Zu Besuch bei Frau Schmidt. VON GABRIELE GOETTLE
Mona Schmidt Foto: elisabeth kmölninger
Mona Schmidt, Kauffrau f. Groß- und Einzelhandel, Eigentümerin des "Zauberkönig", Fachgeschäft f. Zauberzubehör u. Scherzartikel in Berlin-Neukölln. Einschulung 1965 in d. Evangelischen Schule Neukölln, 1975 Realschulabschluss. Ausbildung z. Kauffrau f. Groß- und Einzelhandel, mehrjährige Tätigkeit in diesem Beruf. 1978 übernahm ihr Vater Günter Klepke, Mitglied des Magischen Zirkels, den "Zauberkönig". Mona Schmidt arbeitete von da an mit im Geschäft und übernahm es 1995 dann ganz. Mona Schmidt ist 1958 in Berlin geboren, ihr Vater war Kaufmann, ihre Mutter Näherin. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn.
Um das Gründungsjahr des "Zauberkönigs" (angeblich 1884), um die gesamte Gründungsgeschichte, ranken sich viele schöne Legenden. So auch die von einer Wiener Gründungsfigur namens Leichtmann und seinen Töchtern (mal sind es vier, mal sind es fünf), von denen jede in Deutschland einen "Zauberkönig" gegründet haben soll. Oder auch die, dass Ödön von Horváth in seinen "Geschichten aus dem Wienerwald" den Ur-"Zauberkönig" als Vorlage genommen habe. Nachweislich wurde aber der erste Wiener Zauberartikelladen mit dem Namen "Zauberkönig" von dem Zauberer Husa gegründet, im Jahr 1870. Und Horváths Stück spielt in der Zwischenkriegszeit. Sein Zauberkönig ist Besitzer einer Puppenklinik. Aber wie in allen Legenden, steckt auch hier ein Quäntchen Wahrheit drin.
Verbürgt hingegen scheint zu sein (und hier möchte ich Peter Schuster danken, einem Experten für die Geschichte der Zauberartikelgeschäfte), dass 1897 zum ersten Mal in Berlin eine Zauberwarenhandlung namens "Zauberkönig" erwähnt wird, zuerst in der Blumenstraße und ab 1899 dann in der Friedrichstraße, schräg gegenüber vom berühmten Varieté Wintergarten. Dieser "Zauberkönig" gehörte dem jüdischen Ehepaar Kroner. (Charlotte Kroner war eine der Töchter des Zauberers und Zauberwarenhändlers Leichtmann aus Wien und die Schwester von Rosa Bartl, die zusammen mit ihrem ungarischen Mann, dem Zauberer Janos Bartl, in Hamburg ebenfalls einen Zauberwarenhandel, später noch eine Zaubergeräteherstellung betrieb.) Die Kroners wurden 1938 durch die sog. Arisierung enteignet. Beide starben 1943, noch vor der Deportation. Herr Kroner durch Suizid. Beide liegen auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee. Frau Regina Schmidt, ehemals Angestellte der Kroners, übernahm 1938 den arisierten "Zauberkönig". Sie durfte ab 1952 aufgrund eines DDR-Gesetzes als Westberlinerin kein Geschäft mehr in Ost-Berlin betreiben. Deshalb übersiedelte sie in den Westteil der Stadt, nach Neukölln in die Hermannstraße Nr. 84-90, wo das Geschäft bis heute existiert.
An einem strahlend schönen Tag im August machen wir uns auf den Weg zur Eigentümerin, Frau Schmidt (die Namensgleichheit ist rein zufällig). Neukölln, ein alter Arbeiterbezirk und ebenso wie der Wedding einst Hochburg einer selbstbewussten Arbeiterbewegung, hat heute eine hohe Arbeitslosenquote. Der daraus resultierende soziale Stress trifft alteingesessene Neuköllner ebenso wie die Migrantenfamilien, die sich hier niedergelassen haben. Auf der Hermannstraße, einer dicht mit vielen Gründerzeithäusern und Geschäften bebauten, drei Kilometer langen Nord-Süd-Magistrale, herrscht am frühen Nachmittag das brausende Fußgängerleben. Auf vier Spuren tost der Autoverkehr dahin. In den ehemaligen proletarischen Eckkneipen sind Matratzenläden, türkische Supermärkte und Apotheken untergekommen. Zwischen den U-Bahnhöfen Leinestraße und Hermannplatz gibt es verblüffend viele Friedhöfe. Zwei davon, der St. Thomas- und der Jerusalem-Kirchhof, dienen als Einflugschneise des Flughafens Tempelhof. Die Scheinwerfermasten stehen zwischen den Grabstellen. Am Eingangstor des Jerusalem-Friedhofes hängt eine Steintafel mit folgender Inschrift: "Auf diesem Friedhof betrieben Christliche Gemeinden von 1942-1945 ein Zwangsarbeiterlager." (Russische Zwangsarbeiter mussten die Bombenopfer Berlins beerdigen). Rechts und links des Tores befinden sich - in die Mauer eingelassen und auf dem Friedhofsgelände liegend - zwei kleine Geschäfte: Der Blumenladen des Kirchhofes und der "Zauberkönig".
