Damaskus, Innenstadt / Foto: Günther Orth

taz-Reise Syrien/Libanon (Sept. 2010)



Blog von Lorenz Töpperwien

zum Programm in Damaskus und Aleppo (Reisetage 1 – 7)

Blog 1

Hauptstadt Damaskus: Weltoffenheit ist hier Alltag

Die größte Überraschung ist, dass ich morgens nicht durch die Stimme des Muezzin geweckt werde. Sein Ruf darf laut Regierungserlass eine bestimmte Lautstärke nicht überschreiten. in Syrien halten sich die Moscheen auch daran. Eine muslimische Metropole, in der der Gebetsruf vielerorts im Verkehrslärm untergeht: Das ist ungewöhnlich! Aber es passt zu ash-Sham, wie die SyrerInnen ihre Hauptstadt nennen: Hier gibt es seit jeher so viele Religionen, dass der tolerante Umgang miteinander seit Jahrhunderten eingeübt ist und niemand dem anderen seinen Glauben aufzwingt. Diese Zurückhaltung erstreckt sich auch auf den Gebetsruf.

Das heißt nicht, dass die syrischen Muslima und Muslime weniger gläubig waren. Die Zahl der Moscheen ist immens, auch sieht man immer wieder, wie sich Menschen an den unterschiedlichsten Orten zum Gebet zurückziehen. Sie tun das mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie Drusen Drusen und Christen Christen sein lassen.

Dies ist der erste Teil des Blogs zur Syrienreise “Religiöse und kulturelle Vielfalt im Nahen Osten”, die der Reiseveranstalter Nomad gemeinsam mit der taz konzipiert hat und nun erstmals durchführt. Das Programm ist ebenso vielfältig wie spannend und lebt von den Kontakten mit Syrerinnen und Syrern, die mit ihrer Tatkraft und mit ihren Ideen die Umwelt, in der sie leben, verändern.

Mein Blog ist eher ungeordnet und auch ein bisschen improvisiert. Nachdem ich heute nach einigem Suchen ein Internet-Cafe gefunden habe (mit lateinisch-arabischer Tastatur, bei der manche Buchstaben fehlen oder an anderer Stelle liegen, also bitte ich um Nachsicht für orthografische Holprigkeiten) kann ich nun zwar loslegen zu schreiben, aber vorerst bildlos, weil der Rechner nicht für Speicherkarten von Kameras ausgestattet ist. Wir werden – versprochen! – die Bilder so bald wie möglich nachliefern. Im Zeitalter der optischen Reizüberflutung ist das aber natürlich eine ziemliche Zumutung. Wer es positiv sieht, nimmt es als asketische Übung und imaginiert den Rest – das passt zu den Sufis, die im toleranten Damaskus natürlich ebenfalls vertreten sind.

Die Toleranz gilt keineswegs im politischen Sinne. Die Bilder des syrischen Präsidenten Bashar al-Asad blicken allenthalben von den Hauswänden, damit auch allen klar ist, wer hier das Sagen hat. Die Autorität, die eine Uniform ausstrahlt, ist an allen Ecken und Enden spürbar. Jeder Verkehrspolizist – und davon gibt es recht viele, die meisten von ihnen erstaunlich jung – weiß um die Wirkung seiner Kluft und scheint schon allein dadurch um einen Kopf größer zu sein als seine Mitmenschen. Ich hatte, als im am Bab Tuma auf jemanden wartete, Gelegenheit, einen von ihnen zu beobachten, der sich erst ein wenig langweilte und dann urplötzlich seine Aufgabe darin entdeckte, eine enge Einbahnstraße, in die zuvor permanent Autos – in die falsche Richtung – eingebogen waren, mit Nachdruck und Trillergepfeife auf das Einfahrt-verboten-Schild hinzuweisen. Dann klingelte sein Mobiltelefon und die Verkehrsströme nahmen ihren gewohnten Lauf.

