Ein FDLR-Kämpfer bestätigt, dass die Miliz Kinder rekrutierte. Der Militärchef habe angeordnet, Zivilisten als Feind zu betrachten, falls sie mit Kongos Armee zusammenarbeiten.von Bianca Schmolze

Waffen tragende Kindersoldaten im Kongo. Bild: dpa
STUTTGART taz | M weiß viel und sagt viel. Der langjährige Soldat der FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas), der seit den späten 1990er Jahren in den FDLR-Vorgängerorganisationen diente und die Miliz im Kongo erst 2010 verließ, hat bei seiner Vernehmung vor dem OLG Stuttgart am 27. und 29. Februar sowie am 5. und 7. März mehr Interessantes zu erzählen gehabt als so manch anderer FDLR-Veteran, der bisher im Prozess gegen FDLR-PRäsident Ignace Murwanashyaka und seinen Vize Straton Musoni aufgetreten ist.
Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?
Ausführlicher als jeder andere Zeuge vor ihm bestätigt M, dass es in der FDLR Kindersoldaten gab – bisherige FDLR-Veteranen hatten die Rolle der sogenannten Kadogos meist beschönigt.
In der schwersten Kriegszeit zwischen 1998 und 2000, als die damals noch ALIR (Ruandische Befreiungsarmee) genannte Vorgängerorganisation der FDLR im Ostkongo direkt gegen Ruandas Armee kämpfte, wurden Kinder von der Militärführung „ohne Rücksicht auf das Alter rekrutiert, weil sie Soldaten brauchten“. Weiter: „Derjenige, der stark ist, wurde rekrutiert, das Alter wurde nicht berücksichtigt“.
Rekrutierungen von Kindersoldaten durch die FDLR gab es laut M auch wieder 2009, während der gemeinamen kongolesisch-ruandischen Militäroperation „Umoja Wetu“ gegen die Miliz im Ostkongo, die die FDLR empfindlich schwächte: „Junge Leute über und unter 14 Jahren wurden rekrutiert, um auszugleichen, dass Soldaten im Kampf starben“, sagt der Zeuge.
„Diese Rekrutierungen gab es in allen Einheiten des Hauptquartiers“. Vor Umoja Wetu habe die FDLR die Untergrenze von 18 Jahren für die Rekrutierung eingehalten, „aber nach Umoja Wetu wurden auch die unter 18 Jahren rekrutiert“.
Die Kindersoldaten wurden militärisch ausgebildet, sagt M. „Ein Kadogo ist ein guter Schütze, er hat schießen gelernt, er kann nicht beim Militär bleiben, ohne schießen zu lernen“, führt er aus.
Normalerweise aber tragen die Kinder nur die Waffen ihrer erwachsenen Vorgesetzten, oder blieben zurück, um Lebensmittel zu besorgen.
M fertigt eine detaillierter Zeichnung des Hauptquartiers des militärischen FDLR-Flügels FOCA in Kalongi an. Daraus und aus seinen nachfolgenden Erklärungen geht genau hervor, welche Einheit wo stand und wer was zu tun hatte.
M war schließlich lange genug selber dort stationiert. Er weiß, wie wichtig bis 2009 die wirtschaftlichen Aktivitäten der FDLR waren: „Wir haben Handel betrieben und die anderen haben uns beschützt, als wir unsere Waren transportierten“, erinnert er sich an seinen Dienst in der entsprechenden Kompanie.
„Die Kongolesen hatten Goldgruben, man hat den Leuten dort Soldaten zur Verfügung gestellt, um für die Sicherheit der Arbeiter in der Grube zu sorgen, die haben dafür bezahlt.“
M weiß auch vom üppigen Bierkonsum des FDLR-Militärchefs General Sylvestre Mudacumura, und er weiß vor allem von den Beziehungen zwischen Mudacumura und Murwanashyaka – wie die meisten anderen Zeugen aus dem Feld kann er mit Musoni kaum etwas anfangen.
„War Murwanashyaka der oberste Führer der FDLR?“ fragt das Gericht. „Ja, so sehe ich das“, antwortet M. „Wir haben Murwanashyaka als Präsident der Republik betrachtet.“