Der "Zauberkönig" ist kaum einen Meter höher als die efeubewachsene Friedhofsmauer. Die zwei Schaufenster sind mit all dem dekoriert, was schwarze Kinderseelen erfreut, und auch Erwachsene können schwelgen. Da gibt es zum Beispiel Wurmpillen; Stinkbomben; Eiswürfel mit Fliege; Zigaretten, die explodieren oder zu glühen scheinen; eine Wanduhr, die verkehrt herum geht; ein Salzfass mit Geräusch; Seife, die die Hände färbt; Pups-Kissen; Zauberwasser; schwarze Schlangen; Vogelpfeifen; Zaubermasken; erotische Scherzartikel; einen feuchten Händedruck; schön geschliffene Gläser, die die Flüssigkeit nicht halten können; eine hölzerne Guillotine; Zaubertusche; acht Scheißhaufen in verschiedener Form, Farbe und Größe; und wunderbare kleine Magnet-Tänzerinnen, die sich unentwegt auf einem Spiegel drehen.
Im Laden steht Mona Schmidt mit stramm geflochtenen Zöpfen hinter ihrer Verkaufstheke. Sie ist umrahmt von Vitrinen und Regalen, in denen sich das umfangreiche Angebot präsentiert. Manches wirkt rührend altmodisch, zum Beispiel die Tütchen mit Juckpulver und anderen Überraschungen, manche zeigen entsetzte Gesichter in Fünfzigerjahre-Manier als Aufdruck oder eine Dame im Sommerkleid mit blutendem Finger ("Horrible Finger"). Über Mona Schmidt schweben wie Girlanden bunte Politiker- und Tiermasken. Sie bittet uns nach kurzem Zögern durch einen Fransenvorhang in ihr Kabinett, es hat ein Fenster zum Friedhof und beherbergt in zahlreichen akribisch beschrifteten Schubladen bis zur Decke hinauf das gesamte Angebot, von der Merkel-Gummimaske bis hin zum Narbenset. Die Kostüme hängen an einem Kleiderständer. Es gibt einen Ölofen, nah an der Büroecke mit Computer, Fax und Regalwand voller Ordner und Kataloge. Frau Schmidt schenkt Elisabeth und mir einen Becher Tee ein und beginnt zu erzählen:
"Also diesen Laden hier, den gibt es erst seit 1952. Sie kennen die Geschichte ja, ansonsten kann Ihnen mein Vater noch genauere Auskünfte geben. Die Frau Schmidt und ihr Mann Georg, die haben dieses Häuschen hier gebaut, sie war im Kirchenvorstand, sonst hätte sie das Gelände gar nicht pachten können, das ist Kirchengelände." Direkt übers Dach hinweg fliegt dröhnend ein Flugzeug. "Das ist ja gar nichts, früher, als noch regulärer Flugbetrieb war, ging das unentwegt, und die Amerikaner haben ja damals auch ihre Start- und Landeübungen gemacht. Die Frau Schmidt hat dann also den Laden hier neu aufgebaut. 1978 ist sie dann gestorben, und ihr Mann Georg Schmidt, der hatte dann das Problem, weil er auch schon 83 war und keine Kinder da waren, dass er den Laden allein machen musste. Frau Schmidt, die war ja die Seele des Geschäftes. Die war überhaupt die Seele von den ganzen Zauberern aus Berlin, auch für die aus dem Osten, bis zur Mauer. Der Laden, als er noch in der Friedrichstraße war, hatte ja vor allem die Aufgabe, eine Art Fachbedarfsgeschäft zu sein für Zauberer, gegenüber lag der Wintergarten, wo die Zauberer aufgetreten sind. Es gab noch einen zweiten Laden in der Friedrichstraße, den "Horster", aber der lag schon im Westteil, der hatte meist nur am Samstag auf, da haben die Zauberer sich getroffen und zusammen gesessen. Jedenfalls, zu dem Zeitpunkt, als die Frau Schmidt starb, 1978, da konnte mein Vater schon zaubern, er hat schon gezaubert, bevor er uns Kinder hatte, er hat Spaß daran gehabt. Er war ja anfangs bei den Amerikanern, da hat er beim Wacheschieben geübt mit Kohlestückchen, hat Fingerübungen gemacht.
