Aleppo im syrischen Bürgerkrieg

Der Geruch des Krieges

Der syrische Bürgerkrieg ist auf beiden Seiten gnadenlos. Nun droht er das kulturelle Erbe einer der ältesten Städte der Welt zu zerstören. Eine Reportage.

„Wäre mein Bruder in der Armee, würde ich ihn töten“: Rebellen in Aleppo.  Bild: Daniel Etter

ALEPPO taz | Es riecht nicht nach Krieg, es riecht nach Kardamom. Das Dach aus Weinblättern wirft Schattenspiele auf die Karte von der Altstadt. In der Mitte ist die Zitadelle eingezeichnet, drum herum liegen die unzähligen engen, verwinkelten Gassen. Bevor der Krieg nach Aleppo kam, wurden hier Gewürze verkauft, Seife und Seide, seit Hunderten von Jahren. „Niemand ist mehr hier, nur noch Kämpfer“, sagt Abu Oubeida. Er fährt mit seinen Fingern über die Karte und zeigt, welche Gebiete die syrischen Rebellen eingenommen haben und wo gekämpft wird.

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Aleppo ist eine der ältesten Städte der Welt. Die Altstadt mit ihren Kirchen, Moscheen, Synagogen, den Marktplätzen und den Badehäusern aus dem 12. Jahrhundert ist Weltkulturerbe. Seit drei Monaten tobt der Bürgerkrieg. Etwa ein Drittel der Bevölkerung soll geflohen oder in sichere Stadtviertel umgezogen sein. Die Rebellen kämpfen mit Kalaschnikows und Rohrbomben, die Regierung setzt Panzer und Kampfjets ein. Die Schlacht im Souk, im Basar Aleppos, droht das Kulturerbe zu zerstören.

Abo Oubeida, grau meliertes Haar und einer der älteren Kämpfer, gehört zu den wenigen Rebellen, die aus der Stadt selbst kommen. Die meisten Kämpfer sind aus der Provinz. Sie haben den Krieg nach Aleppo gebracht, in das wirtschaftliche Herz Syriens, für dessen Bewohner zu viel auf dem Spiel stand, um aus eigenem Antrieb gegen Assad zu rebellieren. Bis heute hängen in den von Rebellen kontrollierten Straßen der Altstadt noch Plakate mit seinem Bild.

Abu Oubeida bekommt einen Hilferuf per Funk. Ein paar Gassen weiter hält sich noch eine Familie versteckt, jetzt will sie fliehen. Abu Oubeida soll sie in Sicherheit führen, klopft an ihre Tür. Eine schwarz verschleierte Frau öffnet. Sie reicht Abu Oubeida ihr jüngstes Kind. Er nimmt es in den Arm, fängt an zu rennen. Die Frau und ihre anderen beiden Kinder folgen ihm.

Flucht durch die Hinterhöfe

Der Weg von der Front in Aleppos Souk führt die Gruppe durch Wohnzimmer, in denen die Farbe von den Wänden blättert, und Hinterhöfe mit Spitzbögen. Die Rebellen haben, um nicht in die Schusslinie der Scharfschützen zu geraten, Löcher in die Wände geschlagen, damit sie sich nicht in den offenen Gassen bewegen müssen. Sie rennen treppab und treppauf, ducken sich durch enge Öffnungen im Sandstein, drücken sich an Mauern entlang. Schließlich erreichen sie einen Basar, wo ein Transporter wartet. Die Familie setzt sich auf die Ladefläche, der Wagen rast davon.

Abu Oubeida kehrt zu seiner Einheit zurück. Seine Leute rücken weiter vor, wollen einen Checkpoint der syrischen Armee angreifen. Einzeln spurten sie über eine vierspurige Straße, die die Altstadt durchschneidet. Sie müssen schneller sein, als die Scharfschützen am Ende der Straße zielen können. In Aleppos Altstadt findet ein Häuserkampf statt, wie er extremer kaum sein könnte. Es ist eine Schlacht im Labyrinth, stockfinster in der einen Gasse, gleißend hell an der nächsten Ecke. Innerhalb von Sekunden können die engen Gassen zu Todesfallen werden.

