
Berichte von der „taz-Reise in die Zivilgesellschaft“ nach Kairo im Oktober 201, erschienen auf www.goodnewz.de
Die taz verfügt seit vielen Jahren über ein ganz besonderes, qualitativ hochwertiges Netzwerk von Auslandskorrespondenten. Immer wieder haben Leser nachgefragt, ob und wie man mit den Korrespondentendurch deren Länder reisen könnte. Mit "taz-Reisen" wurde unter Leitung von Thomas Hartmann (einst Chefredakteur der taz) diesem Wunsch entsprochen. Seit April 2008 gibt es z.B. taz-Reisen nach Marokko, Bosnien Irland, Mali und dem Iran. Ebenso werden spezielle Städtereisen nach Istanbul und Kairo angeboten - "Reisen mit Einblicken in die Zivilgesellschaft", wie die taz sie definiert. Reisen zu Menschen, die sich in Ihrem Land für Veränderungen engagieren.
Im Oktober habe ich an an einer dieser tatsächlich ganz besonderen Reisen teilgenommen. Mit einer zwölfköpfigen Reisegruppe waren wir eine Woche lang in Kairo unterwegs. Geführt von unserem 69jährigen Reiseleiter Magdi Gohary,beeindruckt von seinem schier unerschöpflichen Wissen, seinem Engagement und seinem wunderbaren Humor. Obwohl die Führung durch die 18 Millionen-Metropole wirklich Schwerstarbeit war, organisierte Magdi quicklebendige Impressionen. In den folgenden Wochen werde ich einige "goodnewz", sprich Höhepunkte dieser "Reise in die Zivilgesellschaft" vorstellen.
Einhundert Kilometer südwestlich von Kairo liegt El Fayoum, ein 70 Quadratkilometer großes Oasenbecken. Es wird vom Nil durch einen Kanal mit Wasser versorgt, gilt als die Obst- und Gemüsekammer Ägyptens und hat etwa 2,5 Millionen Einwohner. Im Dorf Tunis besuchten wir die 34jährige Töpferin Rawya Abd El Kader, die dort eine eigene Töpferwerkstatt mit "Showroom" betreibt. Schon als Kind fiel ihre Begabung auf: Evelyn Porret, eine Französin, die vor 35 Jahren die Töpferschule in Tunis gründete, nahm sich ihrer an. Die Ausbildung war hervorragend, Rawya machte die Töpferei zu ihrem Beruf und entwickelte einen ganz und gar eigenen Stil.
Selbstbewußt setzte sie Ihre Ideen durch, gründete ihre eigene Werkstatt und baute systematisch Kontakte auf, die ihr bis heute bei der Vermarktung ihrer Unikate helfen. So wurde sie Mitglied bei "Fair Trade Egypt" und erhielt dort viel Unterstützung bei der Finanzierung von neuen Projekten.
Rawya hatte viele Widerstände zu überwinden und muß sich immer wieder neu gegen die Männerwelt behaupten. Aber sie hat niemals resigniert, hat Haus und Werkstatt als Eigentum erworben und ihren Ehemann in der Töpferei angestellt. Ihre beiden Töchter sind inmitten von Töpferwaren groß geworden und die Älteste arbeitet, so oft sie kann, in der Werkstatt mit.
Mit Talent und Durchsetzungsvermögen konnte Rawya sich im Fayoum als Geschäftsfrau und Haushaltsvorstand durchsetzen - im ländlichen Ägypten bis heute durchaus ungewöhnlich. Ihre Töpfereien sind in den Geschäften und Galerien Kairos erhältlich. Über "Fair Trade Egypt" werden sie sogar exportiert und sind mit etwas Glück (!) in gut sortierten deutschen Fairhandelsgeschäften zu finden.
more info: Fair Trade Egypt-Kooperativen in El-Fayoum
Unsere heutige Expedition führt nach "Sekem", was auf altägyptisch so viel wie "Lebenskraft" bedeutet. Sekem (nordöstlich von Kairo gelegen) ist mittlerweile ein ägyptisches Vorzeigeprojekt für gelungene (land-)wirtschaftliche, kulturelle und soziale Entwicklung. Unser Reiseleiter Magdi Gohary hat mit dem Gründer und Entwickler von Sekem, Ibrahim Abouleish, nicht nur gemeinsam in Österreich studiert, sondern hat dessen Projekt auch über all die Jahre mit großem Interesse beobachtet. Es gibt also schon vor der Ankunft viel zu erzählen. Nach 60 km Fahrt durch eine Stein- und Geröllwüste erreichen wir die Farm. Alles grün und fruchtbar hier. Erstaunlich.
