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  • 25.07.2007

"Mönche sind Glückspilze"

INTERVIEW GERNOT KNÖDLER

taz: Eure Heiligkeit, wann waren Sie zum letzten Mal wütend?

Dalai Lama: In den vergangenen zehn Tagen habe ich mich nicht geärgert.

Und in den vergangenen 30 Tagen?

Ich verliere ziemlich oft die Beherrschung wegen dummer Sachen, etwa im Büro oder in meinem Garten. Aber am nächsten Tag ist das weg, kein Problem mehr. Der Ärger kommt und geht. Ich verspüre schlechte Gefühle, aber fast keinen Hass. Ich arbeite bewusst gegen meine schlechten Gefühle. Ich habe mal einen Mönch getroffen, der 18 Jahre lang in einem chinesischen Gulag saß. Er hatte während seiner Haft mehr Angst davor, sein Mitgefühl für seine Peiniger zu verlieren als um sein eigenes Leben.

Kürzlich hat eine Gruppe von Tibetern in Dehli einen Hungerstreik begonnen. Hilft das, die Sache des tibetischen Volkes voranzubringen?

Wir haben das nicht geplant. Das war der Tibetische Jugendkongress. Natürlich bewundern wir die Entschlossenheit dieser Leute, die bereit sind, sich zu Tode zu hungern. Einige der 15 Hungerstreikenden sind nur 17 Jahre alt. Wie bei ähnlichen Anlässen in der Vergangenheit habe ich sie gebeten, diese Aktion nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Der Tod durch einen Hungerstreik ist eine Form von Selbstmord. Unser politischer Führer Professor Samdhong Rinpoche hat sie ebenfalls gebeten, damit aufzuhören. Aber der Jugendkongress war immer schon unabhängig. Wir haben unterschiedliche Positionen. Im Gegensatz zum Jugendkongress will die tibetische Exilregierung keine völlige Unabhängigkeit Tibets. Wir suchen eine Lösung im gegenseitigen Einvernehmen mit der chinesischen Regierung. Bisher hat das nicht zu Ergebnissen geführt. Deshalb gibt es mehr und mehr Frustration unter der tibetischen Jugend.

Sie haben gesagt, es sei am tibetischen Volk, zu entscheiden, ob es in Zukunft einen weiteren Dalai Lama geben wird. Wie wird diese Entscheidung zustande kommen?

Alle wichtigen Institutionen erreichen irgendwann ihr Ende. Den Dalai Lama gibt es seit 500 Jahren. Eines Tages wird es auch mit dieser Institution zu Ende gehen. Der Dalai Lama ist nicht das Rückgrat des tibetischen Buddhismus. Er ist nicht untrennbar mit der tibetischen Tradition verbunden. Ich habe schon 1969 festgestellt, dass diese Institution möglicherweise nicht erhalten bleiben wird. 1992 habe ich öffentlich gesagt: "Wenn die Zeit der Rückkehr nach Tibet kommt, mit einem gewissen Grad an Freiheit, werde ich meine ganze Autorität an den örtlichen Gouverneur übergeben." Auch werde ich nicht unbedingt als religiöses Oberhaupt weiteramtieren. 2001 hat der im Exil lebende Teil des tibetischen Volks zum ersten Mal seine politische Führung gewählt. Das Volk wird lernen, sich selbst zu regieren. Viele tibetische Traditionslinien haben eine gesunde junge Generation, die Verantwortung übernehmen kann.

Sie sprachen über Ihre politische und Ihre spirituelle Rolle: Wie könnte denn das Volk über die Reinkarnation eines lebenden Buddha abstimmen?

Es gibt keinen lebenden Buddha. Wiedergeburt meint eine Art von Wesen, das sich zu einem bestimmten Zweck freiwillig dafür entscheidet, ob es wiedergeboren wird. Ich bin nicht sicher, ob ich eines davon bin. Falls ich heute noch sterben sollte, wüsste ich nicht, wohin ich gehen sollte. Der dritte Dalai Lama war ein hoch entwickelter Geistlicher. Als sein Vorgänger, der zweite Dalai Lama starb, besuchte sein Wesen einen Ort, an dem ihm der Guru Padmasambhava sagte: "Gehe nach Tibet."

Ihr größter Wunsch ist es, nach Tibet zurückzukehren. Glauben Sie, dass Sie das noch erleben?

Wenn wir die tibetische Frage lokal betrachten, ist das beinahe ein hoffnungsloser Fall. Aber das Tibetproblem wurde nicht durch einen Bürgerkrieg verursacht, sondern durch die Anwesenheit der Chinesen, von ungebetenen Gästen. Deshalb ist die Tibetfrage eng mit der Entwicklung in China verbunden. Schauen Sie sich den Wandel im ehemaligen Ostblock an. Ich kann sechs Jahrzehnte chinesischer Politik überblicken: Unter Tschiang Kai-schek stand die Ideologie im Vordergrund. Deng Xiaoping fand den Lebensstandard wichtiger als die Ideologie. Jiang Zemin hat es wegen der guten Wirtschaftsentwicklung mit neuen wohlhabenden Klassen zu tun. Die Kommunistische Partei ist nicht mehr die Partei der Arbeiterklasse. Deren Basis verbreiterte sich. Deshalb legt Jiang viel Wert auf Harmonie. Die KP steht vielen Problemen gegenüber, weil sie die Informationsfreiheit einschränkt. Deshalb werden Missstände nicht bekannt. Früher oder später wird die KP sich diesen Dingen mit einem realistischen Blick stellen müssen.

Welche buddhistischen Praktiken würden sie den politischen Führern der Nationen empfehlen, um eine bessere und friedlichere Welt zu schaffen?

