• 31.03.2010

"3-D hat ja viel mit Zirkus zu tun"

SEHGEWOHNHEITEN Vor 40 Jahren gründete Werner Grassmann mit dem Abaton in Hamburg eines der ersten Programmkinos in Deutschland. Nun hat er eine Autobiografie geschrieben. Ein Interview über die Zukunft des Kinos, die Macht der digitalen Technik und das gute alte Zelluloid

INTERVIEW VOLKER HUMMEL

taz: Herr Grassmann, Sie haben mit dem Abaton eines der ersten deutschen Programmkinos gegründet. Wie sieht die Zukunft des Kinos aus?

Werner Grassmann: Das Kino verändert sich laufend, alle zwei Jahre beginnt oder endet etwas. Im Augenblick ändert es sich in Richtung 3-D-Kino. Das kommt für das Abaton nicht infrage, aber für die großen Multiplexe ist das die Rettung vorm Untergang. 3-D hat ja viel mit Zirkus zu tun, insofern kann man von einer Rückkehr zu den Anfängen des Kinos sprechen, die ja im Jahrmarkt liegen. Das Kino hat viele Facetten, es gibt die Multiplexe, die Programmkinos, die Filmkunsttheater, die Kommunalen Kinos. Das Publikum ist heute sehr stark aufgeteilt, die Kids kommen nicht zu uns, und unsere intellektuell anspruchsvolleren Zuschauer gehen kaum ins Cinemaxx. Das sind zwei verschiedene Welten.

War das Publikum immer schon so wenig risikobereit?

Das war ein fließender Übergang. In der Anfangszeit des Abatons in den frühen 70er Jahren ging man sowieso kaum ins Kino. Es gab Schnulzen und Western, eine Art aufs Kino übertragene Groschenroman-Kultur, das hat sich durch die Erfindung des Programmkinos verändert, das zu einem Ort der Entdeckungen und des sozialen Austauschs wurde. In den frühen 80ern ging diese Entwicklung durch das Aufkommen von Videokassetten zurück, vor allem die Kids sahen Filme nun bevorzugt zu Hause, was sich heute durch die DVD und das Internet noch erheblich verstärkt hat. Kino ist nicht mehr der bevorzugte Ort des Filmeschauens, man kann sie überall sehen, sogar auf dem Lokus mit dem Handy.

Wer kommt denn heute noch ins Abaton?

Das Durchschnittsalter unseres Publikums ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen, die Studenten haben nämlich gar keine Zeit mehr, ins Kino zu gehen. Es gibt heute einfach zu viel Angebote auf dem Markt der Zerstreuungen, und Filme können sie ganz gezielt zu Hause gucken. Gemeinsam mit den Filmen ist der Geschmack des Publikums angepasster geworden, heute kommt keiner mehr ins Kino, um von der Revolution zu träumen oder aggressive Filme zu sehen. Agitatorische Filme wie "Themroc" gibt es ja heute gar nicht mehr. Dieser Mangel an Wut wundert mich manchmal, wie überhaupt die Tatsache, dass keine Banken gestürmt und Schaufenster eingeschlagen werden. Die Leute nehmen heute alles hin.

Aber es gibt doch viele radikale Filme heutzutage, die digitale Filmproduktion hat zu einem weltweiten Boom geführt. Warum finden diese Filme ihren Weg nicht mehr ins Abaton?

Es stimmt leider, dass das Abaton kein sehr experimentierfreudiger Ort ist, was auch daran liegt, dass wir mittlerweile ein großer Apparat mit 20 Festangestellten sind, die am Monatsende ihr Geld haben wollen. Einerseits bedaure ich das, andererseits kommt auch niemand, wenn wir mal einen ungewöhnlichen Film zeigen. Wenn man das ein halbes Jahr lang macht, ist man pleite. Es gibt noch die Filme, aber nicht mehr das Publikum dafür.

Ihr Buch lässt sich aber auch als schöner Beweis für die Gegenthese lesen: dass man sich ein Publikum mit Engagement, Witz und Durchhaltevermögen erst schaffen muss.

Da ist was dran. Aber inzwischen bin ich 40 Jahre älter und das Abaton steht unter kommerziellen Zwängen, denen auch ich zu gehorchen habe. Sonst ist das schnell vorbei hier. Ich bin ganz froh, dass wir statt kubanischer Revolutionsfilme wochenlang Fatih Akins "Soul Kitchen" gezeigt haben, der unserer Kinokasse sehr gut getan hat.

Wie wird die Kinosituation in zehn Jahren aussehen?

Der digitale 3-D-Film wird sich behaupten, weil man das zu Hause nicht geboten bekommt. Allerdings wird auch die Attraktion dieser Filme und damit die Zahl der Zuschauer wieder zurückgehen, es wird weniger Multiplexe geben. Die anderen Kinos, auch wir, werden große finanzielle Probleme kriegen, weil wir alle früher oder später digitalisieren müssen. Die Verleiher werden uns nämlich eines nicht allzu fernen Tages keine 35mm-Kopien mehr liefern. Entweder nimmt man dann ihre Festplatten oder kriegt gar nichts mehr. Kinos, die nicht auf die digitale Technik umstellen, werden keine neuen Filme mehr abspielen können. Der Markt wird sich ganz von allein bereinigen, es sei denn, die Verleihfirmen werden per Gesetz verpflichtet, von jedem Film auch eine 35mm-Kopie zur Verfügung zu stellen. Das wird aber so teuer sein, dass sich die Politik nicht durchsetzen wird.

