• 24.09.2009

"Fast alle können dort bleiben"

GENTRIFIZIERUNG Markus Schreiber, Chef des Bezirksamts Mitte, über die Verdrängungsprozesse in St. Pauli - und über die guten Absichten der Investoren des Bernhard-Nocht-Quartiers

INTERVIEW IRIS HELLMUTH UND SVEN STILLICH

taz: Herr Schreiber, derzeit entsteht in Hamburg ein Bündnis aus Künstlern und Einwohnern, das für bezahlbare Mieten und gegen soziale Vertreibungen kämpft. Seit Wochen halten Künstler das Gängeviertel besetzt. Die Bevölkerung ist begeistert - und Sie?

Markus Schreiber: Ich habe Sympathien für die Künstler. Das sind die rechtstreuesten Hausbesetzer, die ich je getroffen habe. Hätte ich denen am ersten Tag gesagt: "Leute, ihr müsst hier raus, aber vorher bitte noch fegen", dann hätten die das gemacht. In der Hafenstraße hätte ich damals einen Eimer Wasser auf den Kopf bekommen. Aber die sind inzwischen dort ja ergraut. Ich glaube, das wird gerade ein Seniorenstift.

Was wäre Ihre Lieblingslösung für Viertel und Künstler?

Ich wollte das Viertel immer als altes Stück Hamburg erhalten, denn so viel gibt es davon nicht mehr. Sollten die Künstler das hinbekommen, dann muss ich neidlos anerkennen, dass sie mehr geschafft haben als wir. Ich kann mir auch vorstellen, dass wir ihnen bezahlbare Ateliers zur Verfügung stellen - aber ich frage mich: Wo kann man eigentlich Kunst machen? Ist es wichtig, dass das in der Nähe St. Paulis passiert? Oder geht das in Wilhelmsburg auch? Dort bieten wir gerade Künstlerräume an - aber da will kein Schwein hin.

Warum gerade Wilhelmsburg?

Weil wir dort eine Internationale Bauausstellung vorhaben, und da soll etwas vorgezeigt werden. Wir wollen die Künstler nutzen, um eine Atmosphäre zu schaffen. Die Künstler kommen zuerst, dann wird der Stadtteil aufgewertet. Gentrifiziert. Die sind die Vorhut.

Es geht darum, mit einer gezielten Künstlerinjektion den Stadtteil zu verändern.

Klar. Das wollen die Künstler wohl nicht: einen Stadtteil aufwerten - aber sie tun es.

Was wertet Wilhelmsburg ab?

Das hat viel mit Dreck zu tun. Damit, wie die Häuser und der öffentliche Raum aussehen. Die Ausstellung wird Wilhelmsburg verändern - und weil der Wohnungsbestand stark öffentlich gefördert ist, gelingt es hoffentlich, dass die Mieten nicht explodieren. Wir wollen den Stadtteil verändern, ohne die Bewohner zu verdrängen. Die Menschen, die mit ihren Kindern dort wohnen, sollen über Bildung qualifiziert werden. Damit sie höhere Bildungsabschlüsse bekommen und sich dann die Wohnungen weiter leisten können, die vielleicht ein wenig teurer werden.

Auf St. Pauli hat das nicht funktioniert. Dort sind die Mieten inzwischen so hoch …

… wie in Eppendorf, ja. Sich dagegen zu wehren, dass Stadtteile aufgewertet werden, ist schwer. Und ich kann nicht sagen, dass der Bezirk daran vollkommen unschuldig ist. Wir wollen, dass St. Pauli schöner und interessanter wird. Aber wir versuchen dabei, sicher zu stellen, dass die Bevölkerung nicht ausgetauscht wird.

Aber das passiert gerade.

Städte sind lebende Organismen: Wenn sich an der einen Stelle etwas ändert, dann gibt es an einer anderen etwas Neues. Leute, die mehr Geld haben und trotzdem nach St. Pauli ziehen, machen das, weil es so bunt ist. Ein bisschen rumpelig, verrucht, dreckig, kreativ. Aber wenn sie nach ein paar Jahren nur noch Journalisten und Werbetexter treffen, ist es nicht mehr spannend. Ich treffe Leute, die als Student nach St. Georg gezogen sind, dann ihren Abschluss gemacht haben und nun sagen, das Viertel dürfe sich nicht mehr verändern - nachdem sie selbst damals die Werftarbeiter vertrieben haben. Das finde ich falsch.

Können Sie verstehen, dass Menschen um ihren Kiez kämpfen - wie derzeit die Bewohner der Bernhard-Nocht-Straße?