Der Verkehr in Damaskus: Ja, er ist chaotisch, aber zugleich auch wieder nicht. Keiner ist bereit zu warten, alle dränglen – mal sanft, mal bestimmter -, aber fast immer fliest die Blechlawine irgendwie weiter. Und wenn, wie heute ebenfalls geschehen, mal ein anderes Auto an einer besonders schmalen Stelle sanft das Taxi streift, in dem man sitzt, dreht sich der Taxifahrer nur schimpfend zu dem Übeltäter um, um gleich darauf Schulter zuckend zu grinsen. Hier hat niemand das Recht gepachtet, womit wir – das macht die Stadt eben aus – mal wieder beim Thema Toleranz sind.

Toleranz sollte man allerdings nicht erwarten, wenn man im Flughafen in der Schlange steht. Derzeit stehen Ankömmlinge zweimal: vor dem Schalter für die Passkontrolle und dann noch mal vor der Glastür, hinter der die Busse warten, die alle – nachdem sie ihre Pässe erneut jungen autoritären Männern (diesmal ohne Uniform, aber trotzdem in ihrem Auftreten sehr bestimmt) vorzeigen mussten – zur Gepäckausgabe befördern. Dieses umständliche Procedere ist notwendig, nachdem eine Decke in der Ankunftshalle eingestürzt ist. Das Gepäck ist natürlich längst da und liegt in ungeordneten Haufen herum, durch die suchende Menschen aus allen möglichen – vor allem arabischen – Ländern irren. Was für ein Gedränge!

Immerhin: Wer diese Prüfung besteht, ist mit der notwendigen Geduld gewappnet und bereit für Damaskus.

Damaskus - Omayyaden-Moschee / Foto: Günther Orth

Blog 2

Rettet die Altstadt von Damaskus!

Alles ist alt und eng, jeder Quadratzentimeter wird genutzt, die winzigen Läden quellen über vor Waren: Gewürze, Schuhe, Schmuck, Wolle, Leder, Süßwaren, Parfüm. Manche Gassen sind überdacht, andere nicht, Seitengässchen führen in ein unübersehbares Gewirr aus immer neuen Läden, Sträßchen, versteckten Moscheen und alten Karawansereien.

Die ganze Altstadt scheint ein einziger Basar zu sein. Das stimmt natürlich nicht, denn drumherum liegen – ganz in der mittelalterlichen Tradition – die Viertel der unterschiedlichen Religionen und Konfessionen: das Viertel der sunnitischen Muslime gleich neben jenem der Schiiten, außerdem die Viertel der Juden und ein weiteres für die Christen. In der Mitte die Umayyaden-Moschee: unglaublich ihre Pracht und ihr ehrwüdiges Alter, unglaublich die Baugeschichte von römischer Zeit an, erstaunlich die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich allen BesucherInnen gleich welcher Religionszugehörigkeit öffnet.

Doch diese Welt, die ganze damaszener Altstadt, ist bedroht. Das hat viele Gründe: zu allerst die allgegenwärtigen Autos, die sich selbst durch das engste Nadelöhr zwängen. Ihre Zeit allerdings ist gezählt: Offiziell sollte es sie jetzt schon nicht mehr geben – seit Anfang dieses Jahres ist die Altstadt offiziell Fußgängerzone. Doch das ist ein Prozess, der seine Zeit braucht. Immerhin stecken an parkenden Autos in der Nähe der Zitadelle Knöllchen an der Windschutzscheibe, und auf der so genannten “Geraden Straße”, jener Mittelachse, die sich einmal längs durch die gesamte Altstadt zieht und auf den Dekumanus maximus römischer Zeit zurückgeht, ist der Verkehr sehr dünn geworden.

Viel schwieriger ist es, den Verfall der Bausubstanz aufzuhalten, und zwar so, dass nicht einfach wild drauflos restauriert wird, sondern bauhistorisch korrekt. Investoren gibt es genug, doch die meisten funktionieren die Altbauten zu Hotels und Restaurants um – so könnte aus der Altstadt schon bald ein Museum werden, fürchtet Daniela Gurlt. Die Architektin und Stadtplanerin arbeitet seit zwei Jahren im Auftrag von DED und GTZ an einem Projekt zur Altstadtsanierung mit.

