20-Jahre Schwulen-und Lesbenverband

"Wir wollen nicht das System sprengen"

Der Lesben- und Schwulenverband feiert heute Abend im Roten Rathaus. Der Geschäftsführer Jörg Steinert erklärt, was erreicht wurde - und was nicht

taz: Herr Steinert, gibt es den Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg in zwanzig Jahren noch?

Jörg Steinert: Auf jeden Fall! Wir haben noch viel zu tun.

Aber wenn doch die Gleichstellung von Schwulen und Lesben so gut wie eingetütet ist?

Vor zwanzig Jahren startete der LSVD die „Aktion Standesamt“. Das war die Initialzündung für die Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften. In Berlin und Brandenburg sind wir jetzt juristisch gleichgestellt, ja. Aber wir sind ja nicht nur ein Verband von Juristen. Es gibt noch so etwas wie eine gesellschaftliche Wirklichkeit. Homophobie

Moment: Was fehlt denn noch juristisch?

Was der Landesgesetzgeber tun kann, das haben wir in Berlin 2008 verwirklicht, da ging es um Besoldungsverordnungen, um die Versorgung hinterbliebener Partner. Aber in Brandenburg zum Beispiel beschäftigen wir uns gerade mit dem Jagdgesetz.

Bitte?

Artikel 22 des Jagdgesetzes, da geht es um ein Wildschadensverfahren. Bislang sind nur Verheiratete berücksichtigt, nicht jedoch Menschen, die in einer Lebenspartnerschaft leben.

Wenn jemand durch ein Wildschwein getötet wird?

Zum Beispiel. Das zeigt die Absurditäten, mit denen wir uns seit 2001 beschäftigen. Der Bundesgesetzgeber hatte die Lebenspartnerschaft auf den Weg gebracht. Aber es fehlte der Wille, das bis auf alle Ebenen gleich zu regeln.

Es geht also um ein Feintuning des Lebenspartnerschaftsgesetzes auf Landesebene?

Genau. Wir sind ja gut mit Juristen bestückt, Gott sei Dank. Wir bieten ja auch Rechtsberatung an – was insbesondere im Familien und Ausländerrecht gerne in Anspruch genommen wird. Es gibt da einfach noch sehr viele Unsicherheiten. Und noch immer Benachteiligungen, besonders bei der Stiefkindadoption.

Die ist doch jetzt erlaubt?

Aber die Jugendämter machen oft Probleme. Soll das leibliche Kind von der Lebenspartnerin adoptiert werden, heißt es oft: Das geht nicht! Oder es werden absurde Überprüfungen vorgenommen. Es gibt aber auch andere Fälle: Wenn eine Hebamme sagt, wir wollen kein lesbisches Paar im Geburtsvorbereitungskurs, dann werden wir aktiv.

So etwas gibt es noch? In der „Hauptstadt der Schwulen“ …?

… würden wir Berliner behaupten, aber die Kölner sagen etwas anderes. Man kann aber sagen, dass wir hier in vielen Fällen weiter sind – in Dresden zum Beispiel kann man noch immer nicht die Regenbogenfahne auf dem Rathaus hissen. Probleme gibt es bei uns aber auch immer noch: Homophobie in der Schule, Gewalt gegen Schwule …

Ein Thema, mit dem man sich nicht nur Freunde macht.

Das Überfalltelefon Maneo, mit dem wir eng zusammenarbeiten, wird immer wieder angefeindet, ja. Ich kann das nicht nachvollziehen. Es wird einfach nüchtern aufgelistet, was passiert. Und es ist doch wichtig, dass man die Opfer ernst nimmt. Viel zu viele Schwule und Lesben bagatellisieren noch immer ihre Gewalterfahrungen. Dann gehen sie zu Maneo – und andere sind der Meinung, das stimmt alles nicht … Aber wir werden ja auch aktiv in den Quartieren, in Neukölln und Moabit etwa.

Nähern wir uns dem schwierigen Thema indirekt: Die aktuelle LSVD-Kampagne heißt „Hassan ist schwul, Gül ist lesbisch.“

Ja, in Absprache mit dem Türkischen Bund und Terre des Femmes. Es geht um konstruktive Ansprache, wir wollen Menschen mitnehmen, die Homosexualität ablehnen. Deshalb arbeiten wir auch gezielt an Schulen mit einem hohem Anteil türkischsprachiger und arabischer Schüler. Viele dieser Jugendlichen hatten bislang keine Möglichkeit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Und, kommt das gut an?

