Absurder Krieg im Kongo

„Mein Oberst, Sie sind verhaftet“

Im Kongo kämpfen so viele Gruppen, dass die Lage unübersichtlich ist. Wer gegen wen schießt, ist nicht immer klar, und manche Gegner informieren sich gegenseitig.

FARDC Elitesoldaten im Kongo.  Bild: Simone Schlindwein

MASISI BERGE taz | Es schüttet aus allen Kübeln. Auf der Hauptstraße der ostkongolesischen Kleinstadt Kitchanga beobachten klitschnasse Einwohner die Soldaten, die einen Lastwagen aus den matschigen Pfützen zu hieven versuchen. „Los, macht schon!“, brüllt der Kommandeur. Er hat es eilig. Sein Lkw ist voll mit Munition für die Soldaten, die 50 Kilometer nördlich kämpfen. Gegen wen? Der Kommandeur winkt ab: „Wir haben schon lange den Überblick verloren.“

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Die Regenwolken verziehen sich. Aus der Wolkendecke tauchen endlose grüne Hügel auf. Lehmhütten mit Strohdächern klammern sich an steile Hänge. Unten beackern Frauen mit Spitzhacken Maisfelder, oben grasen Kühe auf den Almen.

Es ist Markttag in Kachuga, 40 Kilometer weiter. Leute karren auf Holzrollern schwere Säcke heran: Maismehl, Bohnen, Maniokwurzeln. Aus einem Lastwagen laden Männer Holzkohle ab. Dahinter ragt das Kanonenrohr eines UN-Panzerfahrzeugs hervor. Ein südafrikanischer Soldat in blauer schusssicherer Weste seufzt: „Die Situation weiter nördlich ist verwirrend.“ Dann klettert er ins Führerhaus, um das Fahrzeug an den Wegrand zu manövrieren. Ein Konvoi von Ärzte ohne Grenzen aus dem Norden will durch. „Wir evakuieren, dort wird geschossen“, sagt eine Ärztin. Wer gegen wen? Auch sie zuckt mit den Schultern.

Also nachsehen. Es geht bergauf. Schlamm spritzt. Barfuß stapfen Frauen und Kinder mit schweren Bündeln auf dem Kopf durch knöcheltiefen Matsch, Schweißperlen auf der Stirn. „Wir sind schon seit Tagen auf der Flucht“, klagen sie. Hinter der nächsten Wegbiegung lungern drei junge Männer mit Kalaschnikow. „Wir sind von der FDLR, wir beschützen unsere Flüchtlinge“, erklären sie und zeigen nach oben. Die FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas) ist die ruandische Hutu-Miliz im Kongo.

Hoch oben reihen sich Flüchtlingszelte aus Bambus wie eine Perlenschnur an den Hang. Zerflatterte weiße Plastikplanen dienen als Dächer. Vier Jahre lang war dies ein Lager für vertriebene Kongolesen. Jetzt haben stattdessen FDLR-Kämpfer hier Frauen und Kinder einquartiert. FDLR-Sprecher Laforge Fils Bazaye hockt in einem Zelt, in Jogginganzug und Gummistiefeln. „Da drüben kämpft eine lokale Hutu-Gruppe gegen die Armee“, erklärt er. Und was bedeutet das für ihn? „Ach, wir haben mit denen da drüben keine Probleme“, lächelt er. „Wer auch immer gewinnt, wird uns nicht angreifen“.

„Willkommen auf meiner Insel“

Alle paar Kilometer jenseits von Kalembe blockieren Steine oder ein dickes Seil die schmale Piste. Mal sind es FDLR-Kämpfer, dann die lokale Miliz APCLS (Patriotische Allianz für einen Freien und Souveränen Kongo), mal Soldaten der Armee, die jeweils 15 Dollar Wegzoll verlangen.

Plötzlich marschieren einige Dutzend Soldaten in neuen Uniformen und im Gleichschritt die Straße entlang. Ein Geländewagen mit einem gewaltigen Maschinengewehr auf dem Dach und zwölf schwerbewaffneten Leibwächtern auf dem Pickup hält an. Oberst Kennedy Mamadu steigt aus: ein großer schlaksiger Offizier mit breitem Grinsen, iPad unterm Arm, iPhone am Ohr. „Willkommen auf meiner Insel“, lacht er und macht ein Zeichen, seinem Truck zu folgen.

Oberst Mamadu rast die matschige Straße entlang. Die Landschaft wird flach, nur noch wenige Bäume bieten in der Savanne Schutz vor der Mittagssonne. Elefanten traben in der Ferne durch das hüfthohe Gras.

