Ruhesitz mit schöner Aussicht

"Heute gibt es viel Wind. Morgen auch"

Vulkanflüsse, Pinienwälder und Drachenbäume - La Palma zieht Wanderer und Individualisten an. Ferien in originalen Landhäusern überraschen und ermöglichen Begegnung VON EDITH KRESTA

La Palma, die grüne Oase der Kanaren

La Palma, die grüne Oase der Kanaren Foto: Lollo/pixelio.de

Mazo que lindo es Mazo", dudelt es aus der Box in der Bar la Parada in Fuencaliente. Hier im Süden La Palmas kann die Landschaft ihren vulkanischen Ursprung nicht mehr unter üppigem Grün verbergen. Wir entdecken dort die frisch gebackenen, noch warmen Mandelkekse, dazu Malvesiner Wein, süß oder trocken. In der Vitrine wird Aloe-Vera-Anti-Aging-Creme mit Ziegenmilch feilgeboten, La-Palma-Honig, handgedrehte Zigarren der Marke "El Sitio" aus palmerischer Produktion. Und nun auch noch ein kubanischer Gassenhauer über eine zweifelsohne hübsche Gemeinde auf der Ostseite der Kanareninsel?

"Salsa, wie ihn die Gruppe ,Pimienta y Ají' spielt, gehört zu unserer Folklore", klärt uns Jesus Hisai auf, den wir im la Parada treffen. "Kuba ist uns viel näher als Spanien." Jesus spielt selbst Gitarre und singt in der Band "Echentive". "Dienstags spielen wir im Hotel Princessa", verrät er. Der Hotelkomplex mit 1.000 Betten und 10 ausladenden Pools bei Fuencaliente ist die größte Anlage der Insel. Ansonsten arbeitet Jesus auf den Bananenplantagen, trainiert den örtlichen Tischtennisclub und vermietet das Haus seiner Eltern an Urlauber, vornehmlich an Deutsche. "In diesen damals 20 Quadratmetern lebten wir fünf Kinder, die Eltern und die Großeltern ", erzählt der 49-Jährige. "Heute ist das Haus modern, aber früher war es ein einziges Zimmer. Klo und Küche waren draußen."

Der Tourismo Rural, der ländliche Tourismus auf La Palma, hat dank EU-Subventionen zum Erhalt alter Häuser beigetragen. Sie sind heute schön renovierte Ferienappartements mit gutem Standard in sehr guter Lage. Das Casa Rural von Jesus unterhalb des Vulkans San Antonio ist einfach, aber mit allem Notwendigen bestens ausgestattet. Im Garten blühen Rosen. Auf den Wiesen am Hang stehen wilde Margeriten. Unten peitscht der Atlantik gegen den schwarzen, zerklüfteten Vulkanstein. Von den Fensterbäncken, die überall in die Fensternischen der kanarischen Häuser eingelassen sind, schauen wir aufs Meer. Aussichtsreicher Ruhesitz - nicht nur für die Alten. "Ohne EU-Hilfe wäre mein Elternhaus verfallen", sagt Jesus. An den steilen Hängen der Vulkaninsel bedeutet verlassenes Land, dass der Boden abrutscht. Mit den alten, abgelegenen Häusern wird auch die Kulturlandschaft der Insel erhalten. La Palma, dieser Vulkanfelsen im Atlantik, ist eine Bananeninsel. Die Banane erwirtschaftet 98 Prozent der landwirtschaftlichen Exporterlöse. Für Orangen, Papayas, Avocados oder Tabak bleibt nicht viel Platz.

Mittagszeit. Wir fahren von Fuencaliente Richtung Tazacorte im Westen der Insel, die Bucht, wo im 15. Jahrhundert die spanischen Kolonisatoren landeten. Zwischenstopp am Kiosk von Playa de Zamora. Wir bestellen Fisch: Alfonsino und la Vieja, dazu Mojo, den kanarischen Ketchup, und papas arrugadas, verrunzelte Kartoffeln. Lecker! Kurvenreiche Weiterfahrt nach Los Llanos. Spektakuläre Blicke auf Berge und Meer. Ab und zu blenden uns in der Sonne reflektierende Plastikplanen. Sie überspannen riesige Bananenplantagen in der Küstenzone. Man könnte sich diese - mit gutem Willen - als wie aus tausend Perlen glitzernde Seen vorstellen. Hier im Südwesten ist Gut-Wetter-Garantie. Wenn es in Mazo auf der Ostseite regnet, scheint hier möglicherweise die Sonne.

"Ich hätte mein Haus in Mazo vierhundert Meter tiefer bauen sollen", klagt Lourdes Depaz, Vermieterin eines Casa Rurals, die uns heute bei der Fahrt auf der Sonnenseite der Insel begleitet. "Das Klima in tieferen Zonen ist besser", bereut sie ihren Hausbau im höher gelegenen Mazo. La Palma hat unterschiedliche Klima und Vegetationszonen. Die tieferen Gebiete sind wärmer und trockener. Die Feuchtigkeit der Passatwinde schlägt sich in den Höhen von 600 Meter nieder. Der Lorbeerwald Los Tilos nördlich von Santa Cruz beispielsweise ist ein kleiner Regenwald. Diese Vielfalt auf engstem Raum macht den Reiz der Insel aus. Mich begeistern die in kräftigem Lila, Gelb, Blau oder Orange getünchten Häuser. Lourdes widerspricht: "Traditionell waren unsere Häuser grün-weiß. Das Bunte gehört nicht hierher."