Beim Zaubern ist ja alles Übung. Dann war er Autoantennen-Einkäufer, dazwischen war er noch beim Rias im Rundfunk als Geräuschemacher, dann war er bei Germania-Spiralfedern Einkäufer. Er hat viel gearbeitet, und er hatte viele Hobbys, er hat gezaubert, er hat Musik gemacht - macht auch jetzt noch Musik -, er hat Klavier gespielt, Zither. Mit Akkordeon hat er uns gequält, früher. Und das Zaubern war eben auch seine große Leidenschaft, er hatte auch einen Preis gewonnen für eine Bühnennummer. Und die Frau Schmidt kannte er schon sehr lange, er war ja dann in diesem Verein drin, in dem auch sie drin war - es gibt zwei Vereine in Berlin, den "Magischen Zirkel Berlin" und "Die Zauberfreunde Berlin". Mein Vater war bei den "Zauberfreunden", als Amateurzauberer. Da hat er auch diesen Pokal gewonnen. Aber er hat es dann ein bisschen einschlafen lassen, als wir Kinder kamen - ich habe noch eine Schwester, die ist zwei Jahre älter. Als ich kam, da war die Erste, die mich gesehen hat, die Frau Schmidt. Ich bin sofort in den Laden gefahren worden und wurde ihr vorgestellt." Ein schwer tätowierter, älterer Kunde kommt und fragt, ob sie was Neues hat zum Zaubern. Durch die Fransen des Vorhanges kann man unbemerkt in den Laden schauen.
"Ich bin mehr nach meinem Vater geraten. Meine Schwester, die hat damit gar nichts am Hut. Wir hatten eine schöne Kindheit. Meine Mama war früher Schneiderin, noch richtig so Akkordnäherin ist sie gewesen, und später, jetzt greife ich mal vor, war sie dann hier integriert im Laden, nach 78, um Kostüme zu verfertigen. Aber die Eltern haben viel mit uns gemacht, wir sind im Sommer jeden Sonntag an die Havel rausgefahren. Jeden Sonntag. Morgens früh um fünfe gings los. Wir waren drei Familien, die sich da immer getroffen haben, bei Regen und Sonne. Zum Zaubern hatte mein Vater da wenig Zeit." Ein Kunde kommt und möchte das große Pupskissen und Blutkapseln. Frau Schmidt sagt, sie habe nur das kleinere da, das im Prinzip genauso sei, es mache nur einen kleineren Pups. Er nimmt es. "Das muss ich nachbestellen. Mein Vater hatte da so eine kleine Kammer in unserer Wohnung, die war für uns oberinteressant. Da stand sein Klavier, auf dem wir rumklimpern konnten, aber da stand auch so ein großer Schrank, in dem seine Zaubersachen drin waren. Das war sehr interessant. Da sind wir natürlich immer dran gewesen, haben gestöbert und geguckt und gespielt. Da war so ein schöner, flacher Plüschhase, den konnte man auseinanderziehen, und es gab einen Chapeau-Claque-Zylinder. Es gab alles Mögliche. Vieles war interessant, wir konnten aber nichts damit anfangen, denn ich habe mich natürlich nicht hingesetzt und habe dann Fingerübungen gemacht. Aber trotzdem war dieser Schrank immer faszinierend für mich. Damals war ich so acht. Meine Eltern wohnten hier in Neukölln, in der Anzengruberstraße, das ist da, wo die Hauptpost ist, genau in der Mitte von der Karl-Marx-Straße. Da bin ich aufgewachsen, dort war immer Trubel bei den Geschäften. Die Hauptpost war immer voll. Und in der Donaustraße, neben der AOK, da haben immer die Leute ihre Rente abgeholt bei der Post, und genau zu der Zeit wurden dort immer ganz viele Stände aufgebaut. Da habe ich mich mit Freude rumgetrieben. Einer zum Beispiel war da mit lauter Antiquitäten, einer hatte Goldwaren verkauft, ein anderer hatte Schwämme und Sachen zum Saubermachen. Dieser Markt war immer nur dann, wenn Rente ausgezahlt wurde. Meine Schule war die Evangelische Schule in Neukölln. Ich bin da zehn Jahre traktiert worden mit dem christlichen Glauben. Aber die Schule hatte einen sehr guten Ruf, den hat sie heute immer noch, weil sie guten Unterricht macht. Meine Mutter hat ja gearbeitet, und wir waren Schlüsselkinder. Schon morgens. Mein Vater war Elternsprecher, Gesamtelternsprecher sogar, und er kam natürlich in die Schule und hat gezaubert. Wenn irgendwelche Feste waren, ist er aufgetreten, logisch!"
