Vor 25 Jahren begann das Erasmus-Stipendienprogramm, mit dem Studierende Europas Unis erkunden können. Drei Millionen haben es genutzt. In Deutschland nur ein Prozent. von Ruth Reichstein

Bei gutem Wetter im Ausland studieren könnte durchaus von Vorteil sein. Bild: hui-buh / photocase.com
Er ist einer der jüngsten Europa-Abgeordneten mit seinen knapp 30 Jahren. Der Grüne Jan Philipp Albrecht engagiert sich im Europäischen Parlament in Brüssel vor allem für Bürgerrechte und Datenschutz. Zwischen seinem Universitätsabschluss in Jura und seinem Einstieg in Brüssel 2009 lag gerade einmal ein Jahr. Andere brauchen dafür Jahrzehnte.
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Den Grundstein für den schnellen Wechsel in die EU-Politik legte Albrecht während eines Aufenthalts in Brüssel. Damals studierte er an der Freien Universität der belgischen Hauptstadt. Und machte gleich noch ein Praktikum bei einer grünen Abgeordneten im Europäischen Parlament.
„Das Jurastudium ist eine sehr nationale Angelegenheit, weil jeder Staat sein eigenes Rechtssystem hat. Ich wollte mir ursprünglich nur eine kleine Pause gönnen, um über den Tellerrand zu schauen. Aber dann entdeckte ich mit der Europapolitik ein ganz neues Feld, das mich nicht mehr losgelassen hat“, erzählt Albrecht.
Das Ticket für das folgenreiche Praktikum in Brüssel bekam Albrecht durch ein Stipendium. Das Erasmus-Programm, mit dem jährlich 200.000 Studierende quer durch Europa verschickt werden. In diesen Tagen wird Erasmus 25 Jahre alt. Insgesamt sind knapp 3 Millionen Stipendiaten seit Beginn des Programms durch Europas Universitäten getourt.
Zahlreiche Stipendiaten bleiben in ihrem Gastland hängen oder kehren später wieder zurück – sei es aus beruflichen Gründen oder weil sie während ihres Auslandsaufenthalts die Liebe ihres Lebens gefunden haben. Andere bleiben zwar in ihrem Heimatland, suchen sich aber Jobs, die mit vielen internationalen Kontakten verbunden sind. „Mit einem Erasmus-Aufenthalt wird man nicht unbedingt ein besserer Mathematiker, wohl aber ein besserer Europäer. Man entwickelt eine höhere interkulturelle Sensibilität“, sagt Bernd Wächter vom europäischen Dachverband der akademischen Austauschdienste.
Genau das hatte der Gründungsvater, der damalige EU-Kommissionspräsident Jacques Delors, im Sinn, als er Mitte der 80er Jahre die Einführung eines solchen Austauschprogramms vorschlug. Er versprach sich davon eine Annäherung der jungen Menschen in der EU, ein stärkeres Zusammenwachsen. Und die Europäische Union lässt sich das seitdem einiges kosten. In der laufenden Haushaltsperiode (2007 bis 2013) hat die EU insgesamt 3 Milliarden Euro für das Programm vorgesehen.
Allerdings sind es im Verhältnis immer noch recht wenige junge Leute, die diese Chance nutzen. In Deutschland liegt die Erasmus-Rate bei gerade mal etwas mehr als einem Prozent der Gesamtzahl von Studierenden. Immerhin ist die Zahl in den vergangenen Jahren stetig angestiegen. Im Studienjahr 2010/2011 berichtete die EU-Kommission von einem neuen Rekord von EU-weit über 230.000 Studierenden, die ins Ausland gegangen sind.
Nicolas Beucker hat das schon 1996 gewagt. Ihn zog es von Essen, wo er Industriedesign studierte, nach Barcelona. Er wählte mit Spanien das beliebteste Erasmus-Zielland vor Frankreich und Deutschland. Der heute 41-Jährige erlebt dort sechs Monate lang das, was der Kinofilm „l’auberge espagnole“ erst Jahre später erzählte: eine Wohngemeinschaft mit Menschen aus mehreren europäischen Ländern, viel Partyleben, aber auch wichtige Eindrücke für sein Studium und seine Karriere: „Ich habe erst in Barcelona die Stadtplanung für mich so richtig entdeckt. Ich war fasziniert von der Hingabe, mit der die Spanier zum Beispiel Bänke oder Bushaltestellen gestaltet haben.“
Heute profitieren seine Studierenden an der Hochschule Niederrhein von seiner Erfahrung. Als Dekan des Fachbereichs Design fördert er bewusst Auslandsaufenthalte. „Die Anerkennung von Studienleistungen im Ausland ist bei uns gar kein Problem. Es muss nicht immer genau das sein, was wir hier lehren. Es muss einfach passen. Wir entscheiden darüber in der Gruppe, sodass kein einzelner Professor das blockieren kann.“
Nach wie vor gilt aber, dass Studienleistungen während der Erasmus-Zeit oft nur schwer anerkannt werden. Meist „verlieren“ die Studierenden ein oder zwei Semester, gewinnen aber in anderen Bereichen: „Während meiner Zeit im Ausland hat sich eine ganz neue Perspektive für mich ergeben. Ich habe mich grundsätzlich gefragt, wie ich mein Leben gestalten will“, sagt der EU-Abgeordnete Jan Philipp Albrecht. Für ihn war nach den sechs Monaten in Brüssel klar, dass er sich europäisch orientieren will.
Ein Erasmus-Aufenthalt kann durchaus Vorteile fürs Berufsleben bringen. Zwar gibt es keine verlässlichen Studien, aber in Befragungen sagen über die Hälfte der Stipendiaten, dass der Auslandsaufenthalt dabei geholfen hat, den ersten Job nach dem Studium zu finden. Die Europäische Kommission will das Programm nun weiter ausbauen.
Ab 2014 soll es einen neuen Namen – „Erasmus für alle“ – tragen. Die EU-Behörde wünscht sich dafür eine Aufstockung der finanziellen Mittel auf 17,3 Milliarden für die kommenden sieben Jahre. Damit soll sich die Anzahl der Stipendiaten verdoppeln.
Dem müssen aber, auch so ist Europa, die 27 EU-Mitgliedstaaten erst noch zustimmen.
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Leserkommentare
15.06.2012 09:46 | Humboldt
Hier muesste sich doch eine linke Postille wie die TAZ in Grund und Boden aergern - ohnehin schon privilegierte Studiosi be ...
15.06.2012 02:13 | wahlschottin
Da ist die Hochschule Niederrhein aber eine loebliche Ausnahme. Denn die Regel ist eine andere an deutschen Unis: Wenn der ...
14.06.2012 21:43 | Christian
Beim Erasmus-Programm handelt es sich um KEIN Stipendium, sondern um einen Zuschuss. Dadurch sollen die Unterschiede in den ...