In Los Llanos de Aridane spricht man deutsch. "Es lebt sich besser hier als in Berlin", sagt die ehemalige Steuerberaterin, heute Mitbesitzerin der Boutique Die/O. Sie ist vor einem Jahr mit Mann und Kind hierhergezogen. Immerhin 10 Prozent von den 80.000 Einwohnern La Palmas sind Deutsche. Vielleicht liegt es am ewigen Frühling, der der Insel nachgesagt wird. Auch Andreas Heene und Christiane Weigelt haben sich hier niedergelassen. Vor 13 Jahren. "Andreas bekam Arbeit in einem Projekt zur Ausrottung des borstigen Federborstengrases. Inzwischen bieten wir geführte Wanderungen an", sagt Christiane. "Das Besondere ist, dass auf La Palma Pflanzen vorkommen, die woanders nicht mehr existieren. Der Kanarenwacholder, die Dattelpalme, der Drachenbaum, das sind die ursprünglichen Bäume von hier. La Palma ist eine grüne Oase und seit 2003 Weltbiosphärenreservat", erklärt der Biologe Andreas.

Ein Tourismus wie auf Teneriffa und Gran Canaria würde der Natur schaden. "Da sind wir froh, dass wir im Jahr hier gerade mal 120.000 Urlauber haben", sagt Andreas. "Viele kommen zum Wandern." Ob im Nationalpark Caldera de Taburiente mit Quellen, Bachläufen, Wasserfällen und Wohnhöhlen, auf den abschüssigen Schmugglerpfaden bei Tijarafe oder auf der Vulkanroute - La Palma überrascht.

Ländlicher Tourismus: 50 Orginalhäuser auf La Palma, 8 auf Teneriffa und 9 auf El Hierro vermittelt im Auftrag der einheimischen Besitzer: Turismo Rural, Karin Pflieger, Lohkoppelweg 26, 22529 Hamburg, Tel. (0 40) 560 44 88, Fax -87, www.la-palma-turismo-rural.de. Wochenmiete 370 Euro durchschnittlich pro Haus inklusive aller Kosten. Es werden auch Flüge nach La Palma und Mietwagen vor Ort vermittelt.

Botanik: Geführte Wanderungen und Exkursionen auf La Palma bietet NaturArte, Andreas Heene/Christiane Weigelt, La Sabina 86, 38730 Villa de Mazo, La Palma, www.naturarte-lapalma.com

Buchtipp: Historischer Schmöker von Harald Braem: "Tanausú, König der Guanchen" (Taschenbuch), Zech-Verlag 2003, 15,90 €

Auch der Aufstieg vom Strand von Tazacorte nach El Time, dem schönsten Aussichtspunkt der Insel, hat es in sich. Adrenalinstoß an senkrechten Wänden. "Wir sind diesen Weg fast täglich gelaufen", rückt Carmen Delia, unsere Gastgeberin vom Casa Rural in Tijarafe/La Punta, unsere Leistung zurecht. "Die Anbindung war lange sehr schlecht. Jetzt sind die Straßen gut ausgebaut. Man lebt heute besser hier", erzählt Carmen Denia bei einer Flasche selbst gemachtem Roséwein. "Die Armut war bis in die 70er-Jahre groß." Viele Palmeros schifften nach Kuba und Venezuela über. Inzwischen sind viele Auswanderer zurückgekommen "Heute kommen Boote mit Afrikanern auf La Palma an. Die wandern zu vielen schlechteren Bedingungen aus als wir damals." Unser Casa Rural in Tijarafe liegt zwischen Avocadobäumen und bebauten Terassen für den Eigenbedarf. Carmen Delia reicht uns frischen Salat aus dem Garten und schmackhafte Avocados vom Baum.

Vom nebeligen Mazo oberhalb des Flughafens im Osten über den trockenen Süden mit den schwarzen Steinen und den sonnigen Westen mit den Touristenstränden fahren wir in den Wilden Norden. Doña Antonia hat trockenen Humor. "Heute haben wir viel Wind", empfängt uns die schmale Frau in ihrem Häuschen an der Ortsdurchfahrt von Garafia. "Morgen auch."

Das Elternhaus der 92-Jährigen, das die Familie heute als Casa Rural vermietet, liegt einsam über Garafia. Der Wind pfeift durch die Ritzen, das Kaminfeuer verbreitet kuschelige Wärme, im Fernsehen spielt eine kanarische Musikgruppe live, und der Sänger begrüßt die blond gelockte Brigitte aus Berlin persönlich. Die Sterne am Himmel leuchten klar. Der Vollmond steht magisch überm Meer. La Palma ist der einzige Ort der Welt, auf dem ein Gesetz die Intensität der Nachtbeleuchtung regelt. Damit die Sterngucker des Observatoriums auf dem Roque de los Muchachos nicht vom Lichtsmog gestört werden. Wir suchen Saturn und den Großen Wagen. Wenn nur der Gecko im Gebälk nicht die ganze Nacht schnalzen würde …

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