Andreas Rüttenauer will DFB-Präsident werden

Es geht nicht ums Gewinnen

Grant Wahl forderte 2011 bei der Wahl zum Fifa-Präsidenten Sepp Blatter heraus. Mit der taz spricht er über Sinn und Chancen scheinbar aussichtsloser Kandidaturen.

Grant Wahl, ein würdiges Vorbild für Andreas Rüttenauer. Bild: imago

taz: Herr Wahl, kennen Sie Wolfgang Niersbach?

Grant Wahl: Ja, ich habe ihn bei der WM 2006 in Deutschland kennen gelernt.

Hätten Sie gedacht, dass Ihre Kampagne einen deutschen Journalisten dazu inspirieren würde, gegen Niersbach anzutreten?

Nein, natürlich nicht. Aber es ist toll zu sehen, dass ich so etwas angestoßen habe. Neben Andreas hat auch ein Journalist in Brasilien für das Präsidentenamt des dortigen Verbandes kandidiert.

Aber er hatte ebenso wenig Erfolg wie Sie.

Das kommt darauf an, was man unter Erfolg versteht. Es ist schwierig, so eine Wahl wirklich zu gewinnen. Ich habe zwar nicht gewonnen, aber Erfolg hatte ich trotzdem. Denn meine Botschaft hat die Leute erreicht.

Der 37-jährige Journalist besuchte die Elite-Universität Princeton und scheibt seit 1996 für das größte Sportmagazin der USA, Sports Illustrated, vor allem über Fußball und Basketball.

Die da wäre?

Es geht darum, wie korrupt und undemokratisch die Fifa regiert wird. Das wollte ich zeigen. Und ich denke, es ist mir auch gelungen, viele Fans auf dieses Problem aufmerksam zu machen.

Waren Sie als Journalist die richtige Person für eine solche Kandidatur?

Ein Journalist kann der Öffentlichkeit zeigen, was los ist, wo die Probleme sind. Aber wichtig ist auch, dass die Fans Druck auf ihre Verbände ausüben und mehr Mitsprache, mehr Demokratie einfordern.

, Kandidat für das Amt des DFB-Präsidenten, wird sich einer Podiumsdiskussion mit seinem Gegenkandidaten Andreas Rüttenauer nicht stellen. In einem Schreiben, das der taz vorliegt, lässt Niersbach sich von DFB-Kommunikationschef Rald Köttker entschuldigen.

Die von Rüttenauer angeregte Podiumsdiskussion wird von Köttker diffamierend als "Medientermin" bezeichnet. Einen solchen würde Niersbach vor der Wahl grundsätzlich nicht wahrnehmen. Anstatt seine Ideen, wie Rüttenauer, auch der interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, will Niersbach sein Programm erst am 2. März, dem Tag der Wahl zum DFB-Präsidenten wohlgemerkt, auf dem außerordentlichen Bundestag des DFB präsentieren. Einer Diskussion mit seinem Gegner will sich Niersbach erst stellen, wenn dieser von einem Regionalverband des DFB nominiert wurde.

Ein Ziel, für das Rüttenauer hart arbeitet. Von den 21 Regionalverbänden hat jedoch nun der dritte abgesagt: nach Niederrhein und dem Rheinland hat auch das Saarland kalte Füße bekommen und verweigert Rüttenauer die Unterstützung. Der Südwesten, einst, vor 160 Jahren, noch das Herzgebiet der bürgerlich-demokratischen Revolution - alles Geschichte, alles vorbei.

War das auch die Motivation für Ihre eigene Kandidatur? Mehr Demokratie?

Leider hat sich die Fifa mit den Jahren fast zu einer Art Diktatur entwickelt. Dort regieren immer wieder dieselben Leute und bei einer Wahl gibt es nur einen Kandidaten. Ich finde, dass man die Amtszeiten des Präsidenten begrenzen müsste. Niemand sollte länger als für zwei Wahlperioden regieren. Nehmen Sie Sepp Blatter. Er regiert die Fifa seit 1998. Das finde ich falsch. Niemand sollte länger als acht Jahre Fifa-Präsident sein oder dem Exekutivkomitee angehören. Wandel ist gut! Denn wenn man zu lange an der Macht ist, tut man irgendwann Dinge, bloß um an der Macht zu bleiben. Ich war vor kurzem in Argentinien. Der Präsident des dortigen Verbandes, Julio Grondona, ist schon seit 1979 im Amt und außerdem seit 1988 Vizepräsident der Fifa. Das ist ein Witz!

Sind Sie wegen dieser Mängel auf die Idee gekommen zu kandidieren?

