In Hohenschönhausen sieht es nicht so aus, als ob die Piraten schon allzu viele Herzen erobert haben.von JULIA FIEDLER

Die Piratenpartei, bislang nicht im Abgeordnetenhaus vertreten, könnte Umfragen zufolge am Sonntag den Einzug ins Berliner Landesparlament schaffen. Bild: REUTERS
Mit jeder S-Bahn kommt ein neuer Schub potenzieller Piratenwähler auf den Platz geströmt. Station Wartenberg, Hohenschönhausen, Plattenbau reiht sich an Plattenbau. Yannick Meyer verteilt Kaperbriefe. Unermüdlich läuft der Direktkandidat für die Lichtenberger Ortsteile Karlshorst und Rummelsburg auf die Menschen zu: "Das Programm der Piraten vielleicht?" Kopfschütteln, wegblicken, ignorieren. Manchmal ein Lächeln, ein paar stecken die Zettel in ihre Tasche. "Es ist hier ein schwieriges Pflaster", sagt Steffen Bornfleth, Direktkandidat für Hohenschönhausen und Malchow. "Die Leute sind desillusioniert."
Nicht so die Kinder auf dem Platz. Nach wenigen Minuten warten sieben Jungen und Mädchen kichernd darauf, dass der Piratenkandidat Luftballon-Schwerter kreiert. Und Dackel. "Wer wählt denn Piraten?", fragt ein blondes Mädchen. "Wir sind eine Partei, deshalb kann man uns wählen", sagt Bornfleth. Das Mädchen überlegt kurz: "Piraten gibt es doch gar nicht mehr." Bornfleth lächelt und drückt ihr ein Schwert in die Hand: "Doch, ein paar schon. Aber wir sind keine bösen Piraten."
Das finden drei junge Männer schon. "So einen Scheiß wählen wir nicht", rufen sie im Vorbeigehen. "Wir sind für die NPD!" Lange nicht so radikal, aber trotzdem unzufrieden ist ein älterer Herr. "Die klauen den anderen Parteien nur das Geld", schimpft er. Zu viele Gruppierungen im Parlament seien kontraproduktiv. "Die zerstreiten sich nur." Er wähle lieber eine etablierte Partei.
Etwa so eine, für die Joachim Groneberg gerade unbewusst Werbung macht. Er hält eine Plastiktüte in der Hand, als er an den Piratenstand kommt. CDU steht darauf. "Aber die bürgerlichen Parteien wähle ich auf keinen Fall." Eher eine Splitterpartei, vielleicht sogar die Piraten. Dass Staat und Kirche getrennt sein sollen, findet er gut. "Und gegen die Vorratsdatenspeicherung bin ich auch." Bärbel Kubisch ist eine der Wenigen, die das Gespräch mit den Piraten sucht. Die 49-Jährige hat schon bei der Bundestagswahl die Piraten gewählt. "Neue Parteien sollten eine Chance haben", findet sie. "Die etablierten machen mir zu viel Lobbyarbeit." Ihr gefallen die Forderung nach einem Mindestlohn und die Internetthemen. Jetzt wolle sie das Wahlprogramm noch mal genauer lesen. "Ich will mich wohl fühlen, wenn ich am Sonntag das Kreuzchen mache."
Dennis hingegen hat schon gewählt, die Piraten, bei der U-18-Wahl. "Die klangen am coolsten", sagt der 14-Jährige. "Und meine Oma meinte, die Piraten seien besser als die FDP." Kandidat Bornfleth lächelt. "Das ist doch mal was!"
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Die Hauptstadt hat gewählt. Rot-Rot hat verloren. Der bisherige Senat hat keine Mehrheit mehr. Dafür zog am 18. September 2011 die Piratenpartei erstmals in ein Landesparlament ein. Sie bekam gleich 8,9 Prozent der Stimmen. Auch die Grünen legten ordentlich zu. Für eine Regierungsbeteiligung reichte es dennoch nicht. Denn die Koalitionsgespräche mit der SPD sind geplatzt. Die Sozialdemokraten verhandeln nun mit der CDU über die Bildung des neuen Berliner Senats.
Alle taz-Texte zur Berlinwahl 2011 finden Sie hier in der Übersicht.
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