Interview Klaus Hurrelmann

"Viele Kinder haben sich aufgegeben"

Kinder, die nur eine Hauptschulempfehlung bekommen, fühlen sich heute abgehängt. Deswegen gehört dieses System umgebaut, sagt der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann.

  • 06.10.2008 15:13 Uhr:

    von gerd.:

    Ich verstehe die Haltung zu Grundschulen auch nicht: Erst werden diese als "noch am besten" und gar als "Schlüssel" für die weiterführenden Schulen tituliert, später wird hier aber ein Grundübel präsentiert ("[Die Studie] zeigt, dass schon ein Viertel der Grundschulkinder sich selbst aufgegeben hat").
    Es gibt in der heutigen Grundschule sicherlich ein paar zaghafte Verbesserungen, was die Binnendifferenzierung betrifft, aber einerseits greift diese noch sehr kurz, andererseits ist damit das Problem, dass Kinder überhaupt in einen Lehrplan gepresst werden und ihr Lerneifer und ihre Neugierde grundlegend gestört werden, nicht ansatzweise angegangen.
    Die Regelschule hat - hoffentlich - noch einen einschneidenden Weg vor sich.

  • 05.10.2008 12:13 Uhr:

    von Lou:

    Hurrelmann sieht in den Grundschulen gute Schulen - aber auch hier irrt er! Wer sich an den Artikel über die engagierte und erfolgreiche Grundschullehrerin Czerny in Germering bei München erinnert, kann nur den Kopf schütteln.
    Ich weiß nicht, was der studierte Herr Gutes an Schulen findet!

  • 29.09.2008 15:28 Uhr:

    von bernhard wagner:

    Hurrelmann hat sicher in vielen Punkten recht. Er vernachlässigt aber m. E. ein wenig zu sehr die außerschulischen Faktoren, vom Elternhaus bis zur Peer Group, und diese wiederum als Teile einer Gesellschaft, deren Spielregeln oft einen Habitus von rücksichtsloser Konkurrenz mit Erfolg belohnen, und einen Habitus, der Aufrichtigkeit und Mitgefühl beinhaltet, "bestraft". Diese Spielregeln gelten z. T. auch innerhalb des Schulsystems, auch innerhalb jeder konkreten Schule, Klasse etc. (z.T. auch je nach Lehrpersonal), aber eben weit darüber hinaus und wirken sich sogar schon auf Säuglinge aus (Stress der Eltern u.a. Bedingungen, die für eine positive humane Entwicklung nicht förderlich sind - inklusive Lärm (in ärmeren Wohnungen mehr, weil gut isolierte Wohnungen meist viel teurer sind) und schlechte Luft (Wohnungen 'im Grünen' sind auch teurer, als solche in Nähe stark befahrener Straßen) und da beginnt schon das Sozialisationsgefälle mit 'negativen' Auswirkungen für Kinder aus weniger reichen Verhältnissen (die allerdings ebenfalls - v.a. emotional - meist nicht im Paradies aufwachsen). Daran würde auch ein anderes Schulsystem wenig ändern.

  • 29.09.2008 11:13 Uhr:

    von michaelbolz:

    Die Gesellschaft repräsentiert das System.
    Hat Hurrelmann sich das nicht zu sagen getraut? Das tut sie im Guten wie im Schlechten und all den Grauzonen dazwischen.
    Die Orientierungslosigkeit der Kinder und Jugendlichen, die Probleme der Migranten usf. - das repräsentiert wiederum die Probleme, die die Gesellschaft hat; mit ihren Kindern, Jugendlichen, Integration; mit dem System - auf den Fall bezogen: der Bildung.
    Und die wiederum ist Ausdruck - überwiegend Ausdruck - der Politik und wirtschaftlichen Strukturen.
    Der Reformbedarf ist demnach wohl erkennbar.
    Und muss in kleinen Schritten der Erkenntnis folgend.
    Denn wie Herr Hurelmann sagt, sind es stets überholte Traditionen oder Sicherheitsbedürfnisse - narzisstische Erwartungen, die verhindern, dass Verhältnisse sich verbessern "dürfen".

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