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  • 05.10.2007

"Eine Inszenierung aus der Stalin-Zeit"

Seit Putin regiert, wirkt die russische Politik so lebendig wie ein Leichenschauhaus. Jetzt will er Premier werden. Und lässt sich dafür von seiner Partei feiern wie ein Heilsbringer. Ein Gespräch mit dem Satiriker Wiktor Schenderowitsch

taz: Herr Schenderowitsch, Präsident Putin nimmt an den Dumawahlen teil und schließt nicht aus, Premierminister zu werden. Folgt auf die Dynastie der Romanows die der Putins?

Wiktor Schenderowitsch: Wir wissen jetzt hundertprozentig: Putin bleibt. Herrschaftstechnisch sind die Einzelheiten wohl noch nicht ganz geklärt.

Diese Inszenierung hat Unterhaltungswert. Aber sind die russischen Bürger nicht sauer, dass sie so offenkundig an der Nase herumgeführt werden?

Ich kann nicht für die Mehrheit der Bürger sprechen. In meiner Umgebung aber sind die Leute schockiert. Sie schämen sich regelrecht, dass der Kongress der Kremlpartei eine solche Retro-Veranstaltung war. Die Dramaturgie begnügte sich nicht damit, auf die symbolischen Formen der Breschnew-Zeit zurückzugreifen. Sie ging gleich bis zu Stalin zurück. Minutenlange stehende Ovationen; eine Weberin als Vertreterin der Werktätigen, die den Kremlchef bittet, im Amt zu bleiben; ein Delegierter aus der Provinz, der dem Präsidenten vorschlägt, dem Volk einen Gefallen zu tun und Ministerpräsident zu werden. Dieses Drehbuch stammt aus der Stalin-Zeit. So deutlich war es noch nie. Dafür muss man sich einfach schämen.

Ist das typisch russisch?

Nein. Typisch russisch sind Tolstoi und Tschaikowsky. Politiker, die einfach ein Leben lang an der Macht bleiben wollen, gibt es auch anderswo - in Nordkorea und Weißrussland, in Kuba und Simbabwe. Wladimir Putin hat nicht Unvergleichliches oder Besonderes. Er ist ein banaler autoritärer Politiker, der nicht abtreten möchte.

Wladimir Putin hat acht Jahre auf Stabilität hingearbeitet. Das ist sein Schlüsselbegriff, die zentrale Rechtfertigung seiner Politik. Deshalb kann er auch nicht abtreten, denn er muss ja für Stabilität sorgen. Was bedeutet diese Stabilität?

Es gibt verschiedene Formen von Stabilität. Ein Baum ist stabil: Er lebt, Teile sterben ab, andere wachsen nach. Das ist Stabilität durch Veränderung. Unsere Stabilität hingegen ist die eines Leichenschauhauses, in dem die Toten immer an derselben Stelle liegen, mit einem gelben Schildchen an den Zehen. Nichts tut sich, alles ist leblos. Dafür wissen aber alle, wo die Schildchen zu finden sind und wo die Leichen hingehören. Stabilität auf Russisch bedeutet, dass es keine Politik gibt und die Atmosphäre eines Kühlfachs herrscht.

Die neue Staatspartei "Geeintes Russland" präsentiert sich im Stil der KPdSU. War die KPdSU der Gorbatschow-Zeit im Vergleich zur Kremlpartei nicht geradezu transparent und pluralistisch?

Na, nun mal nicht übertreiben. Es gab unterschiedliche Phasen der KPdSU, aber von Pluralismus konnte dort nie die Rede sein. Dennoch ähnelt das jetzige System dem damaligen. Auch früher gab es keine alternativen Informationsquellen. Die Vertikale der Macht und die aggressive Unterwürfigkeit der Untergebenen haben sich auch nicht verändert. Ein wesentlicher Unterschied ist aber: Dem Homo sovieticus in der ausgehenden Sowjetzeit war klar, wie idiotisch und blödsinnig das System war. Er hatte alles entschlüsselt. Das steht uns noch bevor. Wir stehen da erst am Anfang.

Immerhin haben die Kremlinszenierungen einen gewissen Unterhaltungswert …

Ja, und das Volk hat Vergnügen daran. Das gehört zu unserer Tradition und entspricht den russischen Vorstellungen von Politik. Demokratische Spielregeln straft man bei uns mit Verachtung. So war es und so ist es.

Die Elite greift auf kommunistische Herrschaftsinszenierung zurück. Vielleicht steckt da die Sehnsucht nach der verlorenen Jugend hinter?

Nein, glaube ich nicht. Sie können einfach nicht anders.

In der Regierung hat eine Umbildung stattgefunden. Minister gehen, andere kommen. Bedeutet das etwas?

Nein, rein gar nichts. Anderswo wird das Kabinett umgebildet, wenn die Politik sich ändern soll. Bei uns nicht. Es ist ein rein technokratischer Vorgang, der dem Machterhalt dient.

Im Dezember wählt Russland eine neue Duma. Nachdem der Präsident die Kremlpartei anführt, wird diese Wahl zu einem Plebiszit für Putin …

Freie Wahlen waren von vornherein nicht geplant. Jetzt schrumpft alles zu einem Vorgang, der die Machtverhältnisse juristisch legitimieren soll.

Seit Putin an der Macht ist, sind Sie aus dem Fernsehen verschwunden. Wie halten Sie das aus?

Ich habe mir als Satiriker und Kommentator eine Menge Frechheiten erlaubt - zugegeben. Wenn der Staat so aufdringlich ist, ergibt sich das einfach. Als Putin auftauchte, war sofort klar, dass er und ich, dass wir beide nicht in diesen einen Fernseher reinpassen. Jetzt schreibe ich wieder. Das ist auch nicht schlecht.

INTERVIEW: KLAUS-HELGE DONATH



WIKTOR SCHENDEROWITSCH, 49, ist der bekannteste politische Satiriker Russlands. Bis zu Putins Amtsübernahme 2000 leitete er im privaten TV-Sender NTW das wöchentliche Satireprogramm "kukly" - die russische Version der britischen "spitting images". Danach wurde im TV ein Auftrittsverbot verhängt. Seine Sendung "Streichkäse" im letzten liberalen Radiosender Russlands "Echo Moswy" genießt Kultstatus.

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