Zwei türkische Jungs kommen herein, schauen lange und wollen dann Juckpulver kaufen. "Es kommen viele Kinder, hier sind ja zwei Schulen in der Nähe. Manchmal kommen sie auch mit ihren Müttern. Wie oft habe ich das schon erlebt, dass hier türkische Frauen reinkommen und ihre Kinder für sie übersetzen müssen. Die können kein Deutsch! Die kriegen die Gelegenheit nicht, es ist kein Gesetz da, das sagt, ihr müsst euren Frauen die Möglichkeit geben, dass sie Sprachkurse besuchen und sich in der Schule engagieren können. Also wir liegen hier eigentlich im Brennpunkt. Ich habe eine Freundin, die hier in der Schule Lehrerin war, später Schulleiterin. Die hat erzählt, wenn die eine erste Klasse bekommen, kriegt sie vorher einen Bogen, da steht drauf, dass 20 Prozent von den Kindern Ausländer sind. Wenn sie dann aber in die Klasse kommt, dann spricht nicht eines von den deutschen Kindern Deutsch. Sind alle in Deutschland geboren, aber innerhalb dieser Familien wird eben nur die Muttersprache gesprochen. Und die sitzen dann in einer Klasse mit 80 Prozent anderen Deutschen, die kein Deutsch können, und die Schule kriegt keine Förderung, weil man hat ja nur 20 Prozent Ausländer. Das ist ein großes Problem. Also besonders die Araber hier müssen einfach ihren Frauen gestatten, Deutsch zu lernen, auch arbeiten zu gehen, wenn sie das wollen, und Kontakte zu knüpfen. Das findet aber alles nicht statt. Als ich zur Schule ging, da gabs hier erst ganz wenig ausländische Kinder, und die waren, glaube ich, auch viel integrierter. Um zu mir zurückzukommen, also ich habe nach der Schule - man konnte damals auch schon gar nicht mehr so wählen - eine Ausbildung gemacht als Groß- und Einzelhandelskaufmann in einem Laden für Werkzeug und Maschinen in der Sonnenallee. Meine Spezialität waren Graviermaschinen und Holzbearbeitungsmaschinen, da wusste ich Bescheid, und ich war dann Fachkraft in diesen beiden Bereichen, konnte aber natürlich auch über anderes Auskunft geben.
Nach drei Jahren hatte ich meine Lehre fertig, eigentlich war ich immer sehr faul, ich habe aber trotzdem viel gelernt. Sie haben mich dann weiter beschäftigt." Eine ältere Kundin kommt, sie hat das Haar zu einem Knoten frisiert und sagt, dass sie eine Perücke kaufen möchte für eine Laienspielgruppe. Frau Schmidt hat exakt die richtige. "Also jetzt kommen wir allmählich zum Eigentlichen. Mein Vater war zu dem Zeitpunkt schon jeden Monat einmal mit mir kegeln. Und eines Tages brachte einer der Kegelfreunde seine neue Freundin mit, die kannte mein Vater, es war die Nichte von Frau Schmidt. Sie hatte schwarze Kleidung an und - da schließt sich langsam der Kreis - fragte meinen Vater: 'Willst du nicht den 'Zauberkönig' kaufen? Onkel Georg will den eher abfackeln, als dass er ihn dem Conradi Horster in den Rachen schmeißt.' Mein Vater konnte nächtelang nicht schlafen, er hat gar kein Geld gehabt. Dann hat ihm meine Tante Geld geborgt, und er ist zur Bank gegangen, hat einen Kredit aufgenommen und den 'Zauberkönig' gekauft."
Ein älterer Mann kommt und möchte den ganz großen Haufen Kacke haben, er freut sich sichtlich und sagt, dass er vor 30 Jahren zuletzt im Laden war. "Ja also, dann hat mein Vater seine Arbeit aufgegeben, meine Mutter hat auch aufgehört und ich auch. Wir waren zu dritt in diesem Laden, das war 1978. Wir waren glücklich, besonders für meinen Vater war das ganz toll. Im ersten Jahr ging es, aber das Lager war nicht so wirklich voll. Kostüme gabs fast gar nicht, nur Zauber- und Scherzartikel. Und meine Mama hat nun mit den Kostümen hier losgelegt. Die war ne 48er-Damengröße, und sie hat Kostüme in dieser Größe gemacht, das war eine Marktlücke! Faschingskostüme bis Größe 46!" Sie zeigt uns einen Ordner mit Fotos, die Kostüme der Mutter, sie sind aufwendig gearbeitet, wie Theaterroben eigentlich. "Und einmal ist es meinem Vater gelungen, von einem in Konkurs gegangenen Kostümverleih den Warenbestand zu übernehmen, für 2.000 Mark. Da hatten wir dann aber den Laden voll!