Bäume, Wiesen und Felder werden nach einem ausgeklügelten System bewässert. Im Rahmen der biologisch-dynamischen Landwirtschaft wurde die Wüste seit 1977 begrünt. Der leichte Baustil der Wirtschafts- und Sozialgebäude, sowie deren lichte Farben wurden maßgeblich von Yvonne Floride, die im Projekt seit 25 Jahren ihre Berufung gefunden hat, entwickelt. Sie kann uns einen sehr aufschlussreichen Einblick in den Stand der Dinge geben: Sekem besteht aus einer großen Landwirtschaft, sechs Unternehmenszweigen mit Exportorientierung (auch Richtung Deutschland), div. Schulen, einer Tagesklinik sowie einer Vielzahl sozialer und kultureller Einrichtungen. Die 2500 Portionen Mittagessen, die täglich in Sekem gekocht werden müssen, illustrieren die akuelle Größe des Projekts.
Ibrahim Abouleish, der bereits erwähnte Gründervater, begann vor 33 Jahren mit der Umsetzung seiner Vision, in der Wüste eine wirtschaftliche, kulturelle und soziale Oase zu schaffen. Trotz wiederholter Rückschläge und mancher Anfeindungen ist dies dem aktiven 76jährigen und seinen MitarbeiterInnen gelungen. Neben dem Aufbau weiterer Farmen und der Kooperation mit Bio-Bauern (speziell zum Anbau von Baumwolle), will man in Sekem noch einen weiteren Traum verwirklichen: Die Gründung einer eigenen Universität.
more info sekemshop.de
Auf unserer Erde gibt es nur noch wenige weiße Flecken auf den Landkarten. Umso erstaunlicher, dass solch ein Fleck gerade mitten in Kairo zu liegen scheint. Wer bei google map "Manshiet Nasr" eingibt, bekommt nur eine leere Fläche angezeigt - Manshiet Nasr (auf dem Hügel Moukatem) ist die größte Müllstadt Kairos, die samt ihren 50.000 Einwohnern laut ägyptischer Regierung schlicht nicht existiert, weil sie zu dreckig, zu stinkig ist. Manshiet Nasr wurde Anfang der 50erJahre von aus dem Süden zugewanderten koptischen Christen und Moslems gegründet, die in Kairo keine Arbeit fanden. Sie fingen an, den Müll Kairos einzusammeln und zu verwerten. Anfangs waren sie noch mit Eselkarren, heute sind sie mit Pick-Ups unterwegs.
Nur mit höchster Konzentration kann sich unser Kleinbusfahrer einen Weg durch das riesige Mülllabyrinth bahnen. Links und rechts türmt sich der von den Männern herbeigeschaffte Müll, wird dort zumeist von Frauen und Kindern sortiert und wieder an Altwarenhändler verkauft. Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. Infektionen und Erkrankungen an "Hepatitis B" sind alltäglich.
Als wir das Gelände von A.P.E. (Association for the Protection of the Enviroment), einer ägyptischen NGO, erreichen, scheint alles anders: Das Gelände ist sauber, Bäume spenden Schatten und etwa 40 Mädchen und Frauen verarbeiten (bereits in der 2. Generation) Textilien und recyceln Papier. Die daraus hergestellten Bettdecken, Taschen und Papierprodukte kann man nicht nur im projekteigenen Laden kaufen, alles wird auch nach Europa und in die USA exportiert.
