
Nachruf auf Holger Beber, den großen alten Redenschreiber. Er starb mit 66 Jahren in seinem Geburtsort Winsen an der Luhe. VON JAN ULLRICH
In letzter Zeit war Beber als Redenschreiber für Wirtschaftsminister Brüderle (Foto) tätig. Foto: dpa
"Meine Lahmen und Schweren! Wir sind heute beklommen, um zusammen Ewalds Fass zu erben. Dafür habe ich wieder fiese, beleibte Nonnen für Sie vorbeleidigt!" Mit diesen beeindruckenden Worten eröffnete US-Präsident Barack Obama vor kurzem seine Rede an die Nation im Kongress in Washington. Was die wenigsten wissen: Diese Rede stammt von Holger Beber.
Zum ersten Mal an die Öffentlichkeit trat Beber im Jahr 1960, als er mit gerade 16 Jahren an den Kommunikations-Weltmeisterschaften in Bern teilnahm. Trotz seines noch jungen Alters gelang es ihm, in der Disziplin "Ausdruck" den ersten Platz zu erringen, als er mit vollem Mund "Das spricht für sich!" sagte. Ein Jahr später scheiterte er jedoch, als er in der Kategorie "Auf den Punkt gebracht" einen ganzen Tag lang das Wort "Dauer" wiederholte.
Trotz dieses Misserfolges konnte Beber sich anschließend schnell bundesweit als Redenschreiber etablieren. So formulierte er im Jahr 1966 die entscheidenden Textpassagen für die Rücktrittsrede von Kanzler Ludwig Erhard ("Ich erlebe mich zunehmend als schlafende Zwiebel"). Danach arbeitete er eine Zeit lang für das neue Medium Fernsehen, zunächst in Kochsendungen ("Zur Grundausstattung einer guten Küche gehören ein Stück Torf, ein Seitenruder sowie zwei fliehende Tische"). Danach war er für Ratgeber-Magazine tätig ("Ein Druckquast eignet sich nur vage als Abstandhalter").
Nach einem Zwischenfall in der Kantine des Bayerischen Rundfunks arbeitete Beber in den Siebzigerjahren wieder als freier Autor. So ließ er 1976 den Dalai Lama zum Thema Wiedergeburt verkünden: "Es muss nicht wirklich sein, sorgt aber für eine Handvoll Skurrilitäten." Wenig später verwandte Beber diese Zeilen noch einmal für die Abschlussveranstaltung des Deutschen Turnfestes, was ihm einige Kritik einbrachte. Unumstritten sind dagegen die Lehrsätze, die Beber für den Dalai Lama entwickelte: "Wenn du die Wahl hast, dein Leben in Zukunft mit Kreisch-Ulla oder Schrei-Peter zu verbringen, dann wähle die Einsamkeit mit dir selbst."
Schon im Mai 1975 hatte Beber aus Anlass des Heiligen Jahres eine Enzyklika im Namen von Papst Paul VI. formuliert: "Das Leben stellt uns schwerwiegende Fragen über Tod, Räume und Käsesandwiches. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich sie nicht beantworten kann. Brot reimt sich auf Tod, Käse auf Mayonnaise, Räume sind Schäume. Das Universum hat kein Zentrum und keine Grenzen. Ich nenne es belegte Butter."
Gegen Ende der Siebzigerjahre geriet Beber zwischenzeitlich in eine schwere Krise. Selbstkritisch gestand er ein, dass es sein größter Fehler gewesen sei, den Text für "Yesterday" geschrieben zu haben, reumütig verfasste er einen kleinen Lyrikband mit dem Titel "Das Tor der Worte ist der Abgrund des Schweigens", dessen tiefe Verzweiflung in dem Schlussgedicht "Brett-Zelt" Ausdruck findet: "Wenn das Brett-Zelt brezelt / brutzelt das Zerr-Bett / bröselt das Brat-Set / brizzelt Pieters Brueghl-Blatt / brunftet Brahms mozarthart / bratzt Brahmans Ziegeldach."
Später suchte Beber Abstand bei den "Autisten in der Manege", wo er für längere Zeit die Maske hinter der Maske spielte. "Das Leben ist ein Textverarbeitungsprogramm, das das Wort ,existieren' sagen kann", merkt er dazu lakonisch an.
Erst Ende der Neunzigerjahre tauchte Beber wieder auf, als er den neuen Kanzler Schröder in seiner Antrittsrede verkünden ließ: "Es ist immer gut, sich viel vorzunehmen. Auch wenn man nicht weiß, was." Nach Schröders Abwahl verdingte er sich als Autor von Florian Silbereisen, für dessen große Erfolgsshow "Das Versprechen einer Ordnung, zu der unser Verstand Zugang hat!" er die Zeilen erfand: "Volksmusik sollte die abstrakte Gleichheit der Menschen nicht einmal als Idee propagieren. Sie sollte stattdessen den besseren Zustand denken als den, in dem man andere problemlos ausgrenzen kann und wo der andere nur mit Angst verschieden zu sein vermag."
In letzter Zeit war Beber als Redenschreiber für Wirtschaftsminister Brüderle tätig ("Australien ist in Wirklichkeit nicht größer als Bielefeld"), bevor er dann die Chance erhielt, Obamas erste Rede an die Nation zu verfassen, die in den Worten von Holger Beber gipfelte: "Ich verspreche Ihnen jede Menge Gags, Hicks und Stupstanz. Nicht zu versessen: Pharmazie und Gezank! Vor allem aber: Schnadel, spradel, schnürz!" Es sollte die letzte große Beber-Botschaft sein.
Am Wochenende verstarb der große alte Mann der Rede Holger Beber nach kurzer plötzlicher Krankheit im Alter von 66 Jahren in seinem Geburtsort Winsen an der Luhe. JAN ULLRICH
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Leserkommentare (1)
08.02.2010, 14:35 | Tsaimath:
Irgendwie liest sich das ganze wie ein Nachruf an Douglas Adams... Damit kommt ...