Erica-Jane de Hohenstein
Blumen werden ins Meer geworfen, Opferteller unter Bäume und Büsche gestellt, das rote Palmöl an Kreuzungen vergossen. Man sieht und fühlt sie überall in Salvador da Bahia. Die Macht der afrobrasilianischen Götter. Einst kamen sie mit den Sklavenschiffen von der Westküste Afrikas und wurden mit katholischen Heiligen und christlichen Glaubensvorstellungen verwoben. Einige dieser afrikanischen Gottheiten gerieten in Vergessenheit, andere veränderten sich und aus mehreren wurde eine Gottheit. 20 orixás werden heute in ca. 3000 Kultstätten verehrt, gefeiert, fahren in der Trance in den Gläubigen ein. Die orixás verkörpern die Naturelemente Luft, Wasser, Erde, Feuer, Wind und Eisen. In der Trance werden Menschen zu Göttern und Götter zu Menschen.
Nicht nur Afrobrasilianer glauben an die Macht der Götter sondern auch die weisse Oberschicht. Politiker, Künstler, Intellektuelle befragen die Götter bevor sie eine wichtige Entscheidung treffen, sie opfern ihnen, fürchten sie sogar. Wer sind diese orixás?
Oxalá - ist das Oberhaupt des Pantheons, er wird der Vater aller orixás genannt. Er ist die höchste Autorität, sein Wille ist unwiderruflich, sein Wort endgültig. Er ist der Gott der Schöpfung und herrscht über die Luft aus der einst das Universum entstand. Er ist der Herr des Friedens und er trägt stets weisse Kleidung. Viele Bahianos tragen am Freitag ihm zu Ehren weisse Kleidung, denn es ist sein Tag, an dem auch keine Rituale ausgeführt und kein Orakel geworfen werden dürfen.
Oxalá manifestiert sich entweder als der stolze junge Oxaguiã, der Herrn über die heiligen Pflanzen, oder als der vom Alter gebeugte Oxalufã, dem Herrn der Weisheit und Ordnung. Oxalá trägt einen weissen Stab an dessen Spitze eine Taube sitzt. Seine Speisen dürfen weder mit Salz noch mit dem Palmöl angerichtet werden.
Am zweiten Donnerstag im Januar wird ihm zu Ehren das grösste Fest von Salvador abgehalten: Lavagem do Nosso Senhor do Bonfim. Die Stufen der Bonfim Kirche werden von Candomblé Frauen gereinigt und die Gläubigen laufen, begleitet von lauter Musik und Gesang, auch eisgekühltem Bier, ca. 10 km vom Mercado Modelo bis zur Bonfim Kirche. Im Synkretismus wird Oxalá mit Jesus gleichgesetzt.
Yemanjá - ist die Herrscherin der Meere und die Mutter aller orixás. Sie beschützte einst die Sklaven auf ihrer leidvollen Überfahrt von Afrika in die Neue Welt und heute ist sie der populärste orixá in Bahia. In fast jeder Bar, in jedem Geschäft und Haushalt hängt ihr Bild als verführerische Nixe mit langen schwarzen Haaren und blauem wallendem Gewand, die mit weit ausgebreiteten Armen aus dem Meer steigt. Sie kann grausam und zugleich sanft sein und die Gläubigen werfen Kämme, Spiegel, Parfüm und Blumen ins Meer, um sie günstig zu stimmen. Denn Yemanjá ist eitel und herrschsüchtig. Ihr Tag ist der Samstag, ihre Speisen in Honig gekochter Mais oder Reis. Sie trägt oft eine Königskrone, deren Glasperlenschmuck ihr Gesicht bedeckt.
Am 2. Februar wird in Rio Vermelho ihr zu Ehren ein grosses Strassenfest abgehalten. Zahlose Fischerboote, aber auch Luxusyachten fahren, mit den reichhaltigen Geschenken der Gläubigen beladen, aufs offene Meer und opfern ihr, derweil auf dem Fest bis zum Morgengrauen getrunken, gegessen und geflirtet wird. Im Synkretismus wird Yemanjá mit der Nossa Senhora da Conceição (unbefleckte Empfängnis) gleichgesetzt.
