• 07.06.2011

Das Gängeviertel ist überall

IMMOBILIEN In Klein Borstel verfällt seit Jahren eine Bauernkate. Nun wollen Stadtteilaktivisten den denkmalgeschützten Bau für die Kunst erobern

Drei Tage ist's her, da diskutierten AktivistInnen der Recht-auf-Stadt-Bewegung über die Legitimität von Hausbesetzungen - und nun haben wir eine. Und was für eine! Denn besetzt werden soll die kleine, schnuckelige Reetdachkate des Resthofs von Bauer Wagner. Im beschaulichen Klein Borstel, Hamburg-Nord.

Dazu ruft jedenfalls die Willi-Bredel-Gesellschaft auf, denn die Kate befindet sich in in einem Zustand, den René Senenko mit Worten beschreibt, die wie ein Echo der Gängeviertel-Rhetorik klingen: "Hier muss sich sofort was tun, einen weiteren Winter wird die Kate nicht überstehen."

Seit 2003 steht die Kate nebst einigen weiteren Hofgebäuden unter Denkmalschutz. "An diesem wohlerhaltenen Ensemble ist besonders anschaulich die bäuerische Wirtschaftsweise im Alstertal durch die im Abstand von über 100 Jahren entstandenen Baulichkeiten belegt", so steht's im Gutachten. Allerdings ist das Ensemble so wohlerhalten heute nicht mehr. Das Herrenhaus, die Scheune: Hüllen für Eigentumswohnungen; der Hof: zugebaut mit Reihenhäusern.

Umso mehr hängen die Klein-Borsteler an der Reetdachkate aus dem 18. Jahrhundert, die seit 2007 leer steht. Seither ist dort nichts mehr passiert. "Man gewinnt den Eindruck, dass der Eigentümer das Gebäude gezielt verfallen lässt", sagt Selenko. Das alte Ding: Irgendwann ist nichts mehr zu retten. Dann kommt der Bagger. Dann der Neubau.

An Ideen für eine alternative Nutzung der Kate mangelt es in Klein Borstel nicht. Die Bredel-Gesellschaft favorisiert Künstlerwohnungen, Atelier und Ausstellungsraum. Andere träumen von einem Bauern-Kindergarten, einem Café, einer Erweiterung des Alstertal-Museums.

Die Besitzer der Kate wechselten mehrfach. Was der derzeitige Besitzer mit dem Gebäude plant, ist nicht bekannt. Für die taz war er nicht zu erreichen. Vom Denkmalschutz kommt aber Entwarnung: Man habe die Sache im Blick, heißt es dort, und werde den Besitzer dazu bringen, denkmalgerecht zu sanieren. Das aber gehe nun mal nicht von heute auf morgen.

Ob das die Aktivisten überzeugt? Die halten sich wohl eher an Sigmund Freud : "Ungern", schrieb der, "denkt man an Mühlen, die so langsam mahlen, dass man verhungern könnte, ehe man das Mehl bekommt."
MAXIMILIAN PROBST

Besetzung um 16.30 Uhr: Wellingsbütteler Landstraße 59



Hamburg und Klein Borstel

1830 übernimmt die Stadt Hamburg die Verwaltung des Dorfes.

 Bis spät ins 19. Jahrhundert hinein bleibt Klein Borstel ländlich geprägt. Die einzige Straßenverbindung nach Hamburg ist die Wellingsbütteler Landstraße.

 Ende des 19. Jahrhunderts errichten dort reiche Hamburger ihre Villen. Diese prägen das Ortsbild noch heute.

 1913 wird das Dorf ins hamburgische Stadtgebiet als Vorort eingemeindet und wenig später mit der Bahn angebunden.