Drei Philosophen analysieren die These „Es gibt keinen Geschlechtsverkehr“ des Analytikers Jacques Lacan. Dabei handelte es sich um mehr als eine verbale Laune.von Tim Caspar Boehme

Es gibt keinen Gechlechtsverkehr? Es gibt kein Geschlechterverhältnis! Bild: alex2.0 / photocase.com
Gezielt gesetzte Provokationen verfehlen selten ihre Wirkung. Besonders dann, wenn es sich um einen Satz handelt, der sich so gar nicht mit der gewöhnlichen Alltagserfahrung in Einklang bringen lassen will. „Es gibt keinen Geschlechtsverkehr“, lautet eine berühmte Formulierung des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan, die man allemal als kontraintuitiv bezeichnen könnte.
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Dass es sich bei diesem „Axiom“ Lacans um mehr als eine verbale Laune des oft schwer zugänglichen Theoretikers handelt, demonstrieren zwei philosophische Neuerscheinungen, die sich schon im Titel auf Lacans These berufen: „Es gibt keinen Geschlechtsverkehr“ von Alain Badiou und Barbara Cassin nebst „Es gibt – Geschlechtsverkehr“ von Jean-Luc Nancy laden als Minikontroverse ein, zu erkunden, was es mit dem Satz auf sich haben mag.
Um grundsätzlichen Missverständnissen vorzubeugen: Lacan wollte nie ernsthaft bestreiten, dass das, was mit dem Ausdruck „Geschlechtsverkehr“ bezeichnet wird, tatsächlich geschieht.
Im Original ist der Satz denn auch weit mehrdeutiger. So lässt sich „Il n’y a pas de rapport sexuel“ ebenso als „Es gibt kein Geschlechtsverhältnis“ lesen. Jean-Luc Nancy gibt als weitere Bedeutung von „rapport“ noch „Bericht“ an. Denn Lacan geht es vor allem um etwas, das man die „sprachliche Nichtdarstellbarkeit“ des Geschlechtsverhältnisses nennen kann.
Will man genauer erklären, was es mit der These auf sich hat, dass sich das Geschlechtsverhältnis nicht beschreiben lässt, wird es kompliziert. Sehr allgemein könnte man sagen, dass sich das Geschlechtsverhältnis und damit die sexuelle Differenz für Lacan auf einer Ebene abspielen, die von der Sprache nur unzureichend erfasst wird.
Für Lacan gibt es daher kein direkt darstellbares Verhältnis der Geschlechter zueinander. Viele der Fragen, die Nancy, Cassin und Badiou in ihren Beiträgen aufwerfen, kreisen um diesen Knotenpunkt in Lacans These.
Die Aristoteles-Expertin Barbara Cassin zeichnet nach, dass Lacan sein Axiom in Abgrenzung zu Aristoteles’ Logik formuliert, in der der Satz des ausgeschlossenen Widerspruchs als oberstes Prinzip dient.

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Foto: tazWährend dieser Satz die Eindeutigkeit des Sinns von Aussagen voraussetze – andernfalls ließe sich ein klarer Widerspruch der Form „A und Nicht-A“ gar nicht ausdrücken –, sei die Sprache für Lacan in Wirklichkeit viel zu mehrdeutig für Eindeutigkeit. Sprache gilt Lacan gar als Integral der Äquivoke, also aller Mehrdeutigkeiten, Ambivalenzen und Vagheiten, die das Sprechen mit sich bringt.
So wenig nun eine auf Eindeutigkeit des Sinns beruhende Logik nach dem Muster des Aristoteles für Lacan möglich ist, so wenig können für ihn Geschlechtsverkehr oder das Geschlechtsverhältnis „geschrieben“ werden. Wie Badiou hervorhebt, ist „das Geschlecht“ vielmehr durch „Ab-Sinn“, die Abwesenheit von Sinn, bestimmt. Mit Logik passt das genauso schlecht zusammen wie mit einer sinnvollen Beschreibung – eine Einsicht, zu der die Philosophie laut Badiou überhaupt nicht fähig sei.
Fernab aller Begriffsjongliererei schimmert der Zweck des Anliegens durch, wenn Badiou daran erinnert, dass es Lacan weniger um abstrakte Gedankenspiralen als um die Praxis seiner analytischen Erfahrung gegangen sei. Diese öffne einen Raum „zwischen Sinn und Nicht-Sinn“, der für die Analyse notwendig sei. Mit Eindeutigkeit oder einem beschreibbaren Geschlechtsverhältnis kommt man dort allem Anschein nach nicht weiter.
Um die Tragweite dieser These nachzuvollziehen, wäre ein klinischer Exkurs erforderlich, den jedoch weder Badiou noch Cassin leisten wollen, was ihre Texte recht hermetisch erscheinen lässt. Und Nancy gibt gleich eingangs zu verstehen, dass er weder die theoretische noch die klinische Kompetenz mitbringe, um Lacans These immanent herauszuarbeiten.
Im Klartext heißt das: Nancy stellt Lacan komplett auf den Kopf. Zunächst konstatiert er, dass es keinen Geschlechterunterschied gebe, sondern bloß „das sich differierende Geschlecht“. Dieses sich differierende Geschlecht müsse als ein Verhältnis gesehen werden, als ein „Sich-Verhalten“. Und so kulminieren seine Überlegungen in der Feststellung „Das Sexuelle ist das ’Es gibt‘ des Verhältnisses.“ Wobei er einräumt, das Verhältnis bleibe eine offene Frage. Bis auf Weiteres, kann man leicht verwirrt resümieren, gibt es wohl auch Geschlechtsverkehr.
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Leserkommentare
17.08.2012 14:43 | reblek
Bildunterschrift: Es gibt kein Geschlechterverhältnis! ...