Sie zeigt uns den “Quitten-Khan”, eine alte Stadt-Karawanserei und eine von 19 ihrer Art, die Damaskus noch besitzt. Der Hof der Karawanserei ist sehr klein und überwölbt von einer offenen Kuppel, die vielleicht zehn oder zwölf Läden überspannt. “Hier gibt es 70 Eigentümer, “sagt sie, “die alle ein Stückchen des Kuchens besitzen. Manchmal ist das kaum mehr als ein Quadratmeter. Allein die Bauaufnahme hat anderthalb Jahre gedauert.”

Ein anderes Beispiel ist Khan As’ad Pascha, auch sie eine Karawanserei. Sie zeigt, wie es bisher immer lief: Die Regierung hat die Leute enteignet, danach wurde auf Staatskosten renoviert, nur Nutzungskonzepte gibt es nicht. So stehen die Gebäude nutzlos und leer herum, die drumherum noch ansässigen Ladenbesitzer sind misstrauisch wegen der Enteignungen und der Suq hat eine tote Stelle, die für Touristen interessant ist, aber von der die BewohnerInnen nichts haben.

Schicke Hotels und Restaurants sind noch weniger eine Lösung. Sie entziehen der Altstadt das Leben, außerdem enden kommerziell orientierte Restaurierungen meist in einem wüsten Stilgemisch. “In Syrien, ” sagt Daniela Gurlt, ” soll bei Restaurierungen etwas Schönes herauskommen. Ob das dann authentisch ist, interessiert nicht so sehr.” Auf diese Weise wird da noch ein Relief hinzugefügt und hier noch ein Accessoire. Ob das vorher so war oder nicht – wen juckt es?

Und noch eine Schwierigkeit gibt es: Die alten herrschaftlichen Häuser sind nach modernen Gesichtspunkten kaum bewohnbar, weil sie überwiegend aus Repräsentationsflächen bestehen: der Innenhof mit plätscherndem Brunnen, der Diwan (eine gewaltiger Alkoven an der Südseite des Hofs), diverse Empfangshallen – sie lassen kaum Platz für gewöhnliche Wohnräume. Wie soll man die Gebäude authentisch erhalten und gleichzeitig attraktiven Wohnraum schaffen, der die Menschen wieder in die Innenstadt zieht, wo es doch so eng ist und einfach unmodern?

Es gibt – abgesehen von dem orientalischen Gequirle, das jeden Besucher gleich erfasst und bezaubert – einige wirklich gelungene Beispiele für Restaurierungen. Dazu zählt neben Prunkpalästen wie dem Azm-Palast ganz bestimmt das dänische Institut für islamische Kunst, Wissenschaft und Literatur im Suq Madhat Basha. Normalerweise steht es BesucherInnen nicht offen, doch Daniela Gurlt hat Beziehungen. Das Haus ist in jeder Hinsicht ein Juwel, allein die Hozdecken sind fantastisch. Zudem zeigt sich in der Architektur, was im Lauf der Zeit verändert wurde und wie sich durch die behutsame Restaurierung doch alles harmonisch ineinander zu fügen scheint.

So wie hier könnte wahrscheinlich jedes Haus in der damaszener Altstadt seine ganz eigene Geschichte erzählen. Noch sind diese Geschichten da, doch müssen sie einzeln und mit hohem Einsatz wie Schätze gehoben werden. Syrien kann das nicht allein schaffen. Das GTZ-Projekt ist ein guter Weg, doch es braucht noch mehr Unterstützung von außerhalb. Ohne diese Expertise und ohne großzügige Finanzierung läuft “”eine der ältesten, kontinuierlich bewohnten Städte der Welt”, wie Damaskus gerne genannt wird, Gefahr, seine einzigartige Altstadt zu verlieren.

