Die Kluft zwischen Wissenschaft und Medien ist tief beim Thema Klimawandel

Sturm über dem Elfenbeinturm

KOMMENTAR VON BERNHARD PÖTTER

Dieser Forscher ist offenbar gemeingefährlich. Er führt einen "heiligen Krieg" gegen Andersdenkende. Er drangsaliert Journalisten, "die sich nicht seiner Meinung unterordnen", Kollegen mit anderen Ansichten "müssen mit Angriffen auf ihre Person rechnen". Er ist omnipräsent in den Medien, "die Kanzlerin lauscht ihm", und er hat nur eines im Sinn: "den Endsieg in der Klimadebatte".

Bernhard Pötter arbeitete ab 1993 zwölf Jahre lang als Redakteur der tageszeitung im Ressort Wirtschaft und Umwelt. Seit 2006 konzentriert er sich als Autor auf das Thema Klimawandel.

Die Rede ist nicht von Dr. Frankenstein, sondern von Stefan Rahmstorf, dem renommierten Ozeanologen am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Er steht im Auge eines medialen Hurrikans, seit er sich kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung detailliert mit den Fehlern, Verdrehungen und schlichten Dummheiten in den Medien zum Klimawandel auseinandergesetzt hat. Die Angesprochenen schlugen ihm ebenfalls in der FAZ die obigen Zitate um die Ohren. Und Spiegel Online lieferte letzte Woche einen Artikel über den "Kreuzzügler" Rahmstorf und seine "rabiaten Methoden".

Die Debatte hat hysterische Anklänge. Vor allem jedoch zeigt sie exemplarisch die Kluft zwischen Wissenschaft und Medien beim Thema Klimawandel. Es existieren offenkundig zwei konträre Wertsysteme: hier die wissenschaftliche Überzeugung, dass es Wahrheiten gibt, die sich mit Fakten beweisen lassen - und dass man widerlegte Theorien nicht weiter diskutieren sollte; dort die Allergie von Publizisten gegen "Dogmen" aller Art und die Wertschätzung des Abweichlertums oder der fröhlichen Ignoranz.

Rahmstorfs Gegner konstruieren eine Verschwörung, die bei näherem Hinschauen in sich zusammenfällt. Da wird geraunt, als Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) habe Rahmstorf einen direkten Draht ins Kanzleramt - wer die Machtlosigkeit dieses Gremiums über die letzten Jahre verfolgt hat, kann darüber nur schmunzeln. Abenteuerlich auch der Vorwurf, die Forscher würden "Klimahysterie" schüren. Sind sie verantwortlich, wenn die Bild-Zeitung aus ihren Berichten Schlagzeilen wie "Wir haben nur noch 13 Jahre, um die Welt zu retten" bastelt?

Und ist tatsächlich die Meinungsfreiheit in Gefahr, weil ein Forscher bei Journalisten anruft, nach den Belegen ihrer Behauptungen fragt, im Zweifel Korrekturen anmahnt - und das zuweilen auch bei Chefredakteuren? Sicher, Rahmstorf ist ein Besserwisser, weil er es meistens auch besser weiß. Das bestreiten nicht mal seine Gegner: "Rahmstorf hat im Zweifel immer die 'richtigen' Fakten parat (wer als Leitexperte eines Themas gilt, verfügt automatisch auch über die richtigen Zahlen)", schreiben sie. Sie vergessen den Hinweis, dass es nicht Rahmstorfs Zahlen sind, sondern dass er den Stand der Wissenschaft verteidigt. Wer Zahlen verdreht, Kurven fälscht, Zusammenhänge falsch darstellt oder längst widerlegte Theorien wiederkäut, bekommt Rahmstorfs Zorn zu spüren. Er ist eben kein Wissenschaftler, der im Elfenbeinturm sitzt und mit den Augen rollt, wenn die Welt ihn falsch zitiert. Er schreibt darüber einen Essay in der Wochenzeitung Die Zeit.