Das war von meinem Vater einer seiner Glücksgriffe. Aber bei anderen Sachen hat er sich nicht getraut. Auf der Messe wurde ihm der Zauberwürfel angeboten, der war noch unbekannt. Er hätte aber 1.000 Stück nehmen müssen, um beliefert zu werden. Das war ihm zu viel. Hätte ers gemacht, hätte er ausgesorgt gehabt. Später mit Harry Potter. Es ging ja vor Jahren los, aber ich habe einfach auf Durchzug geschaltet. Habe auch nicht reingeguckt, als ich von einer Firma eine Leseprobe bekommen habe. Jahre später erst, als mich die Kunden hier im Laden immer genervt haben mit der Frage, haben sie schon Harry Potter gelesen? Und alle kauften Umhänge, Brillen, Hüte. Da habe ich es dann zu Hause in meinem Regal gefunden. Da stand es seit Jahren. Hätte ich es gelesen, hätte ich rechtzeitig reagiert, hätte ich es mit reingenommen, dann hätte ich es sehr gut verkaufen können. Ja, das sind so Sachen. Aber wer hätte denken können, dass so was so einschlägt, Rubiks Cube und Potter?! Gut, also die ersten Jahre hier zu dritt waren ganz toll. Dann hat sich meine Mama aber irgendwann mal rausgezogen, hat mehr zu Hause genäht, es war schon sehr eng hier. Aber Silvester war sie immer hier. Da waren wir oft zu acht sogar und haben Feuerwerk verkauft und Scherzartikel natürlich. Das Silvestergeschäft hat früher für ein halbes Jahr die Miete gesichert, dann kam noch Fasching dazu, dann waren wir sicher. Das brach natürlich mit der Zeit immer mehr weg. Silvesterfeuerwerk kriegt man bei Lidl, bei Aldi, oder die Händler mieten sich extra ein - die bieten das konkurrenzlos billig! Da kann ich nicht mithalten. Ich hab mich fast ganz aus dem Silvestergeschäft zurückgezogen, führe nur noch Sachen fürs ganze Jahr, Tischfeuerwerk, solche Dinge. Und der Faschingsumsatz bricht auch weg, weil im Supermarkt und im Kaufhaus komplette Kostüme für sechs bis acht Euro verkauft werden. Aber die Kostüme sind natürlich Fähnchen und 08/15, aber sie werden gekauft. Die Leute kommen dann zu mir und kaufen das Zubehör.
Manch einer denkt, gut, dafür ist Halloween dazugekommen. Aber die Schulen, die Halloween feiern, die feiern keinen Fasching mehr! Fasching ist höchstens noch was für ganz kleine Kinder. Das hat sich alles verschoben. Die ersten Jahre, in denen es Halloween neu gab bei uns, da war es noch toll, da gab es die Sachen in Deutschland noch gar nicht. Ich bin nach Belgien gefahren zum Großhändler und habe dort Ware eingekauft. Die hatten dort ja schon Halloween. Mein Mann und ich, wir haben uns immer vorgestellt, was passiert, wenn wir mal einen Unfall haben auf der Rückfahrt und all die abgerissenen und blutenden Finger, Hände, Ohren usw. auf der Straße liegen, die wir gekauft hatten. Das wird ja hier verlangt. Horror, Grusel, Schock. Das ist Halloween in Deutschland! In Amerika ist es eher wie Fasching, da gehen sie in Kostümen, auch als Fee, Schmetterling, das ist vollkommen egal. Aber gehn sie hier mal als Marienkäfer, da kriegen sie Haue. Dabei ist das noch gar nicht so alt. Vor der Maueröffnung gabs bei uns kein Halloween, aber ein paar Jahre danach war es plötzlich da, als wärs schon immer so gewesen. Aber für uns bringt es nicht viel, es bricht immer mehr weg. Viele alte Geschäfte sind hier verschwunden, besonders die Fachgeschäfte - ich gehe immer zum Einzelhandel, wenn ich mal was brauche, schon um die zu unterstützen. Hier haben viele aufgegeben, es gibt nur noch 55-Cent-Läden, Döner, Imbiss und Handy-Shops. Mein Papa, der hat eigentlich noch die besten Jahre mitgekriegt, der hatte immer Geld in der Tasche. 1995 war er dann 65, wir haben offiziell einen Vertrag gemacht, und er hat mir den Laden übergeben. Seither mache ich das in Eigenregie. Er kommt immer noch helfen, macht Vertretung, wenn ich mal Urlaub mache, nächste Woche ist er zum Beispiel da. Früher haben wir ja schon um 10 Uhr aufgemacht, jetzt hab ich von Montag bis Donnerstag erst ab 13 Uhr geöffnet, Freitag noch 10 bis 18 und Samstag 10 bis 13 Uhr. Das muss genügen. Und in den Ferien, an einem schönen Tag so wie heute, sind die Kinder in der Badeanstalt, da ist nicht viel los." Schon betritt ein Junge den Laden. Frau Schmidt ist immer sehr unverbindlich, fast streng. Er möchte "kleine Teufel zum Schmeißen" haben. Zwei Packungen Knallerbsen, 55 Cent eine. Er zählt die Münzen auf die Theke.
