Die Aktionen radikaler Islamisten schockieren libysche Politiker und Aktivisten. Menschenrechtler kritisieren die zurückhaltende Reaktion der Behörden.von Mirco Keilberth

Völlig zerstört: Mit Bagger und schwerem Gerät greifen Salafisten einen Sufi-Schrein an. Bild: reuters
TRIPOLIS/BERLIN taz | In Libyen haben Salafisten die laufenden Verhandlungen zur Bildung einer neuen Regierung für Angriffe auf Sufi-Heiligtümer genutzt. Die für ihren Sufi-Schrein bekannte Stadt Sliten östlich von Tripolis war bis Montag Schauplatz von Kämpfen zwischen lokalen Milizen und in die Stadt eingesickerten islamistischen Brigaden. Bis zum Stadtrand der Haupstadt war der Geschützlärm zu hören.
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Die salafistischen Einheiten in Slitan schossen mit großkalibriger Artillerie auf die Moschee und zerstörten große Teile der Pilgerstädte für Sufis aus ganz Nordafrika. Eine der ältesten Bibliotheken Libyens brannte ab, mit ihr Jahrhunderte alte Bücher von muslimischen Gelehrten.
In Libyen gibt es hunderte Moscheen, in denen Muslime ihrem Glauben nach den Regeln des Sufi-Ordens ausrichten, der eine spirituelle Strömung des Islam ist und sich das Leben von Mohammed zum Vorbild nimmt. Die Sufis verehren historische Persönlichkeiten oder Heilige, die auf dem Gelände der Moscheen bestattet wurden. Nach der strengen Auslegung der sunnitisch-salafistischen Gläubigen ist dies Gotteslästerung und unislamisch.
Salafistische Anti-Gaddafi-Kämpfer hatten schon mehrfach versucht, heilige Stätten der Sufis zu zerstören. Nun witterten sie ihre Chance. Anwohner versuchten sie zu verjagen, wurden aber unter Beschuss genommen. Über 16 Menschen starben, Augenzeugen sprechen von stundelangen Häuserkämpfen. Ganze Straßenzüge in der Innenstadt von Sliten sind mit Einschusslöchern übersät, schockierte Geschäftsleute stehen grimmig vor ihren ausgebrannten Läden.
Großmufti Scheich Sadek Al-Ghariani und Vizepremierminister Mustafa Aboushagur haben die Zerstörungen der Sufi-Heiligtümer verurteilt. Der Chef des neu gewählten Nationalkongresses, Mohammed Magarief, war außer sich. Absoushagur, den politische Beobachter als zukünftigen Premierminister sehen, betonte, man werde die Täter strafrechtlich belangen. Libysche Menschenrechtler beklagen, dass Scheich Ghariani und die Regierung trotzdem nicht energisch genug eingriffen und damit sogar den Angriff auf eine zweite Sufi-Moschee mitten in Tripolis ermöglichte.
Dieser begann am Sonntag mit der weiträumigen Absperrung der Straßen rund um das Radisson Hotel, wo internationale Diplomaten und Geschäftsleute ein und ausgehen. Vor deren Augen sicherten Angehörige des neuen Sicherheitsdienstes SSC und der Polizei ungeniert Bagger und anderes schweres Gerät, mit denen die Sidi-Shabab-Moschee zerstört wurde. Unbekannte in der für Salafisten typischen weißen Kleidung mit Dreiviertelhosen exhumierten zwei Gräber.
Libyens junge Zivilgesellschaft, der Motor der Revolution vom letzten Jahr, probt nun den Widerstand. Zwei Journalisten des Lokalsenders „Al Assema“ wurden an der Berichterstattung gehindert und verhaftet, ein gegen den Abriss protestierender Imam von Salafisten verschleppt. Er hatte ihnen unislamisches Verhalten vorgeworfen.
„Ich habe diese Männer noch nie gesehen“, sagt der Journalist und Aktivist Ibrahim Shebani, „die stehen für mich für das alte Libyen.“ Shebani hatte einen spontanen Protest vor der Sidi-Shabab-Moschee mitorganisiert. „Die Mehrheit der Libyer ist gegen diese Verbrechen, die neue politische Elite muss nun schnell Religions- und Meinungsfreiheit durchsetzen“, sagt Shebani.
„Oder ihr wahres Gesicht zeigen“, sagt ein anderer Protestierer, der seinen Namen lieber nicht nennen will.
Kurze Zeit später passiert, was beide insgeheim befürchtet haben. Innenminister Fawzi Abdelali tritt zurück, statt zu handeln. Während der andauernden Abrissaktion lässt sich Abdurrahman Shater, ein Vertrauter von Wahlsieger Mahmoud Dschibril, blicken. Er schweigt und geht nach kurzer Zeit wieder.
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