Hat das Abaton schon umgestellt?

Nein, das wird auch nicht so bald passieren, denn die Technik ist viel zu teuer und bringt dem Kino keinen finanziellen Vorteil. So eine digitale Projektionsmaschine kostet zwischen 40.000 und 80.000 Euro und hat eine Lebensdauer von ungefähr fünf Jahren. Unser ältester 35mm-Projektor ist hingegen von 1953, und der schnurrt immer noch. Man kann sich also leicht ausmalen, dass die Investitionskosten für diese Technik für kleine Kinos gar nicht lohnen. Sie lassen sich nicht in Form erhöhter Eintrittspreise an die Zuschauer weitergeben, die haben davon nämlich keinen visuellen Mehrwert, Bild und Geschichte sind dieselben. Wie sagte Steven Spielberg: "Die Leute wollen im Kino Geschichten sehen und keine Pixel."

Welche Mittel haben kleine Kinos, sich gegen diese digitale Marktbereinigung zu wehren?

Sie haben weder politische noch ökonomische Druckmittel. Den Verleihern bringt die neue Technik enorme Kosteneinsparungen. Sie müssen nicht mehr Zelluloid-Kopien ziehen, die zwischen 1.000 und 3.000 Euro kosten, und statt schwerer Filmkopien, deren Versand rund 80 Euro kostet, müssen sie in Zukunft nur noch für 1,45 Euro kleine Festplatten versenden. Auf denen befindet sich der Film, es gibt dann Codes, mit denen er freigeschaltet wird und damit er nicht unbefugt kopiert werden kann. Die Einzigen, die für diesen technologischen Wandel bezahlen müssen, sind die Kinos, und die haben nichts davon.

Können Sie sich nicht organisieren und die Verleiher bestreiken?

Die brauchen uns als Abspielstätten für Filme doch gar nicht mehr. Das Geld verdienen sie eh im Fernsehen und durch die DVD-Verwertung. Außerdem gibt es immer Streikbrecher.

Gibt es trotz aller Digitalisierung und dem Rückzug ins Private nicht auch eine wiedererwachende Sehnsucht nach dem Kommunalen und nicht ganz Perfekten?

Ich könnte mir vorstellen, dass kleinere Kinos - wie in Hamburg das B-Movie und das Lichtmess - die Tradition des guten alten Zelluloid-Kinos in die Zukunft retten werden. Ein sinnliches und haptisches Kino, bei dem der Ton knistert, der Film mal reißt und bei dem die Aktenden nicht genau passen. Das wird ein nostalgisches Gefühl wie bei der Fahrt einer uralten Straßenbahn sein, an der alles klappert und quietscht. Ich weiß aber nicht, ob ein etabliertes Kino wie das Abaton diesen Sprung zurück in die Zukunft schaffen wird.

Warum schießen nicht überall neue Kinos aus dem Boden, Guerilla- und Piraten-Kinos in Garagen und Kellern, die mit DVD-Player und Beamer zeigen, worauf sie Lust haben?

Das frage ich mich auch. Das wird vielleicht ein weiterer Weg in die Zukunft sein. Ein sehr gutes Beispiel für den Trend zurück zum gemeinsamen Gucken nicht immer perfekter Bilder sind all die Fernseher und Leinwände in Gaststätten, die Fußball zeigen. Vielleicht kommt ja bald jemand auf die Idee, in seiner Kneipe einige der außergewöhnlichen Filmen zu zeigen, die es mittlerweile überall auf DVD gibt. Oder die Werke von Filmstudenten, die an ihren Unis krude, aufregende Filme drehen, die man nirgends sehen kann.

Kommen junge Kinogründer und fragen Sie um Rat?

Selten. Es ist ja auch ganz einfach, ein Kino zu machen. Man braucht einen Projektor, man braucht Stühle, und man braucht Genehmigungen vom Finanzamt und Bauamt. Das kann man in meinem Buch alles nachlesen. Die wichtigsten Gaben eines Kinobetreibers sind Improvisationstalent und Durchhaltevermögen. Das hat Rainer Werner Fassbinder auch über das Filmemachen gesagt: Das Wichtigste sind nicht die Schauspieler, das Buch, die Vision oder die Finanzierung, sondern: fertig werden. Durchhalten. Zu Ende bringen.



Werner Grassmann, 83

hat die Filmgeschichte Hamburgs entscheidend geprägt.
Als Regisseur, Mitbegründer der Hamburger Film-Coop und Produzent wichtiger Experimentalfilme (etwa Hellmuth Costards "Fußball wie noch nie" oder Gábor Altorjays "Tscherwonez") hat er eine alternative Filmkultur kultiviert, der er auch als Kinobetreiber eine Plattform bot.
Von 1953 bis 1956 betrieb Grassmann das legendäre Filmkunsttheater Studio 1 in einem Hinterhof in St. Georg.
In einer alten Garage gründete er 1970 mit dem Rechtsanwalt Winfried Fedder das Abaton - eines der ersten Programmkinos Deutschlands.
Im soeben erschienenen Buch "Hinter der Leinwand" beschreibt Grassmann anekdotenreich die ökonomischen, technischen und persönlichen Höhen und Tiefen eines Kinobetriebs abseits des etablierten Publikumsgeschmacks
Sein Engagement hat sich gelohnt: Das Abaton hat sich mittlerweile vom reinen Programmkino zu einem der erfolgreichsten Erstaufführungstheater für Arthouse-Filme in Deutschland gemausert.