Warum verlassen FDLR-Kämpfer die ruandische Miliz im Kongo und gehen nach Ruanda zurück? Die FDLR-Führung sagt: Das ist eine „Krankheit“ und das Mobiltelefon ist schuld.von Dominic Johnson

Eine ruandesische Mutter heißt ihren Sohn willkommen, der nach 15 Jahren Rebellenkampf im Kongo nicht mehr mochte. Bild: ap
STUTTGART taz | Für eines haben Ignace Murwanashyaka und Straton Musoni, die beiden in Stuttgart wegen Kriegsverbrechen angeklagten Führer der ruandischen Miliz FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas), überhaupt kein Verständnis: dass FDLR-Kämpfer freiwillig nach Jahren des Krieges den kongolesischen Busch verlassen und zurück nach Ruanda gehen. Tausende haben dies in den vergangenen Jahren gemacht, aber für die beiden FDLR-Führer ist das eine „Krankheit“.
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Dieses Thema nimmt breiten Raum in abgehörten Telefongesprächen des FDLR-Vizepräsidenten Musoni ein, die seit dem 23. April im Oberlandesgericht Stuttgart vorgespielt und übersetzt werden. Musoni spricht darüber mit Murwanashyaka und auch mit anderen Gesprächspartnern. Ein ruandischer Exilant in Deutschland, der in dieser Zeit mehrmals und ausführlich mit Musoni telefoniert, erzählt am 10. Mai 2009, was sein jüngerer Bruder dazu sagt, der noch im kongolesischen Wald kämpft.
„Er sagt: Was uns beunruhigt, ist, dass viele Leute, die lange dort lebten, freiwillig nach Hause gegangen sind ohne dass jemand sie rekrutiert hat. Ich fragte: Warum? Er sagte: Der Grund ist, dass die Telefone schlecht sind. In Ruanda hat jeder ein Telefon, so dass alle Leute dort jemanden haben, der ein Telefon hat, und sie kommunizieren. Jemand der in Ruanda lebt, der sagt, Ruanda ist wie ein Paradies, und dann fangen einige Leute an, zurück nach Hause zu gehen. Und wenn man nach Hause zurückkehrt, lebt man dort wie ein Hund“.
Musoni stimmt zu: „Sie täuschen sich. Nur wer eine Beziehung mit der Regierung hat, kann gut leben, alle anderen leben wie Hunde.“ Der Exilant fährt fort mit der Schilderung seines Bruders aus dem Busch: „Er hat auch gesagt: Die, die nach Hause zurückgehen, haben auf den Feldern gearbeitet und Vieh gezüchtet, sie haben gut gelebt und sind übergewichtig geworden, sie waren so übergewichtig dass sie nicht mehr die militärische Arbeit machen können“.
Alles war besser, als die Leute noch keine Mobiltelefone hatten, sind sich die beiden einig. „Damals gab es keine Probleme, die Leute haben gut gelebt“, meint Musoni und ärgert sich: „Wir wollten eigentlich diese Telefone verbieten. Wir haben festgestellt, dass es nicht möglich ist. Über die Frage haben wir vor zwei Jahren diskutiert.
Wer Telefone hat, geht dorthin, wo es ein Netz gibt, also in die Städte, sie telefonieren den ganzen Tag, sie bitten um Geld, und wenn sie das Geld bekommen, versuchen sie, Tickets zu kaufen, und man hört, dass sie schon in Kenia, Sambia und so weiter angekommen sind. Aber wenn wir mit ihnen sprechen, sagen sie: Gott sei Dank dass wir noch entschlossene Leute haben, die gibt es genug, so dass die, die nach Ruanda zurückkehren, die sind, die nicht mit dem Krieg zurechtkommen und nicht weiterkämpfen können.“
Musoni und sein Gesprächspartner sind davon überzeugt, dass Rückkehrer mit falschen Versprechen nach Ruanda gelockt werden. Der FDLR-Vizepräsident nennt den Fall des desertierten FDLR-Sprechers Ngarambe: Er kehrte nach Ruanda zurück, und „als er ankam, hat man ihm vieles versprochen“, so Musoni. Aber dann habe man ihm vorgeworfen, an der Ermordung zehn belgischer UN-Soldaten zu Beginn des Völkermordes in Ruanda 1994 beteiligt gewesen zu sein: „Jetzt hat er Probleme nicht nur in Ruanda, sondern auch international. Wenn die Belgier ihn erwischen würden, würde er festgehalten und mindestens zehn Jahre im Gefängnis verbringen“.
Ein anderer Rückkehrer sei zu lebenslanger Haft verurteilt worden. „Wenn man ankommt und sie haben eine kleine Sache, die sie dir vorwerfen können, lassen sie dich nicht in Ruhe und dann wird man angeklagt“, weiß Musoni.
Die Rückkehr prominenter FDLR-Mitglieder nach Ruanda sei eine „Krankheit“, bestätigen sich auch Musoni und Murwanashyaka gegenseitig in einem Gespräch am 14. Juni 2009 – mitten in der Zeit, als sich die FDLR mit heftigen Angriffen auf kongolesische Dörfer gegen kongolesische Armeeoffensiven erwehrte. „Jeder denkt, er hat einen eigenen Charakter und ist stärker als die, die es vor ihm taten“, meint Musoni. „Sie glauben, sie werden mit Applaus empfangen.“ Das sei „Selbstüberschätzung“.