Damaskus: im Al-Azm-Palast / Foto: Günther Orth

Blog 3

Syrien: Reiseblick hinter die Kulissen

Malven- oder sandfarben, himmelblau, rosa, Aprikose: Allein die Farbgebung der Räume verrät Sorgfalt und ein durchdachtes Konzept. Man könnte meinen, der nagelneü, blitzsaubere Komplex vor den Toren von Damaskus gehöre einem florierenden Unternehmen aus der Elektronikbranche. Tatsächlich ist es eine Schule für Kinder, die unter dem Downsyndrom leiden.

“40 Jahre Erfahrung, 40 Jahre Fundraising, das macht unseren Erfolg aus”. Sahar Mahayni – grauer Mantel, weißes Kopftuch – ist eine selbstbewusste Frau Mitte 40, die eine Energie ausströmt, die ansteckend ist. Sie führt unsere Reisegruppe durch freundliche Klassenzimmer, in der sich je drei Down-Kinder eine Erzieherin teilen. Das bedeutet ein Höchstmaß an Betreuung. Die Schule arbeitet nach der Montessori-Pädagogik und ist bestens ausgestattet mit Lern- und Unterrichtsmaterialien.

Wir Besucher sind vom ersten Augenblick gebannt: eine Schule wie diese in Syrien? Und schon schnappt die Vorurteilsfalle zu. Je länger die Führung dauert, je mehr Kinder uns freundlich empfangen oder schüchtern anschauen, je mehr Sahar Mahayni erzählt, desto größer wird unser Staunen.

Einen Blick hinter die Kulissen werfen, Initiativen und Perspektiven aufzeigen, von denen Touristen sonst nichts mitbekommen: Das ist das erklärte Ziel dieser Syrienreise in die Zivilgesellschaft, die nomad und taz gemeinsam durchführen. Die Reiseleitung in Syrien teilen sich der taz-Mitbegründer und Journalist Thomas Hartmann und der Islamwissenschaftler und Arabischübersetzer Günther Orth.

Der Besuch der Schule für Down-Kinder, überhaupt dieser ganze dritte Reisetag ist ein gelungenes Beispiel für den Anspruch des Tourprogramms, ein breites Spektrum der syrischen Gesellschaft abzubilden. Und Sahar Mahayni ist genau die richtige Person, um dieses Konzept engagiert umzusetzen. Detailliert und geduldig antwortet sie auf die vielen Fragen, mit denen wir sie überhäufen.

Hevorgegangen ist das Schulprojekt aus einer Privatinitiative von Frauen aus wohlhabenden Elternhäusern, die sich zusammen taten, um eine Lücke im staatlichen Erziehungsprogramm zu füllen. Bis dahin erhielten Down-Kinder keinerlei Förderung, sie lernten mitunter nicht einmal sprechen und waren Achtlosigkeit, in der Öffentlichkeit oft auch Spott ausgesetzt. Heute betreut der Charity-Verein mit dem nüchternen Namen AL-RJAA eine Schule mit 110 Down-Kindern verschiedenster Altersstufen.

Die Kinder werden zum Teil bereits mit 4 Monaten aufgenommen und physiotherapeutisch betreut, durchlaufen danach Vor- und Grundschule und schließen die Regelschulzeit im 9. Schuljahr ab. Danach erhalten sie andernorts – aber weiterhin von AL-RJAA begleitet – eine Berufsausbildung oder studieren gar. Die Erzieherinnen, die in der Schule arbeiten, sind durch britische Montessori-PädagogInnen mit syrischem Hintergrund professionell ausgebildet und werden regelmäßig weiter geschult.

Wer das finanziert? “Wir haben 175 Familien, die regelmäßig spenden”, sagt Sahar Mahayni nicht ohne Stolz. Der Verein zählt 50 Mitglieder, die alle ehrenamtlich tätig sind und deren Familien für einen Gutteil der Spenden aufkommen. Die Eltern der Kinder zahlen umgerechnet 250 Euro pro Monat Schulgeld. Für diejenigen, die das nicht aufbringen können – und das sind nicht wenige, denn die meisten Schulkinder hier kommen aus ärmlichen Verhältnissen -, übernimmt AL-RJAA die Finanzierung des Monatsbeitrags entweder ganz oder zum großen Teil.

