Martin Mosebach wird hoch gehandelt. Dabei kann man langweiliger kaum schreiben. VON DIRK KNIPPHALS
Kommender Großschriftsteller: Martin Mosebach Foto: dpa
Vorabdruck in der FAZ. Und im Herbst wird ihm der Büchner-Preis überreicht, immer noch Deutschlands wichtigste literarische Auszeichnung. Man kann überhaupt den Eindruck gewinnen, dass Martin Mosebach gerade als Zentralgestirn der aktuellen deutschsprachigen Literatur etabliert werden soll. Wer mit diesem Vorwissen und den Erwartungen, die es weckt, auf dieses Buch stößt, wundert sich allerdings schon ein bisschen.
"Der Mond und das Mädchen" ist ein Roman, der mit einer Hochzeit einsetzt, dann aber gar nicht das Paar, sondern als Erstes die Probleme mit der Schwiegermutter erörtert. Später ist zu erfahren, dass Hans, der junge Ehemann, Ina, seine junge Frau, jedes Mal beim Sex fragt, ob er ihr "wehtue", was sie jedes Mal "nach Zögern" verneint. Zwei junge Eheleute im Jahr 2007, die zum ersten Mal zusammengezogen sind! Nicht nur an dieser, nennen wir es ruhig, Stelle scheint es so, dass Martin Mosebach Sexualität noch (oder wieder) für etwas hält, das sublimiert und in einem Roman mit Delikatesse behandelt werden muss. Nach einem Besuch des neuen Tarantino hätten sich seine Hauptfiguren vor lauter Rotwerden wohl nie wieder in die Augen sehen können.
Mit derselben Gespreiztheit werden Kleidungsstile behandelt und Begegnungen im Treppenhaus, Einrichtungsprobleme und die Bewohner des multikulturellen Viertels am Frankfurter Hauptbahnhof, in das es Hans und Ina, das eigentlich gutbürgerliche Paar, verschlagen hat. In einer besseren Gegend war auf die Schnelle keine Wohnung zu finden.
Es ist heiß im erzählten Sommer in Frankfurt, was mit der Kühle im Eheleben kontrastiert. Erste Enttäuschungen. Man findet nicht recht zueinander. Irrungen und Wirrungen. Es ist dabei keineswegs das nicht sehr originelle Sujet, was die Langeweile in diesem Roman bewirkt. Schließlich könnte man das Zusammenziehen auch als großes Abenteuer und eine der zentralen Erfahrungen erzählen, die das Leben bereithält. Aber, Gegenwartsverächter, wie Mosebach nun einmal ist, scheint er sich gar nicht sonderlich für seine Figuren zu interessieren. Anstatt dem nachzugehen, was in ihnen tatsächlich vorgeht, lädt er die Handlung mit allerlei mythischem Getue inklusive toter Tauben und Voodoozauber auf sowie mit Anspielungen auf den "Sommernachtstraum".
An einer Stelle kann man zwar Hoffnung haben. An ihr fragt sich der Erzähler, was geschieht, wenn gar nichts Schlimmes geschieht, das Leben aber doch "unversehens eine neue Farbe annahm, einen unerwarteten Geruch, eine Eintrübung des Lichtes hinnehmen musste?" Das sind genau die Fragen, die sich in einer jungen Liebe stellen - aber sie werden vom Erzähler eher als Gelegenheit zum Bonmot denn als Anlass zur Untersuchung verwendet.
Auch sonst folgt der Erzähler ständig seinen eigenen Interessen. Er schwelgt im gesuchten Detail und in der gewählten Formulierung. In einem merkwürdigen Missverhältnis zu den geschilderten banalen Alltagssituationen ist das Erzählen auf einen gespreizten Grundton gestimmt: "Hans musste länger im Büro ausharren, danach hatte es sich nicht abwenden lassen, dass er mit einigen jungen Kollegen ein Glas trinken ging " Das Dandyeske an diesem Erzählstil ist gar nicht das Problem. Wäre doch interessant zu erfahren, wie es in Kreisen zugeht, in denen Einladungen unter Nachbarn nicht einfach nur fad oder anstrengend verlaufen, sondern mit vollem Ernst "misslingen" können oder in denen viel Getue darum gemacht wird, wenn ein Mann vergessen hat, seine Hosenträger hochzuziehen. Aber wirklich erfahren tut man als Leser eben nicht viel. Über weite Strecken ist das Konzeptprosa mit dem Ziel, sich möglichst weit von einem gegenwärtigen Alltagsduktus wegzudrücken.
Dann ertrinken die Beschreibungen auch in kostbaren Betrachtungen. Oft sind sie kulturkritischer Natur und gehen etwa darüber, dass wir keine Europäer mehr, sondern wie früher die Phönizier sind; dass Reliefs in Geldmünzen früher besser gearbeitet waren als heute; oder dass Obdachlose mit ihren vielen Tüten die "wahren Realsymbole unserer Existenz" sind: "Wie sie schleppen wir eine Unzahl von Gegenständen durchs Leben." Außerdem will der Erzähler immer gleich die Deutung vorgeben: "Ein Blatt in seinem Lebensbuch wurde umgewendet." So etwas möchte man sich als Leser ja eigentlich eher selbst denken.
Der ganze Roman hat etwas Gekünsteltes. Und es ist schon seltsam, wie weit Mosebach damit im gegenwärtigen Literaturbetrieb durchkommt. In einem seiner Essays hat er die schönen und vor allem auch zutreffenden Sätze über den Effekt eines großen Romans geschrieben: "Man schwimmt in ihm, man hält sich in ihm auf wie in einem fremden Land. Und wie in einem fremden Land mit einer eindrucksvollen Kultur nimmt man auch sich selbst unversehens schärfer unter die Lupe, man ändert sich ein wenig, man kehrt nicht als derselbe daraus zurück " In seinem eigenen neuen Roman aber bleibt man immer an der Attitüde und an der Pose hängen.
Martin Mosebach ist ein Autor, für den Hässlichkeit ein Argument gegen einen Gegenstand ist. Für was aber wäre dann Langeweile ein Argument? Jedenfalls keins für ihn. "Der Mond und das Mädchen" ist Literatur für Menschen, die nicht glauben, dass man in Romanen wirklich etwas erfahren kann.
Am Münchner Hauptbahnhof gibt es eine Schule, die keine Schule ist, die kein Geld vom Land bekommt – und die mit Jugendlichen lernt, die kein Recht auf Bildung haben.von FELIX MÜLLER

... nicht mehr Hartz IV, so will es Ministerin von der Leyen. Der neue Name soll "von unten" kommen. taz.de macht schon mal ein paar Vorschläge.

Wie jetzt, mit 17 schon alles erreicht? Milliarden gemacht, Romane geschrieben und die Charts geknackt? Auf wen wir wirklich neidisch sind.

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Wär doch schade, wir hätten sie nicht notiert...


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Leserkommentare (4)
09.08.2007, 13:31 | Petra B:
großartigst geschrieben, vielen Dank an Herrn Knipphals, werde mich von Mosebach...
08.08.2007, 10:57 | heiribido:
Ich habe vor Jahren "Die Türkin" gelesen und mich vor lauter Durcheinander und L...
07.08.2007, 18:17 | Reiner Dickopf:
In der Tat! Auch mir hat der Artikel von Dirk Knipphals aus einer schon seit län...
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