Die Männer teilen sich auf, sie wollen von zwei Seiten angreifen. Abu Oubeida und seine Gruppe beziehen Stellung in einer Gasse neben einer Seifenfabrik, Jasminduft liegt in der Luft. „Es riecht wie in einem Kosmetiksalon“, meint einer der Männer. „Nicht wie ein Krieg.“

Die Kämpfer präparieren ihre selbst gebastelten Rohrbomben. Abdu Abdeh Hari, 20 Jahre alt, rennt bis zu einem Wall aus Schutt, zündet die Bombe und wirft sie auf die andere Seite, wo der Checkpoint der Armee ist. Vor zwei Monaten war er noch regulärer Soldat, stationiert in der Zitadelle von Aleppo. Er desertierte, als er die erste Gelegenheit fand, jetzt bekämpft er seine ehemaligen Kameraden. „Wäre mein Bruder in der Armee, würde ich ihn töten.“

Die Bombe explodiert. „Einer ist getroffen“, erfahren die Rebellen über den Funk der Armee. „Ich bin sehr glücklich, dass ich ihn getötet habe“, sagt Abdu. Der Krieg in Syrien wird auf beiden Seiten gnadenlos geführt.

Gegenschlag aus der Luft

15 Mann habe die Armee an dem Checkpoint postiert, sagen die Rebellen. Sie sind 12. Hinter dem Checkpoint wartet das größere Ziel. In einer Schule sollen 200 Milizen der Regierung stationiert sein. In einer Ecke haben die Rebellen eine Art Propaganda- und Nachrichtenzentrum aufgebaut. Mit versteckten Kameras beobachten sie die Schule auf einem Computer. Von einem Telefon, das an einen Verstärker angeschlossen ist, spielen sie Musik. Krächzend schallen revolutionäre Lieder durch die Gassen.

Abu Oubeida bringt ein Kind in Sicherheit.  Bild: Daniel Etter

Der Gegenschlag lässt nicht lange auf sich warten. „Mig, Mig!“, schreien die Männer. Ein Kampfjet stürzt sich auf die Altstadt nieder; er feuert dröhnende Maschinengewehrsalven auf die Rebellen, steigt wieder auf, zieht einen Kreis und wiederholt den Angriff. Wieder und wieder. Hier wirft er keine Bomben ab. Zu nahe ist er an den eigenen Positionen. Panzer feuern in die Marktstraßen, Geschosse durchschlagen die alten Mauern. Ein Transporter rast durch die Gassen. Hupend bahnt er sich den Weg. Auf der Ladefläche liegt ein Kämpfer. Er ist am Kopf getroffen. Sein Mitkämpfer sitzt schreiend neben ihm.

Abu Oubeidas Einheit zieht sich zurück. Wieder geht es über die vierspurige Straße. Die Scharfschützen, die die Kämpfer um Abu Oubeida auf dem Hinweg nicht beachtet hatten, feuern diesmal. Die Kugeln wirbeln beim Einschlag Staub auf.

Am nächsten Tag nehmen die Rebellen die Umayyaden-Moschee ein, nur 24 Stunden später erobert die Armee sie schon wieder zurück. Die Schlacht in Aleppo wogt hin und her, bisher kann keine Seite einen entscheidenden Sieg für sich verbuchen. Die Rebellen behaupten, dass sie drei Viertel der Stadt halten, aber viele Gebiete werden immer wieder von der Armee eingenommen. Zwischen den Fronten leidet die Zivilbevölkerung, und mit jeder Kugel und jedem Mörser, die in der Altstadt verschossen werden, verliert Aleppo ein Stück seines kulturellen Erbes.

Außerdem drohen Bildersturm und Plünderungen. Im Innenhof eines historischen Spitals wurden die Gesichter von Statuen abgeschlagen. Vermeintlich das Werk islamistischer Kämpfer. Die Museen seien von Soldaten leer geräumt, erzählen Aktivisten.

Am Rande der Altstadt findet das Leben statt, als würde es keinen Krieg in Aleppo geben. Händler bieten frisches Gemüse und Nüsse an, Kinder spielen in den Gassen, Männer diskutieren am Straßenrand. Der Kebabmann fächelt seinen Grill an. Es ist das romantische Klischeebild vom Nahen Osten. Bis in der Nähe ein Mörser einschlägt und die Menschen ziellos wegrennen und Schutz suchen, wo es keinen Schutz gibt.

In den Vorstädten liegt der Geruch von verbrennendem Abfall in der Luft, von verfaulendem Fleisch und von Sprengstoff – es riecht nach Krieg. Der Geruch scheint langsam zur Altstadt herüberzuziehen.

 

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