Dort haben sich Investoren wie Osmani jahrelang einen Scheißdreck um die Immobilien gekümmert. Jetzt gehören sie Köhler & von Bargen, und die Bewohner fragen sich verständlicherweise, ob sie dort wohnen bleiben können. Doch das werden sie: Der Investor wird, so hat er es uns erzählt, heute verkünden, dass fast alle in ihren Wohnungen bleiben können. Ohne Mieterhöhung. Bis auf die Bewohner eines Hauses neben der "Kogge", das abgerissen wird. Denen werden Wohnungen auf St. Pauli zu entsprechenden Mieten angeboten - es ist nicht so, dass alle nach Jenfeld ziehen müssen. Haben Sie den Film "Empire St. Pauli" gesehen?

Ja.

Da wird einiges übertrieben - aber da ist auch etwas dran. Das Gefühl, dass man St. Pauli nicht beliebig machen darf, das teile ich. Danach haben wir auch die soziale Erhaltensverordnung erlassen. Und deswegen soll das "Mojo" in die "Tanzenden Türme" an der Reeperbahn reinkommen. Damit da etwas ist, das mit St. Pauli zu tun hat - bevor es sich oben von St. Pauli entfernt.

Und gegenüber stehen die Büros im Millerntor-Hochhaus leer.

Kein Wunder, sieht ja auch bescheuert aus. Wir wollten damals, dass da nicht so hoch gebaut wird - und dann ist es so ein furchtbarer dicker Brei geworden. Dann lieber was Hohes, Schlankeres, Besonderes.

Immerhin gibt es da schon ein Sushi-Restaurant für die Angestellten in den neuen Türmen.

Ich mache mir persönlich nicht viel aus Fisch. Und diese Sushi-Fresserei, die ist ja auch wieder symptomatisch, das wollen wir eben nicht. Überall Sushi, Scampi und Lokalitäten, die aussehen wie in London und Paris, das ist totaler Mist. Wenn man gar nicht mehr weiß, in welcher Stadt man ist, dann gibt es keine Identität mehr. Die Currywurst am Pferdemarkt ist doch ganz hervorragend.

Das war auch mal Ihr Kiez.

Stimmt, ich habe lange gegenüber der Wohnung des Türstehers von der "Großen Freiheit" gewohnt. St. Pauli hat etwas Dörfliches, und das hat Charme. Es muss nicht alles geleckt sein. Ich habe lange gedacht, die Hundescheiße würde verhindern, dass das Viertel yuppisiert wird. Es gibt schöne Häuser dort, aber man muss ständig auf den Bürgersteig gucken, um nicht in Scheiße zu treten - und jemand, der viel Geld hat, hat bestimmt keine Lust, die ständig in der Wohnung zu haben. Hatte ich ja auch nicht. Ich glaube St. Pauli ist durch den Schmutz, die Obdachlosen und Prostituierte ein bisschen davor geschützt, ganz Eppendorf oder ganz beliebig zu werden. Vielleicht kommt es trotzdem so eines Tages. Aber ich will daran nicht schuld sein.



Markus Schreiber, 49

 Der SPD-Mann arbeitete als Gymnasiallehrer in Altona, bevor er 2002 Leiter des Bezirksamts Mitte wurde. 2006 sorgte Schreiber für Schlagzeilen, als er in seinem Bezirk bulgarische Bettler, die ihre Behinderungen zur Schau stellten, von der Straße vertreiben ließ. In seine Amtszeit fällt der Abriss des alten Astra-Turmes auf St. Pauli und der Bau von gläsernen Hochhäusern auf dem ehemaligen Brauereigelände. Foto: dpa



Investoren informieren

Die Investoren Köhler & von Bagen erklären am heutigen Donnerstag, wie es mit dem von ihnen geplanten Bernhard-Nocht-Quartier (BNQ) in St. Pauli weitergehen soll.

 Die Gegner des Projekts haben sich in der Initiative "No BNQ" zusammengeschlossen. Sie befürchten steigende Mieten und die Vertreibung alteingesessener Bewohner.

 "Nach Gutsherrenart" hätten die Investoren ihre Informationsveranstaltung angesetzt, kritisiert No BNQ. Nichtsdestotrotz hat die Initiative alle UnterstützerInnen aufgerufen, hinzugehen - "zur Dokumentation der Ereignisse- und zu ihrer Mitbestimmung".

 Die Informationsveranstaltung ist um 18 Uhr in der Cafeteria der Ganztagsschule St. Pauli, Bernhard-Nocht-Straße 12, angesetzt. Auch Vertreter des Bezirksamts Mitte werden erwartet.