"Ich mache das nun schon 29 Jahre. Und die Leute, die in den Laden kommen, erwarten natürlich einen lustigen, fröhlichen Menschen hinter dem Tresen, der einem alle Zaubertricks vorführt, die er kann. Ich bin aber überhaupt nicht dieser Mensch, der sich gerne vor anderen produziert. Das ist mein Problem. Ich habe diesen Laden nur durch meinen Vater lieben gelernt, aber das Vorführen von Zaubertricks hat er mir nicht eingeimpft. Ich kann es, aber ich möchte es eigentlich nicht herzeigen vor anderen. Aber als Zauberwarenhändler muss ich natürlich ab und zu auch einen Trick vorführen, allerdings erst dann, wenn ich ihn verkauft habe. Niemals vorher! Ich verkaufe zum Beispiel auch nichts an ehrgeizige Eltern mit übermotivierten vierjährigen Kindern. Das Kind sollte so etwa ein Alter von acht Jahren haben, denn es muss eine Gebrauchsanweisung genau lesen können. Es gibt Eltern, die verstehen das und kommen nach vier Jahren wieder.
Zaubern ist Arbeit, langes Üben, Zaubern ist Sich-Feinde-Machen, denn man darf ja nicht mal seinem besten Freund erklären, wie es funktioniert. Das verbietet der Kodex der Zauberer, nur wir Zauberwarenhändler sind davon ausgenommen. Und das sind natürlich alles Sachen, die die Eltern nicht wissen. Von 100 Kindern bleiben vielleicht zwei übrig, die zaubern. Durch Harry Potter - der ja nicht zaubert, sondern hext, das ist ein Riesenunterschied - geht das Interesse, wie gesagt, eher zu Hüten und Brillen. Ich hatte auch eine schöne Eule mit richtigen Federn. Obwohl, es gab bei uns im Verein der Zauberfreunde Berlin letztes Jahr einen jungen Mann, der eine Illusionsnummer Richtung Harry Potter gemacht hat. Sehr schön, muss ich sagen. Mein Papa sagt ja immer: Frauen können nicht zaubern. Männer sind diejenigen, die zaubern, Frauen sind Hexen. Das ist eben auch immer der Unterschied, wie mein Vater sagt, zwischen Weißer und Schwarzer Magie. Zauberei ist ja eigentlich so ein Umdrehen von Lehrwissen, bzw. sie baut auf einem Lehrwissen auf. Sie verwendet aber keine Kräuter, Kristallkugeln oder Karten, um daraus zu 'lesen', wie sie in der Schwarzen Magie eingesetzt werden. Zaubern ist halt einfach Handtraining, Wissen um die Sachen, Psychologie und Präsentation, was man ja alles lernen kann. Ich weiß nicht, warum die Frauen das nicht machen, vielleicht sind Frauen einfach zu sehr damit beschäftigt, Kinder zu kriegen und großzuziehen.
