ARD-Serie „Babylon Berlin“

Babylon boomt?

Die TV-Serie „Babylon Berlin“ wird von Kritikern gefeiert: Deutschland kann jetzt auch gute Serien machen. Sogar der „Tatort“ wird dafür geräumt.

Gereon Rath, gespielt von Volker Bruch, schaut auf eine Litfasssäule

Gereon Rath, gespielt von Volker Bruch, auf nächtlichem Streifzug Foto: ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky Deutschland/Frédéric Batier

Er ist im Promo-Modus. Seit Wochen twittert ARD-Programmdirektor Volker Herres emsig zum anstehenden Free-TV-Start von „Babylon Berlin“ im Ersten. Teils erreichen seine rund 6.500 Follower sogar zehn Tweets dazu nacheinander. Der erste Mann im Ersten muss einen gewissen Erfolgsdruck verspüren. Schließlich wird die Öffentlichkeit am Montag sehr genau hinschauen, wenn die Quoten des Vortags bekannt gegeben werden. Dann wollen alle wissen, wie die ersten drei Folgen der knapp 40 Millionen Euro teuren 20er-Jahre-Historienserie gelaufen sind.

Ganze zwölf Millionen Euro der Produktionskosten hat die ARD getragen und war vor einem Jahr teilweise in die Kritik geraten, weil der Koproduktionspartner und Pay-TV-Sender Sky Deutschland das Vorrecht auf die Ausstrahlung hatte und schon 2017 große mediale Aufmerksamkeit auf die Produktion lenken konnte, die als deutsche Antwort auf internationale Qualitätsserien gilt. Dabei war Skys Beteiligung mit fünf Millionen Euro deutlich niedriger. Laut Sky haben die Serie im Folgenschnitt rund 570.000 Zuschauer gesehen. Ein Erfolg für Sky Deutschland, in dessen Serienranking „Babylon Berlin“ gleich nach der siebten Staffel der Fantasyserie „Game of ­Thrones“ steht.

Diese Zahlen wird die öffentlich-rechtliche TV-Premiere wohl deutlich übertreffen. Dennoch bleibt die bange Frage, ob die Quoten der geschürten Erwartungshaltung auf das Serien­event standhalten können. Die ARD hat zum Auftakt sogar den prominentesten Sendeplatz frei geräumt, den sie zu bieten hat: Sonntagabend, 20.15 Uhr. Das ist „Tatort“-Zeit, und Zuschauerzahlen zwischen acht und 13 Millionen sind an der Tagesordnung. Wie wird es bei „Babylon Berlin“ aussehen, wird die Serie ähnliche Quoten einholen können?

Zumindest die ersten Folgen der Serie müssen ankommen, die Regisseur Tom Tykwer zusammen mit Hendrik Handloegten und Achim von Borries in epischer Breite mit bislang 16 Episoden umgesetzt hat. Für die weiteren Folgenausstrahlungen von „Babylon Berlin“, das im Ersten über sechs Wochen hinweg in Dreier- und Doppelfolgen ausgestrahlt wird, ist es dann eigentlich egal, wie die Zahlen ausfallen. „Babylon Berlin“ wurde international schließlich so erfolgreich vermarktet, dass die dritte Staffel längst beauftragt wurde.

Zeit des Umbruchs

Der Originalstoff von Buchautor Volker Kutscher ist dem Sender wichtig. Und zwar nicht nur als TV-Serie. Zum vor zehn Jahren veröffentlichten Bestseller um den kriegstraumatisierten Kommissar Gereon Rath in der chaotischen Endphase der Weimarer Republik drehte Volker Heise („Schwarzwaldhaus 1902“, „24 h Berlin“) außerdem die TV-Doku „1929 – Das Jahr Babylon“. Zugleich wird eine prominent besetzte Hörspielserie unter dem Originaltitel „Der nasse Fisch“ in der ARD-Audiothek veröffentlicht, die als eigenständige Adaption der Vorlage umgesetzt wurde. Bei der achtteiligen Koproduktion von Radio Bremen, WDR und RBB hat Filmemacher Benjamin Quabeck („Verschwende deine Jugend“) die Regie übernommen.