Ogun - ist der Kriegsgott des Pantheons und Herr des Eisens. Er ist der Schmied der Götter und mancherorts auch der Kulturbringer. Er ist ein mutiger Krieger, der keine Gefahren fürchtet und ihm wird eine grosse Virilität nachgesagt. Er ist ein Sohn Yemanjás.
Im Candomblé behauptet man, dass Ogun mit seinem Messer „die Wege öffnet“, d.h. für sich und andere die Hindernisse im Leben beiseite schafft. Bei den Besessenheitsfesten erscheint er als erster, um den anderen orixás den Weg zu ebnen. Er ist ein geborener Führer, strebsam und ehrgeizig, doch auch cholerisch und einsam. Techniker, Militärs, LKW-Fahrer verehren ihn zutiefst. Für Unfälle mit Autos, Flugzeugen oder Zügen wird Ogun verantwortlich gemacht. Er ist ein leidenschaftlicher Trinker von Zuckerrohrschnaps.
Dunkelblau ist seine Farbe, sein Tag der Dienstag und seine Speisen Bohnen und Yamwurzeln. Auf dem Kopf trägt er einen weissmetallischen Helm, der mit bunten Straussenfedern geschmückt ist. Zwei Eisenketten überkreuzen seine Brust und seinen Rücken und in den Händen hält er ein weissmetallisches Schwert. Im Synkretismus wird er mit dem Heiligen Antonius gleichgesetzt.
Yansã - ist die Göttin der Winde und Blitze. Sie ist eine Tochter von Oxalá und Yemanjá. Sie ist unberechenbar, wild und leidenschaftlich. In den Mythen war sie einst eine Büffelkuh und lebte in der Wildnis, wo sie von Zeit zu Zeit sich in eine wunderschöne Frau verwandelte, ein Halb-Tier und Halb-Weib. Oxossi, der Jäger stahl ihr das Büffelfell und sie war verdammt in der Zivilisation zu leben. Sie ist der einzige orixá, der die Eguns, die Seelen der Toten nicht fürchtet.
Ihr Tag ist der Mittwoch, ihre Farbe Kupferrot und ihre Speisen sind das „acará“, ein Bällchen aus Bohnen und Mandiokmehl, und Ziegenfleisch. Yansã trägt auf dem Kopf einen Diadem und in ihrer Hand ein Schwert, das ihren Kampfgeist symbolisiert. Weder Heirat noch Mutterschaft hindert sie daran, das zu tun, was ihr gefällt. Die Frauen von Salvador lieben Yansã wegen ihres Mutes und Duchsetzungsvermögens und flehen sie oft an, sie bei ihrer Arbeit oder waghalsigen Taten zu unterstützen.
Am 4. Dezember findet in der historischen Altstadt Pelourinho eine grosse Prozession statt, die bei der Sklavenkirche Rosário dos Pretos beginnt und bei der Feuerwehr, deren Schutzpatronin sie ist, endet. Dort wird der Umzug von den Feurwehrmännern mit Salven und Wasserstrahlen begrüsst. Im Synkretismus wird Yansã mit St. Barbara gleichgesetzt.
Oxum - ist die liebliche Göttin der Süsswasser, der Flüsse und Wasserfälle. Sie wird als Göttin der Liebe und Schönheit verehrt, aber auch als Göttin der Fruchtbarkeit. Sie ist die geliebteste Tochter von Oxalá und Yemanjá.
Mit ihrer verführerischen Weiblichkeit besticht und bezwingt sie den Mann mit seinen eigenen Waffen, munkelt man im Candomblé. Frauen, die sich Kinder wünschen, bitten sie um eine glückliche Schwangerschaft. Oxum herrschte einst über die Hexen und besass deren tiefe Geheimnisse.
„Ganz Salvador gehört Oxum“, heisst es in einem populären Lied, welches die Schönheit und Sinnlichkeit der Stadt am Meer besingt. Oxums Tag ist der Samstag und ihre Farben Gold und Gelb. Sie trägt einen goldfarbenen Fächer und ihre Speisen sind Honig, Reis und Mais.