Diese Spendenfinanzierung funktioniert u. a. deshalb so gut, weil es im Islam die Zakat oder Armensteuer gibt, die gläubigen Muslimen ab einem bestimmten Einkommen vorschreibt, 2,5 Prozent des Vermögens an Bedürftige abzugeben. Doch allein darauf verlässt sich AI-RJAA nicht. Angegliedert an den Schulkomplex verfügt der Verein über Räumlichkeiten, die eigens dazu gebaut wurden, um sie für Privatfeiern zu vermieten. Sogar ein Schwimmbad gehört dazu. Alle eingeworbenen Mittel zusammen reichen aus, um neben der Schule zwei Gesundheitsstationen, eine Nähwerkstatt und eine Dialysestation zu betreiben, ganz abgesehen von der Unterstützung für andere soziale Projekte wie Waisenhäuser oder Altenheime.

Der Staat gibt allenfalls symbolische Beträge dazu. Doch er zollt dem Verein höchste Achtung. Nicht umsonst ist die syrische First Lady Asma al-Asad regelmäßiger Gast bei den Basaren, die die Schule einmal im Jahr veranstaltet. Die syrische Führung investiert viel in den Bildungssektor. Andererseits erschweren die patriarchalischen Strukturen des Regimes die flexible Modernisierung des Bildungssystems. Insofern ist man durchaus dankbar für privates Engagement, erst recht, wenn es aus der Oberschicht kommt.

Asma al-Asad hat auch die Textilwerkstatt der Fraünkooperative al-Anat besucht. Jil Sander und die spanische Königin waren ebenfalls schon da. Das ist auf den ersten Blick kaum zu glauben, denn wer die Werkstatt besichtigen will, würde sie ohne ortskundigen Führer gar nicht finden. Sie “residiert” in einer winzigen Nebenstraße im Vorort Yarmouk, einem Palästinenserviertel, das einmal ein Auffanglager für palästinensische Flüchtlinge war. Diese Vergangenheit ist nicht zu übersehen: Keines der zwei- bis vierstöckigen Häuser gleicht dem anderen, weil sie alle je nach verfügbaren Mitteln selbst errichtet und im Lauf der Zeit erweitert und ausgebaut wurden. Die Straßen sind zum Teil sehr eng und lassen jede Stadtplanung vermissen. Dass der Vorort dennoch für die Menschen längst Heimat geworden ist, beweisen die Efeuranken, die sich mancher Orts an eigens gespannten Drähten über die Gassen ranken und deren grünes Dach wohnlich wirkt.

Am Ende einer solchen Gasse versteckt sich al-Anat: zwei niedrige Etagen mit winzigen Räumen, in denen irgendwie ein paar Näh- und Plättmaschinen, einige Arbeitstische, eine Büroecke und ein Materiallager untergebracht sind. Das wirkt zunächst dürftig, aber wenn Heike Weber beginnt zu erzählen, wird einem schlagartig klar, dass hier das Herz einer gemeinnützigen Organisation von der Größe eines mittelständischen Unternehmens schlägt.

Heike Weber ist heute bereits die zweite Frau, die die Reisegruppe mit ihrer Tatkraft zum Staunen bringt, und vielleicht ist dieser Blick hinter die Kulissen noch überraschender als der erste. 1.000 Heimarbeiterinnen, sagt die temperamentvolle Berlinerin, beschäftigt al-Anat heute, der Umsatz liegt bei umgerechnet einer halben Million Euro. Produziert wird eine große Bandbreite an traditionellen Textilien, der Verkauf geht in die ganze Welt. Einen guten Überblick über das Warensortiment bietet der schicke Verkaufsladen in der Altstadt von Damaskus. In den hellen, stilvoll eingerichteten Räumen ist alles versammelt, was Syrien an textiler Handwerkskunst zu bieten hat.