Er erinnert sich an Murwanashyakas mittlerweile mehrfach geschilderten Besuch bei den FDLR-Truppen im Kongo 2006: „Murwanashyaka war mein Führer... er sagte uns: ,Kämpft weiter, damit wir erhobenen Hauptes zurück nach Ruanda können.'“
Oft habe General Mudacumura in Kalongi „dreimal täglich“ mit Murwanashyaka in Mannheim kommuniziert – per Telefon, dass er sich bringen ließ, aber man musste bei den Gesprächen weggehen.
Mudacumura „sagte uns, dass, alles aus Deutschland kommt“, erklärt M, was der General danach zu erzählen pflegte: „Alles, was Mudacumura uns vorlas, er sagte, dass der höchste Vorgesetzte es geschickt hat... Er hat damit Murwanashyaka gemeint, er hat seinen Namen genannt: das hier kommt von Ignace Murwanashyaka, ihr sollt das und das machen".
M bestätigt als erster Zeuge auch einen Befehl der FDLR-Führung, die kongolesische Zivilbevölkerung als Feind zu betrachten.
Er erinnert sich an das entsprechende „Telegramm“ von General Mudacumura und gibt den Inhalt teilweise wieder: „Die Kongolesen, die uns verlassen haben und die mit FARDC (Kongos Regierungsarmee) zusammenarbeiten, werden dafür Konsequenzen sehen“; „man soll mit dem Handel aufhören, alle Aufgaben von Soldaten, die nicht Kampf sind, sollen aufgegeben werden“; „wir sollen unsere Sachen zurücklassen, damit wir nicht sterben“.
„Jeder Kämpfer der FOCA hat das Telegramm bekommen“, berichtet M, ohne den genauen Zeitpunkt zu nennen – er wird danach auch nicht gefragt.
„Es war ein Blatt und man las es uns vor. Der, der schreiben konnte, schrieb es auf, die anderen lernten es auswendig. Ich habe das Telegramm im Kopf behalten“.
Die FDLR, so bestätigt M weiter, verteilte in dieser kritischen Zeit auch Handzettel an die kongolesische Bevölkerung, in der lingua franca Swahili gehalten: „Ihr Kongolesen, wir haben eure Töchter geheiratet, ihr habt unsere Töchter geheiratet. Wir haben zusammengelebt. Passt auf, macht nicht den Fehler, unsere gute Zusammenarbeit zu zerstören. Wenn der Feind kommt, sollt ihr nicht zeigen, wo eure Schwager und Töchter sind, damit sie nicht getötet werden. Wenn ihr das macht, wisst ihr, dass ihr Konsequenzen haben werdet, auch eure Leute. Denn dort, wo zwei Elefanten kämpfen, leidet das Gras. Fallt nicht in diese Falle.“
Anders als der vorherige Zeuge bestätigt M nicht, dass die FDLR noch 2008 Uniformen von Kongos Armee erhielt. Er bestätigt vielmehr andere Aussagen, wonach FDLR-Kämpfer oftmals nur teilweise oder gar nicht uniformiert waren.
Er berichtet aber auch von der zivilen FDLR-Einheit „Résistance Civile“, die sowohl Gewehre als auch Macheten besitzt und die Militäreinheiten notfalls verstärkt. Diese Einheit wird für einige der brutalsten Verbrechen während des Massakers von Busurungi in der Nacht des 9. Mai 2009 verantwortlich gemacht.
In diesem Punkt sind die Aussagen von M so sensibel, dass der letzte Vernehmungstag sowie ein Teil des vorletzten unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet – wegen der Gefährdung für Leib und Leben eines Vergewaltigungsopfers aus Busurungi, wie der 5. Strafsenat den von der Bundesanwaltschaft gleich zu Beginn seiner Vernehmung beantragten Ausschluss begründet.
Dass dies überhaupt thematisiert wird und dann einen breiten Raum in der Befragung einnimmt, ist an sich bereits eine Wiederlegung der erneut vorgetragenen These der Verteidigung, in Busurungi hätten sich gar keine Zivilisten befunden.
Redaktion: Dominic Johnson
Heute ist Deutscher Entwicklungstag. FDP-Minister Dirk Niebel hat den ins Leben gerufen. Und sich so selbst eine Wahlkampfbühne bereitet. von Hanna Gersmann