Mir hat teils mein Vater die Tricks beigebracht, teils kann ich sie durch eigenes Erarbeiten. Mein Vater, der produziert sich gern, der kann nicht ohne was in der Hand zum Herumspielen. Und wenn er vor fremden Leuten loslegt, dann könnte ich mich in ein Mauseloch verkriechen. Ich kann ihm auch nicht zuhören. Andere finden das faszinierend. Aber ich durchschau ihn, und welches Kind arbeitet schon so lange mit seinem Vater? Ich bin in der Zeit, wo wir hier gearbeitet haben, sehr erwachsen geworden. Also ich möchte den Kunden nicht imponieren müssen durch Zauberei. Und der Anteil der Zauberartikel im Sortiment liegt ja auch nur bei höchstens 20 Prozent. Heute habe ich bis jetzt zwei Kunden gehabt mit Zauberartikeln, die anderen haben alle Scherzartikel gekauft. Ich habe jetzt ja auch noch diese Dekorationsschiene mit reingenommen zusätzlich, die wir vorher überhaupt nicht hatten. Also zum Beispiel Magier- und Hexenfiguren, Aschenbecher mit Drachen, so was. Das sind Dinge, die man eben mal so im Vorbeigehn kauft, wenn man sie im Schaufenster liegen sieht. Das sind aber auch Sachen zum Verschenken, wie zum Beispiel die rückwärts laufende Uhr. Aber Scherzartikel sind eigentlich nicht so geeignet zum Verschenken. Scherzartikel sind zum Anwenden. Die Zaubersachen, die sind eben für den ernsthafteren Gebrauch, für Leute, die genau wissen, was sie wollen, und solche Leute kommen eben seltener. Dafür kommen eben Väter oder Mütter mit ihren Kindern hier rein, die kaufen was, zum Beispiel einen Lachsack, und dann sehen sie auf dem Tresen die Schale mit den Vogelpfeifen und sind ganz begeistert, weil sie die aus ihrer Kindheit kennen. Sie fragen ihre Kinder: Kennt ihr das? Wenn sie nicht aus Neukölln sind, kennen sies sicher nicht, und dann kaufen die Eltern gleich ein paar.
Die Kinder in Neukölln wissen alle, was eine Vogelpfeife ist und wie man sie in den Mund nimmt. Die kaufen die hier alle! Besonders die türkischen Jungs, mit Begeisterung. Die haben von zu Hause aus schon eine Beziehung zur Tradition. Ich kriege das hier ja direkt mit, die Ausländer - also die Deutschtürken -, die haben viel Tradition. Beispielsweise Hochzeiten. Die machen sie wie einen Kindergeburtstag, sage ich immer. Sie kaufen Konfetti, Luftschlangenspray, Feuerwerk. Das machen sie auch bei den Beschneidungsfeiern. Die kommen ganz gezielt zu uns in den Laden, weil sie wissen, hier bekommen sie alles. Auch Tischfeuerwerk, das so in kleinen Fontänen längere Zeit leuchtet und sprüht. Das ist bei denen das Schöne, die können einfach noch feiern. Und sie lassen sich das etwas kosten. Die haben einfach noch große, rauschende Familienfeste. Bei uns ist das eher so aufgesetzt. Oder die Leute, so in meinem Alter, die feiern eben Geburtstag, ein bisschen Weihnachten, und dann ist es gut. Letztes Jahr war ich zu einer Beschneidungsfeier eingeladen. Ich fand das sehr interessant. Erst mal die Ehre, überhaupt eingeladen zu werden. Der Junge war acht oder zehn, glaube ich. Es war auch schon eine Woche vorher gewesen. Früher wurde es ja während der Feier selbst gemacht - jetzt ist es so, dass sie das beim Arzt vorher machen lassen. Gefeiert wird dann im Nachhinein.
Es war so einer dieser typischen türkischen Festsäle, wie es so viele in Berlin gibt, jetzt. Die werden angemietet für solche großen Feiern. Es gibt Vorspeisenteller und Getränke auf dem Tisch, es gibt viel und gut zu essen, es gibt Musiker, die da gespielt haben, traditionell, mit Trommel und allem. Und dann haben sie getanzt, die Leute. Es war einfach ne wunderschöne Sache. Auch das mal kennenzulernen, wie die so feiern. Sie haben Fackeln angezündet, wie der Junge da reingekommen ist in den Saal, und so ein Fackelspalier gebildet. Also ich fands schön. Auch so die Kleinigkeiten. Wenn man kommt, dann steht da schon so eine Frau am Eingang, mit einem Teller voller Süßigkeiten. Man hat das Gefühl, die Gastfreundschaft kommt einfach von Herzen. Also ich war da privat, ich habe natürlich nicht gezaubert. Niemals würde ich das tun! Ich bin halt eher so ein Mensch für Scherzartikel, die nicht wie Scherzartikel aussehen. Also Sachen, die eher nebenbei passieren. Wir haben im Programm zum Beispiel einen Flaschenöffner, der nicht öffnet. Oder Zigaretten, die nicht anzuzünden sind. Das ist natürlich schön für Partys und Feste, da dann zuzuschaun, wie jemand es immer wieder versucht. Aber einer der schönsten Artikel, die wir haben, ist eigentlich ein Zauberartikel. Den haben wir vor kurzem auch noch selber gefertigt, es rechnet sich aber nicht mehr. Das ist so ein Würfel Moment, ich geh ihn holen."