Schon. Die Idee kam mir im Januar 2011. Damals hatte Sepp Blatter, genau wie schon 2007, keinen einzigen Gegenkandidaten. Und ich dachte: Hey, in einer guten Demokratie gibt es eigentlich mehr als einen Kandidaten. Und überall wo ich in der Welt hinfahre, um über Fußball zu berichten, sind die Fans nicht mit der Fifa zufrieden. Sie halten die Fifa nicht für sauber und glauben, dass Sepp Blatter mit schmutzigen Mitteln an die Macht gekommen ist - mit der Unterstützung von Funktionären, die ebenfalls mit unsauberen Mitteln arbeiten. Und da anscheinend niemand anders kandidieren wollte, dachte ich: Warum nicht ich?

Haben Sie sich auch vom Fersehkomiker Stephen Colbert inspirieren lassen, der 2008 in South Carolina bei den demokratischen Vorwahlen für das Amt des US-Präsidenten angetreten ist?

In der Geschichte der USA gab es einige Kandidaturen wie meine und Colberts. Etwa die des Schriftstellers Normal Mailer, der sich Ende der 1960er Jahre um das Amt des Bürgermeisters von New York beworben hat. Was eine solche Kandidatur leistet, ist vor allem, Themen zu setzen, die keiner der klassischen Kandidaten anspricht. Es geht nicht ums Gewinnen. Mein Ziel war es schließlich auch nur, ein Land dazu zu bringen, mich bei der Wahl aufzustellen.

Dann haben Sie Ihr Ziel allerdings verfehlt.

Ich wusste, dass es schwer werden würde. Die Fifa ist eine sehr verschlossene Organisation. Ich habe vieles versucht und unter anderem vor dem Uefa-Kongress gesprochen. Ich habe mich sogar mit den Funktionären eines Verbandes getroffen, der mal die WM gewonnen hat. Sie haben mir gesagt, dass sie sich vorstellen könnten, in einer geheimen Wahl für mich zu stimmen, aber dass sie mich unmöglich nominieren könnten, weil die Nominierung öffentlich ist. Sie hatten Angst vor den Konsequenzen.

War es der deutsche Verband?

Nein, sie waren es nicht. Aber ich hätte es ihnen zugetraut. Immerhin war es Theo Zwanziger, der eine Untersuchung der WM-Vergabe an Katar gefordert hat. Davor habe ich Respekt.

Obwohl Sie die Nominierung verpasst haben, war das Echo auf Ihre Kandidatur gewaltig.

Stimmt, ich habe Medien aus etwa 40 Ländern Interviews gegeben, sogar CNN hat über mich berichtet. Auch die Reaktion der Fans war sehr positiv. Auf unserer Website hatten wir eine Abstimmung über den Fifa-Präsidenten. Ich habe 95 Prozent bekommen, Blatter 2 Prozent. Das ist natürlich nicht wissenschaftlich, aber es zeigt, dass die Meinung der Fans sich nicht in der aktuellen Personalpolitik der Fifa widerspiegelt.

Warum war trotzdem niemand bereit, Sie zu nominieren?

Die kleineren Verbände brauchen schlicht und einfach das Geld der Fifa, etwa durch das "Goal"-Programm, das ihnen finanzielle Unterstützung garantiert. Sepp Blatter benutzt dieses Programm als politisches Instrument. Deshalb war mir klar, dass mich allenfalls ein mittlerer oder großer Verband nominieren würde. Ich habe es vor allem bei den skandinavischen Ländern versucht, da diese Länder für Transparenz bekannt sind. Und natürlich habe ich auch beim US-Verband angeklopft.

Warum haben die sich die Chance entgehen lassen, einen Landsmann zu nominieren?

Sie wollen demnächst noch einmal die WM haben. Die USA haben zwar die Nominierung für 2022 verpasst, aber sie rechnen sich Chancen für 2026 oder 2030 aus. Deshalb wollte der Verband nichts tun, was Blatter wütend gemacht hätte.

Es wollte also kein Verband das Risiko eingehen, Sie zu nominieren?

Das stimmt. Und das sagt schon einiges über die Fifa aus, oder?

Hat Sepp Blatter jemals auf Ihre Kampagne reagiert?

Nein. Aber ich habe mich auch nie besonders angestrengt, mit ihm in Kontakt zu treten.

Andreas Rüttenauer hat letzten Freitag sein Zelt vor der DFB-Zentrale in Frankfurt aufgeschlagen und das Gespräch mit Wolfgang Niersbach gesucht. Niersbach ist aber durch den Hinterausgang verschwunden. War das clever?

Die Funktionäre wissen eben nicht, wie sie mit solchen Aktionen umgehen sollen. Sie denken wahrscheinlich, dass ein Treffen mit dem Herausforderer dessen Kampagne eine gewisse Legitimität einräumt.

Haben Sie irgendwelche Tipps für Andreas Rüttenauer?

Die Leute müssen merken, dass man es ernst meint. Als ich kandidiert habe, dachten viele zuerst an einen Witz. Aber das war es nicht. Meine Anliegen waren echt.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de