Dass sich die Führer der Nationen einem Training im Mitgefühl unterziehen würden, ist ein schöner Traum. Die Staatsmänner und deren Familien sollten sich zusammen mit denen anderer Nationen eine Woche lang zu gemeinsamen Ferien zurückziehen. Ohne über politische Streitpunkte zu verhandeln, sollen sie Freundschaft schließen, so dass sie im Falle einer Krise wie alte Freunde miteinander reden könnten.

Haben das Christentum und der Buddhismus etwas gemeinsam?

Sie sind in ihrer Praxis verbunden. Alle großen Religionen basieren auf den gleichen Werten: Liebe, Mitgefühl, Toleranz, Bescheidenheit, Selbstdisziplin. Auch im Klosterleben gibt es große Ähnlichkeiten. Ich habe viele Klöster besucht, in Amerika und Südfrankreich. Die Einfachheit des Lebens und die große Hingabe an die Gebete ist sehr ähnlich. Die großen Unterschiede finden sich in den Glaubensvorstellungen - selbst zwischen den theistischen und sogar zwischen den monotheistischen Religionen. Im Buddhismus gibt es nicht die Vorstellung von einer Seele. Zugleich gibt es aber die Idee eines endlosen Kreislaufs von Wiedergeburten. Die Menschheit hat in den vergangenen 2.000 Jahren an sehr verschiedenen Orten, in unterschiedlichem Klima und mit gänzlich unterschiedlichen Lebensweisen gelebt. Folglich müssen wir verschiedene Ansätze wählen, wenn wir Mitgefühl entwickeln wollen. Alle Religionen haben das gleiche Ziel: Tugenden wie die Liebe und das Mitgefühl zu stärken. Für manche Menschen ist aber die Vorstellung von Gott so stark, dass sie ihre theistische Religion für viel wichtiger halten als alle anderen. Im Buddhismus gibt es keinen Gott.

Wundert Sie der Enthusiasmus vieler Deutscher für den Buddhismus?

Ich betone immer, dass es besser ist, die eigenen Traditionen beizubehalten. Aber für Leute mit einem Forschergeist, besonders für Wissenschaftler, ist es nicht leicht, einen Glauben zu akzeptieren. Diese Leute sind sehr am Buddhismus interessiert, weil sich die buddhistische Tradition nicht auf den Glauben, sondern auf Erfahrung stützt.

Überall auf der Welt werden Sie bewundert. Wen bewundern Sie?

Ich bewundere Václav Havel, einen sehr engen Freund von mir. Ich bewundere auch Nelson Mandela, der einen großen Wandel in seinem Land herbeigeführt hat. Seine Haltung gegenüber den Weißen war sehr sanft. Anders als viele andere politische Führer nahm er von der Macht Abschied. Er ist ganz der Gewaltlosigkeit und dem Geist der Versöhnung verpflichtet. Während des Kalten Krieges habe ich Willy Brand als Bürgermeister von Westberlin bewundert. Selbst in dieser angespannten Lage behielt er ein gewisses Vertrauen zum damaligen Staats- und Parteichef der UdSSR, Leonid Breschnew.

Waren Sie einmal verliebt?

Da ich schon in meiner Kindheit Mönch wurde, bin ich neugierig, was Sie wohl empfinden könnten. Aber wenn ich von Familienproblemen höre, von Scheidung, Streitereien und von der Schwierigkeit, den richtigen Partner zu finden, fühle ich mich getröstet: Wir Mönche sind ziemliche Glückspilze. Das Mönchsleben ist stabiler. Das Familienleben ist in bestimmen Momenten sehr glücklich, aber in anderen mit Schmerz verbunden.



Der Dalai Lama, mit bürgerlichem Namen Lhamo Dhondup, wurde am 6. Juli 1935 in Nordosttibet geboren. Nach dem Tode des 13. Dalai Lama 1933 erkannte eine Delegation höchster Lamas 1939 in dem Bauernsohn die Reinkarnation des Verstorbenen. Mit 15 Jahren wurde er geistiges und weltliches Oberhaupt der Tibeter. 1959 flüchtete er nach Indien, wo er eine Exilregierung ins Leben rief.



DIE LAGE IN TIBET

Als geistiges und weltliches Oberhaupt der Tibeter versucht der Dalai Lama seit seiner Flucht aus Tibet 1959 mit der chinesischen Regierung zu verhandeln. Er erkennt die politische Zugehörigkeit des autonomen Gebiets zur Volksrepublik an, fordert jedoch die Wahrung von Menschrechten, religiöse Selbstbestimmung und die Achtung von Natur und Umwelt. Für sein Bemühen um eine friedliche Lösung wurde er 1989 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Seit einigen Jahren lässt die chinesische Führung einen "inoffiziellen Dialog" zwischen Vertretern der tibetischen Exilregierung zu, die sechste und bislang letzte Runde endete ohne konkrete Ergebnisse Mitte Juli. In den größten tibetischen Exilgemeinden in Nepal und Indien haben in den vergangenen Monaten Tibeter gegen die chinesische Besatzung ihre Heimat protestiert. Nach Militär und religiöser Überwachungspolizei schickt die Pekinger Regierung nun Millionen Han-Chinesen nach Tibet. Im Hochland leben schätzungsweise sechs Millionen Tibeter und 7,5 Millionen Chinesen. Die Menschenrechts- und Völkerrechtsverletzungen durch die chinesischen Regierungstruppen in Tibet beschäftigen Menschrechtsgruppen weltweit. Denn: "Nach völkerrechtswidriger Besetzung und Genozid an einer Million Tibeter werden ihre Religion, Sprache und Kultur weiterhin von China unterdrückt, ihre Bürgerrechtler verfolgt und ihre Bodenschätze geplündert", sagt Tilman Zülch, Generalsekretär der Gesellschaft für bedrohte Völker.

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