Die Schlechtwetterfront zwischen Klimawissenschaft und Medien hat aber noch tiefere Gründe. Genaues Berichten fällt bei dem extrem komplexen Thema schwer. Anders als bei den Debatten über Hartz IV oder die Gesundheitsreform sind tägliche Auswirkungen und Betroffene Mangelware. Der Umgang mit abweichenden Meinungen ist völlig unterschiedlich: Wer in der Klimadebatte längst aufgegebene Positionen verteidigt, ist für Wissenschaftler ein Scharlatan - Journalisten schätzen so jemanden dagegen gerne als prinzipienfesten Querdenker. Und wer verlässlich das Gegenteil von dem behauptet, was der Mainstream für richtig hält, sichert sich auf diese Weise Einkommen und Bedeutung in der Medienlandschaft.

Zum großen Teil kreist die Klimadiskussion um Studien, Computermodelle und Berechnungen. Journalisten haben aber eine sehr gesunde Skepsis gegenüber dem Herrschaftswissen von Wissenschaftlern gelernt, die im Verband mit Lobbygruppe und Politik Sachzwänge schaffen - das war so bei der Atomkraft, das ist so bei der Gentechnik, und das könnte so sein beim Klima. Die öffentliche Debatte darüber, wie man auf den Klimawandel reagieren sollte, darf nicht abgewürgt werden, ehe sie begonnen hat - da haben die Kritiker völlig recht.

Sie verdrehen allerdings die Tatsachen, wenn sie Rahmstorf und den Klimawissenschaftlern diese Absicht unterstellen. Selten finden Debatten so fair und qualifiziert statt wie in der Wissenschaft, wo Forschungsergebnisse vor der Veröffentlichung der sogenannten peer review, der Begutachtung durch kundige Kollegen, unterzogen werden. Viele der "Klimaskeptiker" umgehen jedoch dieses rigide Kontrollsystem: In Büchern oder Interviews stellen sie Behauptungen auf, die es nie und nimmer durch die peer review schaffen würden. Der Leser oder Zuschauer bekommt so einen "Experten" präsentiert, der seit Jahren zum Klimathema nichts mehr publiziert hat. Die Reihen der seriösen Klimaskeptiker haben sich im Licht der erdrückenden Faktenlage längst sehr ausgedünnt.

Manche Wissenschaftler meinen, die größten Klimaskeptiker säßen heute nicht mehr in den Ölkonzernen, sondern in den Medien: getrieben von einer Skepsis gegenüber wissenschaftlichen "Wahrheiten" und der Suche nach "Storys", die sich an Konflikten festmachen lassen. Dabei dürfen sich Journalisten selbstverständlich weder von Industriemanagern noch von Wissenschaftlern ihre Fragen vorschreiben lassen - etwa die, ob in der Wissenschaft Forschungsgelder richtig eingesetzt werden.

"Wir nehmen uns das Recht zu zweifeln", schreiben die Rahmstorf-Kritiker, "irgendjemand muss die Türen eines skeptischen Weltverständnisses gegen die praktisch gleichgeschaltete öffentliche Meinung offen halten, damit wir für die Zukunft lernen können". Nur: Die Klimadebatte ist nie gleichgeschaltet gewesen, sondern nach jahrzehntelangem Streit haben sich praktisch alle relevanten Klimaforscher auf einen Konsens geeinigt. Wer nun grundsätzlich den Gegenpart zu diesem herrschenden Konsens vertritt, der verhindert genau das, was er angeblich erreichen will: eine informierte öffentliche Debatte über die Konsequenzen des Klimawandels.

Wie gefährlich eine solche Konzentration auf die abweichenden Meinungen sein kann, lehrt uns das Beispiel USA. Dort fand eine Studie der Universität Santa Cruz 2003 heraus, dass die Medien in ihrer Konzentration auf die Streitpunkte in der Klimadebatte ein völlig falsches Bild der Lage gezeichnet hatten. Während sich fast alle Wissenschaftler einig waren, hatten sich die Medien auf Widersprüche, Skeptiker und Propaganda der Industrie konzentriert.

Das Ergebnis: Die Mehrheit der Bevölkerung dachte, es gäbe zu dem Thema keinen Konsens unter den Wissenschaftlern - einer der Gründe, warum es der Klimaskeptiker im Weißen Haus so einfach hatte.

BERNHARD PÖTTER