„Kabila gibt ihnen Geld dafür“, weiß Murwanashyaka: Kongos Präsident ermutige die FDLR-Kämpfer, zu desertieren. „Kabila sagt ihnen: macht das und das.“ Musoni sekundiert: „Das Problem ist: Die, die belogen werden, denken nicht gründlich darüber nach.“ Er meint weiter: „Man muss den Leuten die Gefahr erklären. Man kann sie überzeugen, wenn man sie immer wieder anruft.“
„Das ist eine gute Idee“, sagt Murwanashyaka dazu. „Man muss sie immer wieder daran erinnern, dass sie in eine Falle des Feindes geraten werden, wenn sie nicht aufpassen.“ Er werde dazu eine Botschaft an die Truppe verfassen.
Wie immer bei der Verlesung von abgehörten Telefonaten gibt es auch an diesen beiden Verhandlungstagen des 23. und 30. April ständig Streit um Übersetzungsdetails: Mal verstehen die beiden Angeklagten das ruandische Original anders als der Gerichtsdolmetscher, mal weicht dessen mündliche Übersetzung von der bereits vorliegenden Verschriftlichung in den Akten ab.
So sagt einer der Gesprächspartner Musonis, dass 2009, als Kongos Regierung sich gegen die FDLR stellte, „unanständige Personen“ die FDLR verraten hätten – jedenfalls ist das die Wortwahl des Dolmetschers. Der Vorsitzende Richter Hettich unterbricht und fragt nach: „In der Verschriftlichung steht: Kongolesische Schweine-Hutu, wie Hunde-Hutu“.
Der Dolmetscher bestätigt, dass das Wort „Hund“ fiel und „Hunde-Hutu“ die wörtliche Übersetzung sei. Ab diesem Zeitpunkt beginnen die Richter immer zu grinsen, wenn weiter von Hunden die Rede ist.
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Die taz zieht eine Zwischenbilanz des laufenden Stuttgarter Kriegsverbrecherprozesses gegen die beiden FDLR-Milizenführer in Stuttgart und ordnet das Prozessgeschehen ein. Eine Prozessreportage aus Stuttgart; eine Analyse der Arbeit der Bundesanwaltschaft weltweit; ein Hintergrund zu Kriegsverbrecherermittlungen im Kongo und ein Interview mit Amnesty International-Expertin Leonie von Braun.
Die ruandische Miliz FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas) ist eine der brutalsten Kriegsparteien im Afrika der Großen Seen. Hervorgegangen aus der ehemaligen ruandischen Armee und den Hutu-Milizen, die 1994 in Ruanda den Völkermord an 800.000 Tutsi verübten, hat sie sich in der benachbarten Demokratischen Republik Kongo niedergelassen, mit einer eigenen Armee und Regierung, die im Osten des Landes weite Landstriche unsicher macht und von der Rückkehr an die Macht in Ruanda träumt.
FDLR-Präsident Ignace Murwanashyaka und sein Stellvertreter Straton Musoni leben in Deutschland und führen die Organisation von hier aus. Damit sind sie auch für die Verbrechen verantwortlich zu machen, die die FDLR im Kongo begeht - unter anderem unvorstellbar brutale Vergewaltigungen an Kongolesinnen.
Am 4. Mai 2011 beginnt vor dem Oberlandesgericht Stuttgart der Kriegsverbrecherprozess gegen Murwanashyaka und Musoni. Die beiden wurden im November 2009 in Baden-Württemberg festgenommen. Der Prozess ist ein Pilotverfahren: er ist der erste in Deutschland überhaupt, der unter dem Völkerstrafgesetzbuch geführt wird - das Gesetzeswerk, das das Statut des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) in Den Haag in deutsches Recht überführt. Es geht um die Vorgesetztenverantwortlichkeit der beiden FDLR-Führer für das, was ihre Truppe im Kongo tut.
Die taz wies als erste Zeitung in Deutschland bereits im April 2008 prominent auf den Skandal hin, dass Kriegsverbrechen im Kongo von Deutschland aus gesteuert werden und die deutschen Behörden dies duldeten. Seitdem haben weitere taz-Recherchen die Vernetzungen der FDLR nach Deutschland und anderswo ausgeleuchtet und die Zusammenhänge in der Region der Großen Seen Afrikas analysiert.
Der Stuttgarter Prozess bietet den Anlass, diese Thematik mit Reportagen und Analysen weiter zu beleuchten.
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Alle Videos über die FDLR im Kongo gibt hier in der Übersicht.
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Parallel zur taz beobachtet auch Amnesty International den Prozess. Die Prozessberichte von Amnesty International finden Sie hier.
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Derzeit läuft auch in Frankfurt/Main vor dem Oberlandesgericht ein Prozess gegen den ruandischen Exbürgermeister Onesphore Rwabukombe, der 1994 die Ermordung von mehr als 3.700 Tutsi in Ruanda befohlen haben soll. Alle Artikel finden Sie dazu im taz-Schwerpunkt "Ruanda-Völkermordprozess"
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