„Babylon Berlin“, 30. 9., 4. 10. und 11. 10. um 20.15 Uhr, ARD

Dokumentation „1929 – Das Jahr Babylon“, 30. 9., 22.30 Uhr, ARD

„Der nasse Fisch – Das Hörspiel zu Babylon Berlin“, ab 30. 9., ARD Audiothek

Als er Anfang des Jahres die Anfrage für das Projekt erhalten habe, sei er skeptisch gewesen. „Zumindest die erste Staffel der TV-Serie hatte ich da schon gesehen. Ich fand sie sehr gut gemacht und interessant, deswegen habe ich mich anfangs natürlich auch gefragt, was ich mit einer Adaption noch zum Thema beisteuern könnte“, so Quabeck. „Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich allerdings den Roman von Volker Kutscher noch gar nicht gelesen. Das habe ich dann natürlich sofort geändert und festgestellt, dass man den Stoff auch noch einmal ganz anders interpretieren und einen anderen Ansatz wählen kann. Das war letztendlich auch das Faszinierende.“

Die Anziehungskraft von Kutschers Ur-Stoff scheint nicht nachzulassen. Die gegenwärtigen Entwicklungen in Deutschland und der Welt lassen sich eben wunderbar auf die chaotischen Verhältnisse und das Ende der Weimarer Republik übertragen. „Diese Zeit des Umbruchs ist sehr spannend“, bestätigt Quabeck die anhaltende Faszination für das Thema und im Fall von „Der nasse Fisch“ auch für die weibliche Hauptfigur: „Mich hat das Frauenbild in der Weimarer Republik sehr interessiert. Diese Selbstständigkeit der Charly Ritter, die in einer Zeit lebt, die viel offener war. In der die Chancen für eine Frau besser standen als nach dem Krieg in den 1950er Jahren, wo sie wieder an den Herd musste – ein großer Rückschritt.“

Doch natürlich ist auch Quabeck von der politischen Dimension der Ära angetan: „Dann ist da das im Untergrund brodelnde Nazitum und ein ganzes Land, das nach rechts abkippt, da gibt es natürlich ebenfalls wieder Parallelen zur jetzigen Zeit. Diese allgegenwärtige unterschwellige Aggression. Die Kriegstraumata aus dem Ersten Weltkrieg. Eine hochexplosive Mischung.“

1920er auf Erfolgswelle

Nicht nur die ARD hat das Potenzial erkannt: Comiczeichner Arne Jysch hat seine persönliche Version von „Der nasse Fisch“ bereits vor anderthalb Jahren veröffentlicht. Passend zur ARD-Ausstrahlung bringt der Verlag die Graphic Novel nun noch einmal neu heraus. „Ich glaube, dass vor allem sein bildhafter Schreibstil überzeugt, der ein abwechslungsreiches Figurenrepertoire durch viele Ebenen des Zeitgeschehens schickt. Dazu hat er enorme Recherche geleistet, um die Welt der 1920er und 1930er Jahre im Kopf des Lesers – aber eben auch in denen der Künstler, die den Stoff adaptieren – lebendig werden zu lassen“, betont Jysch die erzählerischen Qualitäten der Vorlage. „Volker schafft es so raffiniert, die unterhaltsamen Genreelemente mit einem real wirkenden Gesellschaftsbild der Weimarer Republik zu verbinden.“

Die Gefahr, dass der Stoff durch die zahlreichen Adaptionen überpräsent sein könnte, sieht der Zeichner und Autor dagegen nicht: „Die 1920er sind wirklich gerade auf einer Erfolgswelle, es gibt ständig neue Bücher, Filme, Konzerte und Partys. Aber ich finde es toll, weil diese Zeit in den 1980er und 1990er Jahren für meinen Geschmack zu wenig präsent war. Durch den Hype konnte ich jetzt tolle Entdeckungen machen wie die Ausstellung ‚Glanz und Elend in der Weimarer Republik‘ in der Schirn in Frankfurt oder die Neuauflage der Bücher ‚Ein Führer durch das lasterhafte Berlin‘ und ‚Blutsbrüder‘, die neue Blickwinkel auf diese aufregende Zeit ermöglichen.“ Mal schauen, ob das die ARD-Zuschauer genauso sehen.

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