Plötzlich: Vollbremsung. Mamadu reißt die Fahrertür auf, schält seine langen dünnen Beine hinter dem Lenkrad hervor, stürzt sich ins Gebüsch und schreit. Hinter der Hecke hocken zwei Frauen, ihre Kleinkinder saugen an der Brust. Neben ihnen zerlegen zwei Soldaten ihre Panzerfäuste. „Was machen die Frauen hier?“, schreit der Oberst seine Männer an. „Das ist eine Frontlinie! Meine Damen, gehen Sie nach Hause!“

„Wir informieren uns immer gegenseitig“

Seit drei Monaten harren die Truppen hier aus, ohne Urlaub, ohne Telefonnetz, ohne Sold. „Die Frauen laufen oft tagelang, um ihre Männer zu suchen und nach Geld anzubetteln, aber das ist gefährlich“, seufzt Mamadu. Immerhin hat seine Einheit Schützengräben aus der roten Erde ausgehoben. Alle hundert Meter überdecken Bananenblätter die neben Matratzen aufgebockten Maschinengewehre. Hinten ragen verfallene Backsteinmauern hervor. „Unsere Kommandozentrale“, lacht Mamadu.

Offiziere auf Plastikstühlen trinken Bier. Ein Dutzend Handys liegen auf einem Plastiktisch. Oberst Mamadus iPhone klingelt. Er schaltet auf laut: „Bei uns ist alles ruhig, wie ist es auf eurer Seite?“, fragt eine Stimme. Mamadu antwortet: „Bei uns auch alles ruhig. Ruf mich an, wenn ihr was plant.“ Dann legt er auf und grinst: „Das war einer meiner ehemaligen Offiziere, der zur M23 übergelaufen ist. Wir informieren uns immer gegenseitig.“

Seit einem informellen Waffenstillstand Ende Juli liegen sich Ostkongos M23-Rebellen, geführt von Tutsi-Deserteuren, und die Regierungsarmee hier gegenüber. „Unsere Frontstellungen sind so nah, dass wir miteinander reden können – viele teilen sogar die Essensrationen“, erklärt Mamadu. Wieder klingelt ein Telefon. Ein Hauptmann nimmt ab, diskutiert. Hinterher berichtet er: „Das war mein großer Bruder auf der anderen Seite, sie verlegen eine Stellung nach Norden.“ Mamadu nickt und zückt sein Funkgerät: „Delta Alpha – verlegt die Stellung nach Norden, so wie die M23 auf eurer Position“, kommandiert er. Dann runzelt er die Stirn: „Ja, das ist ein verrückter Bruderkrieg.“

„Ihr Kongolesen seid wirklich lustig“

Wenige Kilometer weiter spielen hunderte kreischende Kinder in blau-weißen Uniformen im Schulhof des Dorfes Kisheshe. Sie machen große Augen, als plötzlich knapp 30 Schwerbewaffnete vorbeimarschieren. Im Gleichschritt begleitet die Eskorte ihren Kommandeur: Oberst Stany, Vizekommandeur des FDLR-Sektors Nord-Kivu.

Der große kräftige Mann mit Nickelbrille und grünem Barett schlägt die Hacken seiner Gummistiefel zusammen und salutiert vor der taz auf Deutsch: „Guten Tag!“ FDLR-Präsident Ignace Murwanashyaka und dessen Vize Straton Musoni leben schon lange in Deutschland. Jetzt stehen sie in Stuttgart vor Gericht. FDLR-Militärchef Sylvestre Mudacumura studierte an der Militärführungsakademie in Hamburg. „Wir haben eine große Affinität zur deutschen Sprache“, schmunzelt Oberst Stany.

Er betritt eine Hütte, legt seine lederne Aktentasche auf den Tisch und beginnt die Lage zu erklären. Früher habe die Armee seine Truppen bekämpft, aber „jetzt lassen sie uns in Ruhe, weil sie mit der M23 beschäftigt sind. Wir ruhen uns jetzt etwas aus.“ Plötzlich zückt seine Leibgarde draußen nervös die Waffen. Vorsichtig lugt Stany aus der Tür. Seine Leibwächter sind umzingelt von Regierungssoldaten. Sie mustern sich misstrauisch. Ein Armeehauptmann tritt auf Stany zu, schlägt die Hacken zusammen und salutiert: „Guten Tag, mein Oberst, Sie sind verhaftet!“

Stany reagiert mit Gelächter. „Ihr Kongolesen seid wirklich lustig“, sagt er und hebt seinen Zeigefinger. „Ruf mal deinen Vorgesetzten an. Wir haben hier eine neutrale Zone vereinbart“. Der Hauptmann zückt verunsichert sein Funkgerät, geht auf Abstand. Als die Antwort aus dem Gerät dröhnt, verzieht er das Gesicht und winkt seinen Truppen zum Rückzug. „Ach, die Lage ist wirklich kompliziert“, sagt Oberst Stany und marschiert samt Leibgarde davon.

 

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