Ein Kunde kommt dazwischen, ein Vater mit zwei Söhnen im Bubenalter. Sie dürfen sich allerhand aussuchen, und es dauert, bis sie endlich hochbeladen das Geschäft verlassen. Mona Schmidt teilt den Vorhang und setzt sich wieder zu uns. Aus der Tasche zieht sie einen kleinen Messingwürfel, durch den ein Schnürchen gefädelt ist. Sie spannt die Schnur und hält sie senkrecht, so dass der Würfel hinabgleitet. Sie macht das mehrmals, stoppt dann aber durch ruckhaftes Ziehen den Würfel, lässt ihn wieder frei und stoppt ihn wieder. Dann reicht sie uns das schöne Ding, und natürlich können wir den Würfel nicht stoppen. Wir kaufen ihn auf der Stelle, und erst als 7 Euro 50 den Besitzer gewechselt haben, verrät sie uns den Trick; über den wir natürlich schweigen. "Das ist der 'laufende Würfel', eigentlich hieß er mal 'Blondins Würfel', nach dem berühmten Akrobaten Blondin, der auf dem Seil über die Niagarafälle gegangen ist. Mein Vater hat das alles mal nachgelesen in der Vossischen Zeitung von achtzehnhundertnochwas. Reden Sie doch einfach noch mal mit meinem Vater, der ist ja nächste Woche im Laden und vertritt mich." Bevor wir beglückt gehen, kaufen wir vorn am Tresen noch "Teufel zum Schmeißen" und natürlich Vogelpfeifen.
Am Montag machen wir einen kurzen Besuch beim Vater. Herr Klepke, ein jugendlich wirkender Herr von 77 Jahren, steht aufrecht hinter dem Verkaufstisch und beantwortet uns charmant und ausführlich alle Fragen. Er erzählt: "Also ich war schon immer fasziniert vom Zaubern. Bin ja noch drin gewesen als Junge, im 'Zauberkönig', Friedrichstraße 54, da, wo jetzt Lafayette ist. Das war so 1936, 37. Zum Probenraum ging es rauf in den ersten Stock, direkt im Geschäft, über so eine Metalltreppe. Die erste, die ich kennenlernte, mit durchbrochenen Stufen. War irre, man konnte durchgucken. Vor der Treppe war eine rote Kordel gespannt zur Absperrung. Da bin ich manchmal unten durch. Oben waren all die Sachen für die Osttour der großen Zauberkünstler.
Später hab ich mich dann ja auch mit dem Zaubern beschäftigt, bin auch Mitglied im Magischen Zirkel Deutschland. Noch eins vielleicht: Zum Zaubern braucht man Menschenkenntnis. Beispielsweise, je tiefer Sie nach Süden fahren, desto mehr Probleme haben sie. Die Wärme verbietet das Zaubern. Menschen, die in der Wärme sitzen, haben kein Auffassungsvermögen und lassen sich schlecht täuschen. Kinder lassen sich auch nicht täuschen. Übrigens: Proportional zum Wissen geht das Sehen verloren. Als Zauberer muss man einen wissenden Zuschauer haben. Je mehr die Zuschauer an Wissen angereichert haben, um so mehr schließen sie und gucken nicht mehr. Sehen nicht mehr! Genau das ist es, was der Zauberkünstler braucht: wissende Menschen, die schließen und sich daher täuschen lassen. Die schönsten Veranstaltungen, die ich mache, sind die Doktorandenveranstaltungen hier in der TU. Diese Menschen können Gegenstände nicht sehen."
Charlotte Knobloch geht, und erstmals wird kein Holocaust-Überlebender an der Spitze stehen. Die jüdische Stimme wird leiser werden.von PHILIPP GESSLER
... nicht mehr Hartz IV, so will es Ministerin von der Leyen. Der neue Name soll "von unten" kommen. taz.de macht schon mal ein paar Vorschläge.

Wie jetzt, mit 17 schon alles erreicht? Milliarden gemacht, Romane geschrieben und die Charts geknackt? Auf wen wir wirklich neidisch sind.

Ein Jahr Obama: Nicht nur die Weltpolitik ist seine Bühne. Jetzt gibt es tatsächlich ein Obama-Musical.

Wär doch schade, wir hätten sie nicht notiert...


LE MONDE diplomatique ist die größte Monatszeitung für internationale Politik. Sie erscheint weltweit in 61 Ausgaben – und liegt am 2. Freitag im Monat der tageszeitung bei.>

Element of Crime ist auf Tour durch Mitteleuropa. Sänger Sven Regener erzählt von seinen Erlebnissen im tazblog "Männer mit Spielplan". >

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