Am 8. Dezember wird ihr zu Ehren eine Messe in der Kirche Conceição da Praia in der „cidade baixa“, Unterstadt, abgehalten, die in einer Prozession mündet. Im Synkretismus ist Oxum die Nossa Senhora de Candeias.
Xangô - ist der Herrscher über den Donner und das Feuer. Er ist ein Sohn Yemanjás. Xangô ist stolz, ungestüm und duldet keine Widerworte. Er liebt die Frauen und die köstlichen Speisen, ein genusssüchtiger Bonvivant. Er besass drei Frauen: Oxum, Yansã und Obá. Einst war er ein König in Afrika und gründete die mystische Stadt Oyó. Xangô fürchtet sich zutiefst vor den Totengeistern und nur durch die tatkräftige Hilfe von Yansã wurde er zu einem orixá.
Die grossen Candomblé Kultstätten von Salvador wurden im 19. Jahrhundert von Xangô Priestern gegründet. Im Nordosten Brasiliens hat sich der Xangô Kult verselbstständigt und bildet eine eigene Religionsgemeinschaft, die seinen Namen trägt.
Am 24. Juni wird das Fest São João insbesondere im Nordosten Brasiliens mit grossem Feuer und lauten Feuerwerken gefeiert. Auf diesen sehr beliebten Volksfesten vermischt sich die Figur des katholischen São João, Sankt Johannes, mit der des orixás Xangô.
Sein Tag ist der Mittwoch, seine Speisen werden mit Palmöl angerichtet und seine Farben Feuerrot und Weiss. Im Synkretismus ist Xangô St. Hieronymus.
Oxossi - ist der Jäger, der Herr der Wälder. Er ist ein Sohn von Oxalá und Yemanjá. In Afrika war er der Herr über Ketou. Oxossi ist ein mutiger und kluger Jäger, der sein Ziel nie verfehlt. Die Künstler und Intellektuellen lieben Oxossi wegen seiner Eleganz und Intelligenz. Der weltbekannte Schriftsteller Jorge Amado war ein „Sohn von Oxossi“.
Als Herrscher über den Wald hat er eine besondere Beziehung zu den Pflanzen. Die heiligen Blätter im Candomblé sind ihm geweiht. Sie haben eine geheime, rituelle und heilende Funktion, insbesondere bei den Initiationsriten.
Die Farben von Oxossi sind Türkis oder Hellblau, auf dem Kopf trägt er einen eleganten Lederhut mit blau-weissen Straussenfedern. Pfeil und Bogen sind seine Symbole und am Gürtel baumeln zwei Stierhörner. Sein Tag ist der Donnerstag und seine Speise Reis mit Krabben. Im Synkretismus wird er mit Sankt Georg auf seinem Pferd sitzend assoziiert.
Omolu – ist der orixá der Krankheit aber auch der Heilung, deshalb wird er geliebt doch insbesondere gefürchtet. Als Kind wurde er von seiner Mutter Nanã Buruku wegen seiner Hässlichkeit verstossen und von Yemanjá erzogen. Omolu ist eine Erdgottheit, er herrscht über die trockene, heisse, harte Erde.
Omolu vertreibt mit seinem „sárárá“, einem Zepter aus Stroh die Krankheiten und auch das Böse. In der Trance verbergen die Gläubigen das Gesicht mit von der Stirn hängenden Strohfäden und den Körper mit einem Umhang aus Stroh. Denn Omolu zu erblicken birgt grosse Gefahr.
Seine Liebe zu den Frauen ist zum Scheitern verurteilt, denn er besitzt weder Charme noch Eloquenz. Er verliebte sich in die schöne Oxum, die ihn verliess, hatte eine Affäre mit Yansã, die jedoch Xangô liebte und war mit Obá verheiratet, die Xangô ihm raubte. So streift er ungeliebt und einsam durch die Strassen von Salvador.
Jeden Montag werfen Bahianas vor der Kirche São Lázaro im Stadtteil Federação Popcorns auf die Gläubigen, um sie vor Krankheiten zu schützen. Popcorn ist das Symbol von Omolu, da es den Pocken ähnelt. Montag ist ihm geweiht, damit die Woche ohne Krankheit verläuft, Dunkelrot, Schwarz und Braun seine Farben und Mais und Krebs seine Speisen. Im Synkretismus wird er dem Heiligen Lazarus gleichgesetzt.