Al-Anat entstand 1988 aus Handarbeitskursen, die Heike Weber, damals durch eine Heirat in Syrien gelandet, für syrische Frauen veranstaltete. Seither ist die Berlinerin zu einer ausgewiesenen Kennerin für syrische Stickereien geworden. Dabei spielte auch ihre – übrigens palästinensische – Schwiegermutter eine Rolle und ihr lapidarer Kommentar zum ersten Stickversuch nach syrischen Mustervorlagen: Wenn du fleißig übst, prophezeite sie, kann aus dir noch etwas werden. Sie sollte Recht behalten: “Heute wäre sie stolz auf mich”, sagt Heike Weber lachend.

Zu den vordringlichsten Zielen der Kooperative zählt die Arbeitsbeschaffung für Frauen entsprechend ihren individuellen Fähigkeiten. “Wenn wir viele ältere Fraün beschäftigen, müssen wir viele Fransen machen”, erklärt Heike Weber bündig, “für Fransen braucht man nicht so gute Augen”. Umgekehrt heißt das: je mehr geschickte Frauen für die Kooperative arbeiten, desto anspruchsvoller sind die Produkte. Wichtig für al-Anat ist auch, die traditionellen Muster wieder zu beleben und daraus moderne Designs zu entwickeln. Modenschauen im Ausland helfen bei der Vermarktung und sollen zugleich das Image Syriens im Westen verbessern. Dort lebt die jahrhundertealte Tradition des syrischen bzw. levantinischen Textilhandwerks allenfalls in Bezeichnungen wie Damast (aus Damaskus), Gaze (aus Gaza) oder Mousselin (aus Mossul) fort. Das soll sich ändern.

Die Reisegruppe ist bereits vollkommen überzeugt: Die ersten Einkäufe im Laden sind getätigt, weitere werden wohl noch folgen. Zwischendurch gab es noch einen weiteren Programmpunkt: die schiitische Pilgerstätte Sayyida Zainab südöstlich von Damaskus. Das ist wie ein Stück Iran in Syrien. Die Moschee ist – ganz im iranischen Stil – üppig mit bunten Kacheln verkleidet, die Kuppel glänzt golden im Sonnenlicht. Drinnen herrscht ein Stimmengewirr wie auf dem Basar, die PilgerInnen küssen – getrennt nach Geschlechtern – ehrfürchtig den goldenen Schrein über der Grabstätte der Enkelin Mohammads, nach der dieser Ort benannt ist.

Ich beobachte drei modisch gekleidete Jugendliche mit Gelfrisuren, wie sie sich gemeinsam sammeln und dann mit großer Ehrfurcht ihr Gebet verrichten. Die Stirn legen sie dabei auf runde Tonscheiben in der Größe eines Eishockeypucks, die aus der den Schiiten heiligen Erde von Kerbala bestehen sollen und die es im ganzen Ort zu kaufen gibt. Gebetet wird kreuz und qür, in Gruppen oder allein, viele lesen auch im Koran, andere bewundern den Schrein oder die reich mit Zierwerk ausgestattete, silbrig glitzernde Decke.

Seit dem letzten Golfkrieg erleben die Schiiten eine Renaissance in Syrien. Mehr als eine Million Irakflüchtlinge hat Syrien aufgenommen, darunter viele Schiiten. Am schiitischen Feiertag Ashura strömen die Pilger zu Zehntausenden zur Moschee Sayyida Zaynab und gedenken des Todes des Imam Hussayn. Zu den Feierlichkeiten gehören auch öffentliche Selbstgeißelungen, die in Syrien allerdings offiziell verboten sind. Die Staatsführung will damit offenbar Polarisierungen vorbeugen und das empfindliche Gleichgewicht der Religionen wahren. “Früher”, erzählt mir ein Syrer vor der Moschee, “gab es keine sichtbaren Unterschiede zwischen der sunnitischen Mehrheit und der schiitischen Minderheit.”