Nur einen Steinwurf weiter, inmitten der Müllberge, man glaubt es kaum: eine Montessori Schule!, organisiert von "The Spirit of Youth Association", einer weiteren (im Jahre 2004 gegründeten) ägyptischen NGO . Hier lernen bis zu 150 Jungen nach einem ausgeklügelten Plan lesen und schreiben und erhalten einen Schulabschluss. "Ausgeklügelt" muss der Lehrplan deshalb sein, weil die Jungen in erster Linie arbeiten müssen. Sie sammeln Plastikflaschen von "Procter und Gamble", entfernen das Etikett und zerschneiden die Flaschen von Hand zu kleinteiligem Plastikrohstoff. Procter und Gamble hat so den großen Vorteil, dass die Flaschen nicht mit gefälschten Produkten ein zweites Mal gefüllt werden können. Dafür finanziert das Unternehmen zum größten Teil die Schule.
All das wirkt hoffnungsvoll und beschämend zugleich. Hoffnungsvoll, weil mit wenigen Mitteln tatsächlich viel erreicht wird, beschämend, wenn man sieht, mit wie wenig die Menschen hier abgespeist werden - der ägyptische Staat sollte den Aufbau einer modernen Recycling-Stadt unterstützen, für akzeptable Verkehrswege und Gesundheitsstationen sorgen. Doch wie auch immer, ein Anfang ist gemacht. Dabei ist noch längst nicht alles erzählt. Für weitere Informationen empfehle ich "Garbage Dreams" , den vielfach ausgezeichneten Film von Mai Iskander aus dem Jahre 2009. Follow the Link!
more info: garbagedreams.com - mit kurzem, aber beeindruckendem Trailer
Mitten in Kairo, im Einkaufsviertel Zamalk, besuchen wir „Fair-Trade-Egypt (FTE)“, eine von der WFTO (World Fair Trade Organisation) geprüfte und anerkannte Non-Profit-Organisation, die den Produzenten von traditionellem Kunsthandwerk die Vermarktung ihrer Produkte ermöglicht. Mehr noch: Die Kunsthandwerker erhalten bei FTE Schulungen in Sachen Fachtechnik und Betriebswirtschaft und lernen dabei, hren Betrieb nach den Kriterien des „Fairen Handels“ zu führen.
Wir werden von Mona El-Sayed, der Managerin von FTE, empfangen. Sie hat ein BWL-Studium in England mit dem MBA abgeschlossen. Mona stellt die Organisation mit viel Engagement auf regionalen Märkten auf, sorgt durch die Exportlizenz und den Besuch europäischer Messen für zusätzliche Absatzmöglichkeiten im europäischen und amerikanischen Ausland. 14 MitarbeiterInnen (davon 8 Frauen) arbeiten täglich an Produktentwicklung, Auftragsbearbeitung, Lagerhaltung, Beratung und sorgen für den Verkauf im eigenen Laden.
Nachdem Mona in perfektem Englisch einen Vortrag über ihre ehrgeizigen Ziele gehalten hat, besuchen wir den Laden. Hier finden wir einen Teil des etwa 1.000 Produkte umfassenden traditionellen Kunsthandwerks. Die Produkte wurden in den verschiedensten Regionen von Oberägypten bis zum Nildelta, im Sinai oder in den Oasen von aktuell 37 Produzentengruppen gefertigt. Und sichern die wirtschaftliche Existenz von etwa 2.700 Menschen.
Es war eine Entwicklungshelferin aus Italien, die zu Beginn der 90er Jahre den Kunsthandwerkern in den entlegenen Gebieten Ägyptens vorschlug, sich in einer Kooperative zusammenzuschließen, um so besser verkaufen zu können. Seit der Gründung im Jahr 1998 ist aus der Kooperative eine sehr bedeutende Organisation geworden - sie vertritt vorbildlich die Interessen der Produzenten gegenüber ägyptischen Behörden, einheimischen Händlern und den ausländischen Importorganisationen des Fairen Handels.
Das bei FTE gebündelte Know-How bietet für die ägyptischen Kunsthandwerker eine Fülle von Entwicklungsmöglichkeiten, die für den Einzelnen nicht realisierbar gewesen wären. Eine Organisation wie FTE ist (nach unseren Informationen) im fairen Handel bisher einmalig.
more info: FairTradeEgypt