Nanã Buruku – ist die Göttin des Sumpfes, des Schlammes und des Lehms aus dem der erste Mensch geformt wurde. Nanã ist eine Gottheit der Schöpfung, aber auch des Todes. Denn Leben und Tod symbolisieren einen ewigen Zyklus.
Nanã ist die älteste Ehefrau von Oxalá. Wegen ihres hohen Alters wird sie auch Grossmutter genannt. Sie ist eine vor ihrer Zeit gealterte Frau, doch besitzt sie grosse Weisheit und vertritt eine hohe Moral. Nanã toleriert weder Untreue noch Verrat. Sie wird mehr geachtet als geliebt, denn sie ist sehr verschlossen und introvertiert.
Der Dienstag ist ihr geweiht, ihre Speisen sind weisser Mais, Yam und Reis, ihre Farben Lila und Weiss. Ihr Tier ist die Kröte. Im Synkretismus wird sie mit der Heiligen Ana gleichgesetzt.
Oxumaré – ist der orixá des Regenbogens. Er ist der jüngste und geliebteste Sohn von Nanã. Er ist ein aristokratischer, selbstbewusster und schöner orixá, der die Künste und den Schmuck liebt. Seine Feinde fürchten seinen feinen Spott und maliziöse Zunge.
Oxumaré symbolisiert die Schlange, die sich bei der Schöpfung um die Erde wand, um die verschiedenen Naturelemente zu vereinigen und der Welt seine Form zu geben. Oxumaré ist die grosse Schlange, die sich in den Schwanz beissend den ewigen Zyklus des Lebens garantiert.
Oxumaré ist sechs Monate im Jahr weiblich und sechs Monate männlich, das Blaue des Regenbogens ist männlich, das Rote weiblich. Seine Kleider werden in den prachtvollen Farben des Regenbogens angefertigt und mit kleinen Schlangen bestickt.
Sein Tag ist der Dienstag, seine Speisen Bohnen mit Reis und Früchte, er trägt nur Pastellfarben. Im Synkretismus wird er mit dem Heiligen Bartolomäus gleichgesetzt.
Exú – ist der Götterbote, der ewige Reisende zwischen den Menschen und den orixás, zwischen den Lebenden und den Toten und den verschiedenen Welten. Exú trägt die heilige Kraft „axé“ zu den Menschen und den diversen Teilen des Universums. Exú ist das Prizip der Dynamik, der Kommunikation und der Sexualität per se. So wird er mit einem grossen Phallus und mit einem Dreispitz oder sieben Schwertern dargestellt. Sein Naturelement ist das Feuer.
Jede Zeremonie und jedes Fest im Candomblé beginnt mit einer Zeremonie für ihn, denn nur er kann die Wege zwischen den Welten öffnen und dafür sorgen, dass alles in Harmonie verläuft. Erweist man Exú nicht die gebührende Ehre, ist er zutiefst beleidigt und stürzt alles in Chaos. Aus diesem Grund opfert man ihm an den Kreuzungen Zuckerrohrschnaps und dicke Zigarren, die er begehrt. Exú ist ein orixá der Strassen, der Nächte, der Unordnung und so wird er nur im Freien verehrt. Exú liebt das wilde Leben und die Erotik. Man sagt, dass er 2001 Nachkommen sein Eigen nennt.
Exú ist ein pfiffiger orixá, der oft den Armen und Rechtlosen hilft, doch verlangt er für seine Dienste eine Entschädigung. Deswegen sagen die Gläubigen, dass Exú ein gerissener Opportunist sei. Seine widersprüchliche Gestalt und seine unbändige Lebenslust machen ihn zu dem menschlichsten von den Göttern.
Exú wird oft mit dem Teufel gleichgesetzt, was jedoch seiner komplexen Figur nicht entspricht. Denn im Gegensatz zum christlichen Teufel bewirkt Exú auch das Gute und kennt weder Schuld noch Sünde.
Sein Tag ist der Montag, damit die Woche gut beginnt, seine Farben Rot und Schwarz, seine Speisen sollen stets mit dem heissen roten Palmöl angerichtet werden.