mit Steinwürfen und Schmierereien attackiert wurden. Ein Hauptziel war die Jugendbildungsstätte Lidice-Haus, die seit langem in Bremen präventiv zu Rechtsextremismus arbeitet. Derzeit koordinieren die MitarbeiterInnen das mit Bundesmitteln finanzierte Programm "Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie - gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus". 260.000 Euro stehen in den Jahren 2007 und 2008 für den "Lokalen Aktionsplan Bremen" zur Verfügung. Finanziert werden verschiedene Projekte, darunter auch die Bildungs-DVD, die die DVD-Jugend gemeinsam mit dem Verein "Standpunkt Bremen" herausgebracht hat. Darauf finden sich auch Erklärungen zu Symbolen und Codes der Nazis, die diese oft auf ihrer Kleidung tragen. "Es geht darum, einander zu erkennen", sagt Andrea Müller vom Lidice-Haus, "das gibt ihnen ein Gefühl der Stärke." Dass erst die Anerkennung der Symbole von außen - wie beispielsweise durch die DVD - diesen ihre Bedeutung verleiht, sieht Müller nicht. Auch Carsten Neumann von Standpunkt Bremen, der Vorträge über die Bremer Nazi-Szene und über Rechtsrock hält, widerspricht dieser These: "Wenn es kein Problem für die Nazis wäre, dass wir ihre Codes enttarnen und lesbar machen, würden sie uns auch nicht deswegen angreifen." Immer wieder hätten Nazis auch in Bremen ihnen unbequeme Personen und Einrichtungen angegriffen. Neu sei allerdings, dass sie wie jetzt im Februar gleich acht Mal "zugeschlagen" hätten, sagt Müller vom Lidice-Haus. Dass eine solche Serie bisher beispiellos ist, hatte auch die Staatsanwaltschaft bestätigt.
Der "Lokale Aktionsplan" soll darauf hinwirken, dass das Thema Rechtsextremismus auch dann wahrgenommen wird, wenn nichts außergewöhnliches passiert. "Die Zustimmung zu rassistischen Werten ist auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen", so Andrea Müller.

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