Alanis Morissette ist zurück

Von Ex-Freunden zum Muttersein

Alanis Morissette ist auf Europa-Tour mit neuem Album unterwegs. Ihren Auftritt in Berlin absolviert sie kurz, pragmatisch und ohne musikalische Wagnisse.

Mutter auf Gig – Alanis Morissette Anfang Juli 2012 in Montreux/Schweiz.  Bild: dpa

BERLIN taz | Es war kaum dunkel geworden am Junihimmel über der Spandauer Zitadelle im Nordwesten Berlins, da verließ Alanis Morissette nach nur zwei Zugaben zum letzten Mal die Bühne. Nach nicht einmal eineinhalb Stunden. Nach vier Jahren Abwesenheit auf Europas Bühnen. Erfüllte oder gar schweißnass getanzte Gesichter suchte man vergebens unter den Besuchern, als sie sich aus der für ein Rockkonzert unpraktischen Bestuhlung Richtung Ausgang fädelten. Eher Fragezeichen in einigen Augen. Mit „Uninvited“, der genialen Ballade aus dem unendlich kitschigen Hollywood-Film „Stadt der Engel“, beendete Alanis Morissette den Abend. „Uninvited“ – war das etwa wörtlich gemeint?

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„You are so generous“ war einer der wenigen Sätze, den die Kanadierin zwischen den Songs ins Publikum flüsterte. Die Alanis-Gemeinde ist nett, beschwert sich nicht. Ist dankbar für alles, was Alanis ihnen bereits in den 90ern gegeben hat. Von Post-Grunge und Country, Soundtracks zu Dogma- und Hollywoodfilmen – die musikalische Reichweite der Alanis Morissette ist unverwechselbar. Im Publikum überwiegen Menschen zwischen 30 und 60, darunter dürfte kaum jemand sein, der nicht bereits mit dem ersten Album „Jagged little pill“ Alanis-sozialisiert wurde.

Morissette weiß das und wagt es nicht, viel Unbekanntes zu spielen, obwohl der Anlass ihrer Tour ein neues Album ist, das erste seit vier Jahren. Ohne Vor-Band gestartet, wirft Morissette schon als zweiten Song den ersten 90er-Hit aus dem Frühwerk hin. Vielleicht, um sich die Gunst der Fans zu erschleichen. „You learn“ – einer ihrer zahlreichen kraftvollen Songs über Ex-Freunde.

Solide wie diesen trägt sie fast alles an diesem Abend vor, in Studio-Länge, ohne Live-Variationen oder außergewöhnliche Soli auf der Gitarre oder der ihrer Mundharmonika, frei von Überraschungen. Vielleicht fehlt einfach die Spontanität in ihrer Band, die Alanis Morissette komplett neu besetzt hat. Der größte Teil des Abendrepertoires stammt aus ihrem ersten Studio-Album, mit über 33 Millionen verkauften Platten ein unerreichter Erfolg. Bei „Ironic“ hält Alanis dann auch mal das Mikro ins Publikum – die Textsicherheit hier ist sehr erwartbar. Höhepunkt des Abends: „Hand in my pocket“ in einer langsamen, getragenen Version.

Die Erklärung zu diesem kurzen und distanzierten Auftritt ist wahrscheinlich das Lied „Guardian“ aus dem neuen Album. Es handelt vom Muttersein, das Alanis Morissette, 38, jetzt sehr beschäftigt. In der Huffington Post schrieb sie im April über „Being an attachement parent“. Ihr eineinhalbjähriger Sohn begleitet sie auf der Tour durch Europa. Bestimmt wartete der Kleine hinter der Bühne auf eine Gute-Nacht-Geschichte von Mama. Da muss man mit der Arbeit beizeiten fertig sein.

Das neue Album „Havoc and bright lights“ erscheint am 24. August in Deutschland.

 

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