Die taz zieht eine Zwischenbilanz des laufenden Stuttgarter Kriegsverbrecherprozesses gegen die beiden FDLR-Milizenführer in Stuttgart und ordnet das Prozessgeschehen ein. Eine Prozessreportage aus Stuttgart; eine Analyse der Arbeit der Bundesanwaltschaft weltweit; ein Hintergrund zu Kriegsverbrecherermittlungen im Kongo und ein Interview mit Amnesty International-Expertin Leonie von Braun.
Die ruandische Miliz FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas) ist eine der brutalsten Kriegsparteien im Afrika der Großen Seen. Hervorgegangen aus der ehemaligen ruandischen Armee und den Hutu-Milizen, die 1994 in Ruanda den Völkermord an 800.000 Tutsi verübten, hat sie sich in der benachbarten Demokratischen Republik Kongo niedergelassen, mit einer eigenen Armee und Regierung, die im Osten des Landes weite Landstriche unsicher macht und von der Rückkehr an die Macht in Ruanda träumt.
FDLR-Präsident Ignace Murwanashyaka und sein Stellvertreter Straton Musoni leben in Deutschland und führen die Organisation von hier aus. Damit sind sie auch für die Verbrechen verantwortlich zu machen, die die FDLR im Kongo begeht - unter anderem unvorstellbar brutale Vergewaltigungen an Kongolesinnen.
Am 4. Mai 2011 beginnt vor dem Oberlandesgericht Stuttgart der Kriegsverbrecherprozess gegen Murwanashyaka und Musoni. Die beiden wurden im November 2009 in Baden-Württemberg festgenommen. Der Prozess ist ein Pilotverfahren: er ist der erste in Deutschland überhaupt, der unter dem Völkerstrafgesetzbuch geführt wird - das Gesetzeswerk, das das Statut des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) in Den Haag in deutsches Recht überführt. Es geht um die Vorgesetztenverantwortlichkeit der beiden FDLR-Führer für das, was ihre Truppe im Kongo tut.
Die taz wies als erste Zeitung in Deutschland bereits im April 2008 prominent auf den Skandal hin, dass Kriegsverbrechen im Kongo von Deutschland aus gesteuert werden und die deutschen Behörden dies duldeten. Seitdem haben weitere taz-Recherchen die Vernetzungen der FDLR nach Deutschland und anderswo ausgeleuchtet und die Zusammenhänge in der Region der Großen Seen Afrikas analysiert.
Der Stuttgarter Prozess bietet den Anlass, diese Thematik mit Reportagen und Analysen weiter zu beleuchten.
******
Alle Videos über die FDLR im Kongo gibt hier in der Übersicht.
******
Parallel zur taz beobachtet auch Amnesty International den Prozess. Die Prozessberichte von Amnesty International finden Sie hier.
******
Derzeit läuft auch in Frankfurt/Main vor dem Oberlandesgericht ein Prozess gegen den ruandischen Exbürgermeister Onesphore Rwabukombe, der 1994 die Ermordung von mehr als 3.700 Tutsi in Ruanda befohlen haben soll. Alle Artikel finden Sie dazu im taz-Schwerpunkt "Ruanda-Völkermordprozess"
******
Ältere Texte zum Thema:
29.12.09 - Rebellen im Kongo: Die Kampfmoral ist zerstört
25.11.09 - UN-Bericht über ruandische Geschäfte:Terrormiliz wäscht Geld in Deutschland
25.11.09 - Die Hutu-Miliz und ihre Helfer: Netzwerk des Todes
25.11.09 - Von Deutschland aus koordiniert: Waffen- und Munitionstransfer
19.11.09 - Nach Verhaftungen in Deutschland: Hutu-Milizen kopflos, nicht kraftlos
17.11.09 - Terror von Deutschland aus: BKA nimmt Hutu-Milizführer fest
09.10.09 - Terror im Ostkongo: Die Befehle kommen aus Deutschland
03.09.09 - Internetpräsenz der Hutu-Miliz:Terrorseite zieht aus Deutschland weg
30.08.09 - Auf Anfrage der taz: Webseite der Hutu-Miliz abgeschaltet
15.05.09 - Terror gegen Zivilisten: Kongos schmutziger Krieg
02.03.09 - Ruandische Milizen im Kongo: Kongos müde Krieger
11.07.08 - Gesuchter Völkermordverdächtiger in U-Haft: Deutsche Hilfe für Kongos Frieden
10.05.08 - Verfahren in Deutschland: Ermittlungen gegen Hutu-Milizenchef
23.04.08 - Bundesregierung duldet Terrorchef:Ruandas Miliz-Führer in Deutschland
23.11.07 - Grausame Kriegsverbrechen im Kongo:Sexueller Terrorismus
Der heißeste Ort der Welt, ein Tiger macht Kopfstand und Bäume in Käfigen. Unsere Bilder der Woche.

Bond-Schurkin, Stil-Ikone, Musikerin: Das Gesamtkunstwerk Grace Jones hat Geburtstag.

David Beckham beendet seine Fußballer-Karriere. Wird er jetzt etwa Vollzeitpapa, Model oder Frührentner? Ach, uns fallen da noch ein paar andere Sachen ein...

Ein echt fieser Augapfel, ein Harley-Davidson-Skelett, Buddha hat Geburtstag und jede Menge Quallen. Unsere Bilder der Woche.


Für alle, die mitreden wollen
Der lange Abschied vom Wachstum, Kriminalität ohne Grenzen, der Kampf um die richtige Landwirtschaft, Sozialpolitik gegen den sozialen Fortschritt, die überfällige Reform der UN: Der neue Atlas der Globalisierung von Le Monde diplomatique veranschaulicht auf 176 Seiten und in über 150 neuen Karten und Infografiken in welchem Tempo die Globalisierung voranschreitet und die Welt verändert.