Religionsfreiheit ist ein Grundpfeiler der syrischen Ordnung, darin ist Syrien ein Vorbild für den gesamten Nahen und Mittleren Osten. Das will etwas heißen in einer Region, in der Konflikte traditionell religiös begründet werden. Der Besuch dieser Moschee ist ein in jeder Hinsicht schillerndes Beispiel dafür, wie vielfältig die Religionslandschaft in Syrien ist und wo die Bruchstellen liegen, die anderswo längst zur gesellschaftlichen Spaltung geführt haben.

Übrigens: Auch hier durften wir wieder die Moschee ohne weiteres betreten und sogar fotografieren – weil es alle taten, auch und gerade die Pilger, völlig überwältigt von der Pracht und dem Reichtum der Ausstattung.

Heike Weber im Laden der Anat-Frauenkooperative / Foto: Günther Orth

Blog 4

Syrien: Unterwegs nach Aleppo

Damaskus liegt hinter uns. Vor unserer Abfahrt hatten wir dort noch eine Begegnung, die einen ungewohnt differenzierten Blick auf die syrische Realität erlaubte. Anlass war ein Gespräch mit Samer Laham, orthodoxer Christ und zuständig für soziale Projekte des griechisch-orthodoxen Patriarchats.

Das Programm an Projekten und Aktionen der griechisch-orthodoxen Kirche in Syrien – sie vereint unter ihrem Dach die Mehrheit der syrischen Christen – ist immens. Es reicht von Jugendarbeit (Sommercamps, Jugend gegen Gewalt, Sexualerziehung) über Workshops und die Professionalisierung der hier sehr schwach vertretenen Nichtregierungsorganisationen bis hin zu Kunst- und Kulturveranstaltungen zur Förderung des Austauschs zwischen den Religionen.

Dabei war es Samer Laham wichtig, dass sich die Programme ausnahmslos an alle SyrerInnen richten, gleich welcher Weltanschauung oder Religionszugehörigkeit. Wir kennen das mittlerweile als Credo allen gesellschaftlichen Engagements hier in Syrien, und tatsächlich ist ja die Verständigung untereinander über religiöse Grenzen hinweg das Merkmal, das dieses Land von seinen Nachbarn positiv abhebt.

Interessanterweise liegt ein Schwerpunkt der griechisch-orthodoxen Hilfsprojekte auf der Unterstützung irakischer Flüchtlinge. Aus syrischer Sicht ist das nicht weiter überraschend, denn seit dem letzten Golfkrieg sind nahezu 1,5 Millionen irakische Flüchtlinge über die Grenzen geströmt und von Syrien bemerkenswert unbürokratisch aufgenommen worden. In der deutschen Medienberichterstattung allerdings wird das so gut wie gar nicht gewürdigt. Während bei uns vor einigen Monaten heftige Debatten um die Aufnahme nur weniger Hundert irakischer Fleuchtlinge entbrannten, hat Syrien, das knapp 23 Millionen Einwohner zählt, innerhalb kürzester Zeit mal eben einen Bevölkerungszuzug von 7-8% gestemmt.

Die Situation der Flüchtlinge aus Irak ist ziemlich verzweifelt. Sie genießen Gaststatus, erhalten auch die reguläre Schulbildung, bekommen aber keine Arbeitsgenehmigung. Wie aber soll man eine Familie ernähren, wenn die Ersparnisse aufgebraucht sind? Und was machen Jugendliche, wenn sie mit 15 Jahren auf der Straße stehen? Da kann die griechisch-orthodoxe Kirche auch nur bedingt helfen. Fakt ist, dass es irakische Flüchtlinge gibt, die arbeiten. Aber Fakt ist auch, dass dies – offiziell zumindest – nicht erlaubt und ohnehin die Ausnahme ist. Keiner weiß, wohin das führen wird. Denn dass alle Flüchtlinge einmal in ihre irakische Heimat zurückkehren, ist unwahrscheinlich. Vor allem die Christen sehen darin keine Perspektive. Sie wollen lieber in Syrien bleiben oder – besser noch – ins westliche Ausland auswandern.

