Eröffnung der Baseball World Series

Stahlkocher gegen Finanzhaie

Am Mittwoch beginnt die World Series zwischen Philadelphia und den NY Yankees. Sportlich spannend und symbolisch aufgeladen, wird sie wohl die aufregendste seit langem. VON THOMAS WINKLER

Ein Patriarch wie aus dem Buch: New York Yankees-Eigentümer George Steinbrenner. Foto: rtr

Stahlkocher gegen Finanzhaie

AMERICAN PIE Heute beginnt die World Series zwischen Philadelphia und den NY Yankees. Sportlich spannend und symbolisch aufgeladen, wird sie wohl die aufregendste seit langem

VON THOMAS WINKLER

Er ist 79 Jahre alt, hat Probleme mit dem Herzen, kann ohne Hilfe kaum noch laufen und hat sich eigentlich, wie es sich für einen amerikanischen Rentner gehört, in Florida zur Ruhe gesetzt. Aber heute Abend, wenn die New York Yankees zum ersten Spiel der World Series die Philadelphia Phillies empfangen, wird George Steinbrenner in seiner VIP-Box sitzen. Warum auch nicht: Der Laden gehört ihm schließlich.

Steinbrenner ist zwar immer noch Besitzer der Yankees, hat aber vor drei Jahren die Verwaltung des umsatzstärksten Sportvereins der Welt seinen Söhnen übergeben. In dieser Spielzeit hat der ehemals allgegenwärtige Alleinherrscher, der früher seinen Trainern gern die Aufstellung selbst diktierte, bislang nur ein einziges Heimspiel gesehen: die Saisonauftaktpartie, mit der das neue, 1,5 Milliarden Dollar teure Yankee Stadium eingeweiht wurde.

Dass der mittlerweile arg zerbrechliche Patriarch nun doch noch einmal den weiten Weg aus dem milden Tampa ins bereits winterlich kalte New York auf sich nimmt, zeigt, dass diese Endspielteilnahme selbst für die erfolgsverwöhnten Yankees eine außergewöhnliche ist. Zwar ist es bereits der 40. Auftritt in der World Series für das Bayern München des Baseballs, aber der erste seit 2003. Die letzte Meisterschaft liegt sogar schon neun Jahre zurück. Seitdem hat Steinbrenner vor allem bewiesen, dass mit noch so viel Geld nicht notgedrungen Titel zu kaufen sind.

Auch die diesjährige Ausgabe der Yankees ist natürlich wieder die bestbezahlte Mannschaft im Major League Baseball (MLB). 201,4 Millionen Dollar zahlt Steinbrenner seinen Spielern in diesem Jahr, fast 76 Millionen mehr, als die New York Mets ausgeben, das Team mit der zweithöchsten Gehaltssumme. Nahezu bescheiden nehmen sich die 113 Millionen aus, die die Phillies in dieser Saison verdienen.

Trotzdem, darauf legen die Yankees großen Wert, habe man es diesmal nicht nur mit einer Ansammlung höchst talentierter Spieler zu tun, sondern mit einer echten Mannschaft. "Dieses Team wurde mit Dollars gebaut", sagt Outfielder Johnny Damon, "aber es hat auch Charakter." Tatsächlich zeigten die Yankees im Halbfinale gegen die Los Angeles Angels, das sie mit 4:2-Siegen für sich entschieden, erstaunlichen Kampfgeist und Engagement. Verbindet das Team doch ein Ziel: Die meisten der Großverdiener, allen voran das Jahrhunderttalent Alex Rodriguez, sind immer noch titellos. Das schweißt ebenso zusammen wie C. C. Sabathia: Der stämmig gebaute Kalifornier, der vor dieser Saison einen 161 Millionen schweren Rekordvertrag für einen Pitcher unterschrieben hat, wirft nicht nur einen mehr als 150 Stundenkilometer schnellen Fastball, sondern gilt auch als jederzeit jovialer Menschenfreund, der mit seiner ansteckenden Art und mitunter rüden Scherzen die unterschiedlichen Charaktere zu einem Team zusammenfinden lässt.

Doch darob begeistert, dass die Yankees wieder einmal in der Endspielserie stehen, ist nicht nur ihr Eigentümer. Auch die MLB-Funktionäre, vor allem jene in der New Yorker Medienzentrale der Liga, dürften aufgeatmet haben. Nachdem die Einschaltquoten für die World Series in den letzten Jahren in den Keller sanken, garantieren allein die Yankees und ihre 105 Jahre zurückreichende Tradition eine gehörige Steigerung der Aufmerksamkeit für das Saisonfinale.

Und auch der Gegner könnte kaum attraktiver sein für die Quoten. Denn zum einen reicht die Klubgeschichte der Phillies sogar noch weiter zurück, nämlich bis ins Jahr 1883. Sie ist zwar lange nicht so ruhmreich wie die der Yankees: Gegen deren 26 Meisterschaften kann Philadelphia nur zwei World-Series-Titel in Stellung bringen. Der letzte stammt allerdings aus dem vergangenen Jahr. Die MLB hofft deshalb wohl zu Recht auf eine spannende, ausgeglichene World Series, nachdem die Endspiele in den letzten Jahren allzu einseitig verliefen.

Aber nicht nur deswegen lässt sich der Titelverteidiger zum perfekten Antipoden der Yankees aufbauen, manche Kommentatoren beschwören gar einen Showdown von politisch-ökonomischer Brisanz herauf: Die Phillies aus der ehemaligen Stahlkocherstadt Philadelphia stehen für das untergegangene industrielle Amerika der Malocher, die Yankees aus der Finanzhochburg New York für die Gier der Broker, die nicht nur die USA an den Rand des finanziellen Kollapses geführt hat.

Angesichts dieser Traumpaarung scheint vergessen, dass über der MLB das Damoklesschwert Doping schwebt. Einige mögliche Helden der kommenden Endspiele haben die Einnahme leistungssteigernder Mittel zugegeben (Rodriguez und Pitcher Andy Pettite von den Yankees) oder waren sogar schon deswegen gesperrt (Phillies-Pitcher J. C. Romero). Doch das ist heute, da die womöglich aufregendste World Series seit Jahren ansteht, kein Thema mehr.