Eine schöne Erfahrung hatten wir bei Projekttagen in Moabit. Am Anfang lachten alle nur, aber am Ende haben die Jugendlichen gesagt: Endlich redet mal einer mit uns darüber. In unseren Familien geht das nicht, und in der Schule werden nur Witze gemacht. Stadtgebiete mit besonderem Entwicklungsbedarf, heißt es so schön im Behördensprech, da müssen wir hin. In Zehlendorf sind wir schon lange.

Wie ist es denn mit Homophobie in der Mitte der Gesellschaft bestellt?

Homophobie gibt es überall, sie ist nur ungleich verteilt. Im Theater gibt es sie weniger als im Fußballstadion, sage ich mal …

Ist der LSVD mächtig?

In welcher Beziehung? Wir haben unsere Ansprechpartner in der Politik, wir sind in der Lage, mit allen Parteien und Fraktionen zu sprechen, das halten wir für sehr wichtig. Wir haben auch immer mit konservativen Parteien gesprochen. Wir reden mit den Kirchen, mit den Migrantenorganisationen. Macht haben wir vielleicht in dem Sinne, dass wir gut vernetzt sind.

Sind Lesben und Schwule eine Randgruppe?

Sie sind eine Minderheit. Und die haben immer Auseinandersetzungen mit Mehrheiten – der jüdischen Gemeinde in Berlin geht es auch nicht anders.

Müssen Minderheiten solidarisch sein?

Solidarität erhoffe ich mir eigentlich von allen. Wenn Minderheiten gegen die Mehrheit kämpfen müssen, dann ist das nicht sehr charmant. Die Mehrheit ist da in der Pflicht.

Können andere Minderheiten vom LSVD lernen?

Ein Behindertenverband hat uns mal angesprochen, weil er unsere Arbeit toll findet. Ansonsten würde ich das eher als Austausch bezeichnen, wir schauen ja auch, was die anderen machen, der Landesverband der Sinti und Roma etwa – die wurden auch lange vom offiziellen Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ausgeschlossen.

Weiterhin fehlt eine Rehabilitierung jener Schwulen, die noch bis 1969 nach dem Paragrafen 175 in der Nazi-Fassung bestraft wurden.

Ein Schandfleck ist das! Da weisen wir ja wirklich schon seit Jahren drauf hin, es muss endlich klargestellt werden, dass diese Menschen keine Verbrecher waren und sind.

Die Schatten der Vergangenheit – junge Schwule und Lesben können mit klassischer Identitätspolitik, wie sie der LSVD betreibt, nur wenig anfangen.

Na ja, das ist immer die Behauptung gewisser Menschen, die sich auf die Queer Theory und Judith Butler beziehen: dass es sich dabei um eine ganze Generation handelt. Aber wenn ich mir die Aktivisten angucke, muss ich sagen, so jung sind die zum Teil gar nicht.

Böse, böse.

Es handelt sich einfach um einen andere Politikauffassung. Wir machen Bürgerrechtspolitik, wir wollen nicht das System sprengen, sondern den Menschen Möglichkeiten schaffen. Diese Divergenz wird ja auch bei den beiden CSDs deutlich: Es gibt den großen und den alternativen CSD mit ganz anderen Inhalten.

Sie sind da nicht gut gelitten?

Ich weiß noch, wie wir den „braunen Stöckel“ verliehen bekamen. Da ging es darum, dass wir für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben in der Bundeswehr gekämpft haben. Und da sagen dann eben andere: Soldaten sind Mörder. Bitte sehr, aber das ist nicht unser Ansatz. Unser Ansatz ist: Solange es eine Bundeswehr gibt, müssen dort auch gleiche Rechte herrschen.

Kann der LSVD für sich in Anspruch nehmen, eine ganze Community zu repräsentieren?

Wir setzen uns für die Interessen von Lesben und Schwulen ein, für Gleichstellung. Es gibt bestimmt Menschen, die sich nicht von uns vertreten fühlen – aber worum geht es denen? Oft nicht um Lesben und Schwule konkret, sondern um ganz andere Fragen: Gilt das Grundgesetz nicht, weil es allein auf westlichen Werten beruht? Für mich ist das gar keine Frage. Das Grundgesetz ist eine große Errungenschaft. Wir werden nicht in einer queeren Wolke aufgehen. Wir sind ein Verband, der sich für Schwule und Lesben einsetzt.

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„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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