Tags darauf besteigen wir den Zug nach Aleppo. Er ist pünktlich, klimatisiert und legt die rund 450 Kilometer in viereinhalb Stunden zurück. Aleppo ist nur unwesentlich kleiner als Damaskus, doch besser organisiert. Zumindest lassen das die Taxis vermuten, die am Bahnhof aufgereiht stehen und uns ohne weitere Verzögerung ins Hotel bringen. In Damaskus war das umständlicher gewesen.

Die Altstadt von Aleppo ist in jeder Hinsicht beeindruckend, besonders die gewaltige Zitadelle, eine Meisterwerk des Festungsbaus. Von oben genießen wir einen Rundumblick über Aleppo, nachdem wir vorher unten auf dem großen Platz am Fuß des Burghügels Teigtaschen und Polo genossen haben (ein erfrischendes grünes Limonadengetränk mit Minze). Die Zitadelle ist eine kleine Stadt in der Stadt. Laufende Ausgrabungen belegen bereits eine Besiedlung in hethitischer, römischer und hellenistischer Zeit.

Nicht weniger gewaltig als die Zitadelle ist der Suq, dessen Gassen kein Ende zu nehmen scheinen. Tatsächlich läuft man als Ortsunkundiger natürlich meist im Kreis. Trotzdem ist jeder Laden anders, jedes Gewürz hat seinen eigenen Geruch und jedes Stück, dass man ersteht, seine eigene Geschichte.

Wir statten dem Stadtentwicklungsprojekt der GTZ in der ehemaligen Shibani-Schule einen ausführlichen Besuch ab und lassen uns von der dort seit eineinhalb Jahren tätigen Mitarbeiterin Ulrike Gaube durch die Altstadt führen. Der Rundgang führt unter anderem zu einem historischen und heute als Museum hergerichteten Hospital für geistig Kranke und endet am Kennserin-Stadttor. Dort soll im Rahmen eines Projekts der Aga-Khan-Stiftung ein öffentlicher Park entstehen. Dafür wurde ein Teil der informellen Siedlung, die sich von hier aus stadtauswärts erstreckt, geräumt. Der Park ist ein Experiment, weil niemand weiß, wie er von der hier vorwiegend ansässigen muslimischen Bevölkerung aufgenommen wird. Andererseits fehlt es gerade in den informellen Siedlungen an öffentlichen Räumen.

Fast 30% von Aleppo bestehen heute aus informellen Siedlungen, die von den Bewohnern in Eigenregie und mehr oder weniger planlos aufgebaut wurden. Sie verfügen in der Regel über Wasseranschluss und Elektrizität und nehmen mittlerweile etwa die Hälfte der Stadtbevölkerung auf. Der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) und die GTZ erschließen derzeit in Zusammenarbeit mit den syrischen Behörden mögliche Konzepte im Umgang mit diesen Siedlungen und ihren Bewohnern. Dabei geht es darum, welche Alternativen zu Enteignung und Abriss bestehen, jenen Methoden, die die Stadtverwaltung bislang in der Regel praktiziert hat.

Zum Schluss unseres Stadtrundgangs treffen wir auf den Sufi-Sheikh Hilali, der uns seine bildschöne kleine Moschee zeigt: einen quadratischen Kuppelbau mit echten Öllampen und einer über zwei Stockwerke reichende Holzvertäfelung mit kleiner Balustrade. Die Holztüren darin führen zu lauter kleinen Zellen, in denen die Sufis bis zum Beginn des vorigen Jahrhunderts zum Teil bis zu 40 Tage fasteten und beteten. Diese Moschee hinterlässt einen stärkeren Eindruck in mir als die großen Prachtmoscheen, die ich bisher gesehen habe. Auch in dieser Hinsicht ist Aleppo reich an Überraschungen.

Lorenz Töpperwien ist Journalist und Mitarbeiter des Veranstalters "Nomad-Reisen zu den Menschen".

Jede Überschrift dieser 4 Blogs ist verlinkt zum Original: auf der Website von Nomad-Reisen, dem Veranstalter dieser Reise im September 2010.

 

Weitere Informationen zu den besuchten Projekten finden Sie unter "Literatur zum Einlesen"

 

in Aleppo / Foto: Günther Orth